„Noch einmal schauert leise / Und schweiget dann der Wind; / Vernehmlich werden die Stimmen / Die über der Tiefe sind.“

In Theodor Storms Gedicht behauptet das Meer seine eigene Sprachlichkeit gegen den Wind, gegen das Schreien der Möwen und vereint doch alle akustischen Eindrücke auf sich selbst. 
Das Seminar nimmt diese maritime Stimmenvielfalt zum Ausgangspunkt und verfolgt die literarischen Erscheinungsformen des Meeres vom Mittelalter bis in die Moderne. Dabei fragen wir, wie Texte das Meer hörbar und lesbar machen, obwohl es sich eindeutiger Benennung und vollständiger Ergründung immer wieder entzieht: Was geschieht, wenn Hörbarkeit gegen Unergründlichkeit, Sagbarkeit gegen Unsagbarkeit und der Wunsch nach Erkenntnis gegen die Erfahrung des Nichtergründenkönnens ausgespielt werden?
Entgegen der verbreiteten Vorstellung, das Meer sei erst in der Neuzeit als ästhetischer und anthropologischer Reflexionsraum entdeckt worden, untersuchen wir seine älteren Traditions- und Wissensbestände. In mittelalterlichen Texten erscheint es nicht allein als Transitraum, Gefahrenzone oder gegenweltlicher Ort des Wunderbaren, sondern ebenso als Meer der Sünde und der Liebe, als Bild für die Unerforschbarkeit Gottes oder als fester Bestandteil apokalyptischer Erzählungen. An ausgewählten lyrischen, erzählenden und theologischen Texten analysieren wir, wie maritime Bilder kulturelles Wissen vernetzen und zugleich über die Bedingungen des Erzählens und Verstehens nachdenken. Neben der textnahen Interpretation beschäftigen wir uns mit Metapherntheorie, historischer Semantik und Fragen literarischer Wissensformation. So soll sichtbar werden, weshalb das Meer in unterschiedlichen Epochen zu einer bevorzugten Figur des Nachdenkens über Sprache, Erkenntnis und Literatur werden konnte – und warum wir offenbar immer zum Denken gezwungen werden, sobald wir am Meer stehen.

Kurs im HIS-LSF

Semester: WiSe 2026/27