Titel: Forschendes Lernen – (Selbst)reflexive Ansätze des ethnographischen Forschens und performative Formen des Wissenstransfers
Termine: 15.10.2026 (12:00-14:00 Uhr), 22.10.2026 (12:00-16:00), 29.10.2026: (12:00-18:00), 5.11.2026 (12:00-14:00), 12.11.2026 (12:00-14:00), 3.12. (12:00-14:00), 10.12.2026 (12:00-14:00),
Forschungsphase (29.10.-3.12.)
Mittwoch, 27.1.2027: Endpräsentation im Institut für Ethnologie im Rahmen des Institutskolloquiums (12:00-18:00 Uhr)
Veranstaltungskommentar
Im Projektseminar „Forschendes Lernen” erhalten die Studierenden die Möglichkeit, eigenständig sozialanthropologische Themen und Fragestellungen zu entwickeln und diese im Rahmen von Teamarbeit in ein Wissensprodukt für den Wissenstransfer zu überführen.
In den letzten Jahrzehnten war die Sozialanthropologie stark mit der Aufarbeitung ihrer kolonialen Vergangenheit und dem damit verbundenen Bemühen um eine Dekolonisierung der Disziplin beschäftigt. Die sogenannte Krise der Repräsentation in den 1980er Jahren thematisierte Fragen von Definitionsmacht und Autor:innenschaft und sensibilisierte im Rahmen der Writing-Culture-Debatte dafür, dass Sozialanthropolog:innen „Kulturen” nicht einfach beschreiben, sondern in ihren Darstellungen immer auch mitkonstruieren. Insbesondere kritische und feministische Sozialanthropolog:innen haben sich in ihren Arbeiten mit der Situiertheit von Wissen, der Reflexion von Positionalität und forschungsethischen Fragen auseinandergesetzt. Aus diesen Ansätzen sind unter anderem kollaborative Forschungsmethoden hervorgegangen, die problematisieren, wie wissenschaftliches Othering „das Andere” unreflektiert objektiviert. Dies hat dazu geführt, dass ethnographische Wissensprodukte zunehmend (selbst-)reflexiv, interaktiv, dialogisch und polyvokal gestaltet werden.
Parallel dazu haben sich auch Lehrmethoden weiterentwickelt, die sozialanthropologisches Wissen nicht länger als ein passiv zu rezipierendes Konglomerat begreifen, das rein belehrend und hierarchisch vermittelt wird. Forschendes Lernen als dialogische Lehr-, Lern- und Forschungsform ist mit seiner kontextbezogenen Verstehensorientierung darauf ausgerichtet, dass Studierende und Lehrende ihre Erfahrungen und Reflexionen aus Forschungsfeldern und -beziehungen gemeinsam und erkenntnisorientiert bearbeiten. Die Veranstaltung fokussiert daher auf gegenseitiges Kennenlernen und wechselseitiges Voneinanderlernen. In diesem Seminar seid ihr als Studierende aktiv an der Wissensproduktion beteiligt und erprobt euch als Lernende zugleich in den Rollen von Forschenden, Lehrenden und Wissensvermittler:innen. Dabei werden Reflexionsräume eröffnet, in denen es idealerweise auch möglich ist, Benachteiligungs- und Diskriminierungsfaktoren im akademischen Kontext zu erkennen und zu benennen sowie strukturell ungleiche Beziehungen zwischen Studierenden und in ihrer Beziehung zu Lehrenden zu thematisieren und zu reflektieren (vgl. Kaufmann, S. 172f.).
Die ethnographische Methode, insbesondere die Teilnehmende Beobachtung, nutzt den eigenen Körper der Forschenden als wichtigstes Werkzeug. Doch was bedeutet das konkret? Wie fühlt sich das an? Und wie gelangen wir von der Empfindung über das Verstehen zu ethnologischen Einsichten? Diesen Fragen wollen wir im Rahmen dieses Projektseminars gemeinsam nachgehen.
Augusto Boal, brasilianischer Theatertheoretiker versteht Theater als eine grundlegende menschliche Sprache. Er bezeichnet es als „die Kunst, uns selbst zu sehen (…) uns selbst dabei zuzusehen, wie wir uns sehen”. Theater ist demnach nicht nur ein Mittel, um ethnologische Erkenntnisse einer interessierten Öffentlichkeit zu vermitteln, sondern kann selbst als ethnographische Methode zur Analyse und Ergründung menschlichen Seins und Handelns verstanden werden. Dies werden wir anhand der Image-Theater-Methode, die ich zur Analyse irritierender und kritischer (Feldforschungs-)Erfahrungen entwickelt habe, praktisch erproben. Seit Erving Goffman (1959) wissen wir: „Wir alle spielen Theater” im Alltag. Wir verkörpern unterschiedliche Rollen auf den verschiedenen Bühnen des Lebens – doch erst das bewusste Inszenieren und Nachstellen des Alltäglichen ermöglicht einen verstehenden und analytischen, also ethnologischen Blick auf unser Handeln.
In diesem Semester beschäftigen wir uns thematisch mit der Erforschung von Status und Macht. Zunächst erkunden wir diese Themen mithilfe unterschiedlicher Theater- und Körperübungen, um ihre verkörperten, interaktiven und sozialdynamischen Dimensionen besser zu verstehen. Keith Johnstone, der Statusdynamiken im Kontext des Improvisationstheaters erforscht hat, beschreibt soziale Interaktion als durch fortwährend wechselnde Statustransaktionen strukturiert. Status bezeichnet in diesem Sinne nicht einfach formalen Rang oder Klassenposition, sondern die relationale Praxis, im Miteinander sozialen Status zu beanspruchen, nachzugeben, zu erhöhen, zu senken oder auszuhandeln. In ähnlicher Weise macht Augusto Boals Theater der Unterdrückten sichtbar, wie Unterdrückung, Widerstand, Schweigen und Handlungsfähigkeit durch Körper, Raum und Interaktion hervorgebracht und inszeniert werden. Wir richten den Fokus somit auf die verkörperten, relationalen und affektiven Dimensionen von Macht und Status, wie sie sich etwa in Haltung, Gestik, Distanz, Stimme, Bewegung, Rhythmus, räumlicher Positionierung und Mustern der Aufmerksamkeit ausdrücken und erfahren lassen. Gemeinsam untersuchen wir, wie Macht und Status alltägliche Situationen prägen.
In Kleingruppen führt ihr Teilnehmende Beobachtungen in unterschiedlichen institutionellen Kontexten durch – etwa im Gericht, in einer Behörde, bei einer Stadtratssitzung oder in anderen Versammlungskontexten, in denen gesellschaftliche Kommunikations- und Aushandlungsprozesse stattfinden. Eure Beobachtungen, Feldnotizen und Einsichten setzt ihr in Beziehung zu sozialanthropologischen Konzepten, Modellen und Theorien.
Ihr evaluiert und kommentiert eure Projekte gegenseitig und erprobt auf diese Weise unterschiedliche Formen der (Selbst-)Reflexivität. Reflexivität ist unabdingbar, wenn wir ethisch verantwortungsvolle, methodisch valide und epistemologisch erkenntnisreiche (auto-)ethnographische Forschung betreiben wollen. Aus ethnopsychoanalytischer Perspektive ist es notwendig, zwischen dem Eigenen und dem Anderen unterscheiden zu lernen, um das Andere überhaupt wahrnehmen zu können und ihm nicht lediglich die eigene Projektion überzustülpen. Wie alle Menschen erfahren wir die Welt durch unseren Leib und sind daher immer Teil dessen, was wir erleben und beobachten. Zugleich verfügen wir über die Fähigkeit, unser Erleben zu reflektieren und dadurch Glaubenssätze, Muster und Kategorien zu erkennen, zu objektivieren und zu theoretisieren, die unsere Wahrnehmung und die Wahrnehmung anderer strukturieren. Selbstreflexion hilft Forschenden, etwas über sich selbst und über das sozio-kulturelle Umfeld zu lernen, in dem sie enkulturalisiert wurden. Über die Reflexion von Feldforschungserfahrungen lernen wir jedoch auch etwas über das „Andere”, dem wir im Feld begegnen. Sich der eigenen Position und Positionalisierung im Feld bewusst zu sein und ihr kritisch-reflexiv begegnen zu können, ist eine zentrale Voraussetzung dafür, ethische Herausforderungen und Konflikte im Feld konstruktiv zu bearbeiten.
Im dritten Teil des Kurses überlegen wir gemeinsam, wie wir eure ethnographischen Projekte performativ aufbereiten, einem Publikum präsentieren und eure wissenschaftlichen Einsichten Dritten vermitteln können. Ansätze der performativen Ethnographie hinterfragen und erweitern dabei die konventionelle Form ethnographischer Repräsentation, nämlich den ethnographischen Text.
Auf dem Weg zur gemeinsamen Entwicklung eines überzeugenden, ästhetisch ansprechenden und ethisch verantwortbaren Endprodukts wird es unterschiedliche Rollen und Aufgaben geben, die die Kursteilnehmer:innen in diesem Prozess übernehmen können. Gemeinsam werden wir erleben, erforschen und diskutieren, welches Potenzial, aber auch welche Herausforderungen diese Form des Wissenstransfers mit sich bringt.
Einschreibungspasswort Learnweb: ForschendesLernen#26
Literatur
Forschendes Lernen in der Kultur- und Sozialanthropologie
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Ethnographisches Forschen und (Selbst)reflexivität
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Status und Macht
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- Lehrende/r: Annika Strauss