„All government […] act is founded on compromise and barter” – so das Urteil des britischen Politikers und Politiktheoretikers Edmund Burke im 18. Jahrhundert. Neben der autoritativen (Mehrheits-)Entscheidung und dem Konsens ist der (in der Regel aus Verhandlungen) resultierende Kompromiss eines der zentralen Instrumente der Politik, erst recht in Demokratien. Georg Simmel, einer der Gründungsväter der Soziologie, hat ihn gar als eine der größten Erfindungen der Menschheit bezeichnet.
In merkwürdigen Kontrast zur bedeutenden Rolle des Kompromisses in Politik und Demokratie steht seine Vernachlässigung als Gegenstand politikwissenschaftlicher Forschung und Theoriebildung. Zudem genießt er in der Politischen Theorie, aber auch in der Öffentlichkeit nicht selten einen ausgesprochen schlechten Ruf.
Was den Kompromiss ausmacht, welche Arten von Kompromissen es gibt, für welche politische Materien er sich eignet, unter welchen Bedingungen Kompromisse erzielt werden können, wie sich die Fairness oder Gerechtigkeit von Kompromissen bestimmen lassen, in welchen Situationen Kompromisse moralisch fragwürdig sind – all diese Fragen sind bisher noch nicht systematisch erforscht worden. Erst in den letzten Jahren ist der Kompromiss wieder verstärkt in den Fokus der Politikwissenschaft, vor allem jedoch der Politische Theorie geraten. Gegenstand des Lektürekurses werden klassische und moderne politiktheoretische Texte zum Kompromiss sein.
Zur Vorbereitung empfohlene Literatur:
ganz kurz:
Greifenhagen, Martin (2008): Kompromiss, in: Gosepath, Stefan/Hinsch, Wilfried/Rössler, Beate (Hrsg.): Handbuch der politischen Philosophie und Sozialphilosophie. Bd. 1. Berlin: De Gruyter, 635-638.
kurz:
Bellamy, Richard/Kornprobst, Markus/Reh, Christine (2012): Introduction: Meeting in the Middle, in: Government and Opposition 47/3: 275–295.
Einführung:
Willems, Ulrich (2026) The concept of compromise revisited, in: de Boer, Jan-Hendryk et al (Eds): History and Theory of compromise, de Gryter (open access) https://www.degruyterbrill.com/document/doi/10.1515/9783111701462/html
Willems, Ulrich (2025) Das Kompromiss-Paradox. Warum eine der größten Erfindungen der Menschheit einen so schlechten Ruf hat (ihn aber nicht verdient), in: Hellmann, Gunther (Hrsg): Der Kompromiss - Eine demokratische Lebensform, transkript (open access) https://www.transcript-verlag.de/shopMedia/openaccess/pdf/oa9783839435700.pdf
Überblick über jüngere Publikationen:
de Boer, Jan-Hendryk/Westphal, Manon (2023): Der Kompromiss in Geschichte und Gegenwart. Politische und historische Perspektiven, in: Neue Politische Literatur 68/2: 140–170.
Bücher & Sammelbände:
Baume, Sandrine/Novak, Stéphanie (Eds.) (2020): Compromises in Democracy, Cham: Palgrave Macmillan.
de Boer, Jan-Hendryk et al (Eds) (2026): History and Theory of compromise, de Gryter (open access)
https://www.degruyterbrill.com/document/doi/10.1515/9783111701462/html
Knight, Jack (Eds.) (2018): Compromise, Nomos: Yearbook of the American Society for Political and Legal Philosophy LIX, New York: New York University Press.
Rostbøll, Christian F./Scavenius, Theresa (Eds.) (2018): Compromise and Disagreement in Contemporary Political Theory. New York/Abingdon: Routledge.
Zanetti, Véronique (2022): Spielarten des Kompromisses, Berlin: Suhrkamp.
- Lehrende/r: Ulrich Willems