Seminarbeschreibung
Nicht der Lehrplan steht im Mittelpunkt guten Unterrichts – sondern der Mensch. Dieses Seminar nimmt einen Perspektivwechsel vor, der in der Lehrerausbildung oft zu kurz kommt: Lehrerinnen und Lehrer unterrichten keine Fächer, sondern Kinder und Jugendliche. Was auf den ersten Blick selbstverständlich klingt, hat weitreichende Konsequenzen für das professionelle Selbstverständnis und die alltägliche Praxis im Klassenzimmer. Im Mittelpunkt des Seminars steht die Frage, wie tragfähige pädagogische Beziehungen entstehen, was sie kennzeichnet und welche Rolle sie für Lernerfolg, Motivation und das schulische Wohlbefinden von Schülerinnen und Schülern spielen. Ausgehend von empirischen Befunden der Unterrichtsforschung und entwicklungspsychologischen Grundlagen werden wir untersuchen, wie Lehrerinnen und Lehrer durch Haltung, Kommunikation und Präsenz eine Atmosphäre des Vertrauens und der Sicherheit schaffen können – als Voraussetzung für jeden gelingenden Lernprozess. Dabei werden auch strukturelle Spannungsfelder in den Blick genommen: Wie lässt sich die unvermeidliche Asymmetrie der Lehrer-Schüler-Beziehung mit einem respektvollen, anerkennenden Umgang vereinbaren? Wie gelingt Beziehungsarbeit unter dem Druck von Leistungsbewertung, Zeitknappheit und institutionellen Zwängen? Und welche Grenzen sind pädagogischen Beziehungen aus professionellen und ethischen Gründen gesetzt? Das Seminar verbindet theoretische Reflexion mit praxisnaher Auseinandersetzung. Fallanalysen, Unterrichtsvignetten und kollegiale Beratungsgespräche schaffen Räume, um eigene Erfahrungen und Beobachtungen einzubringen und didaktisch fruchtbar zu machen.
Seminarauftrag
Jede Teilnehmerin und jeder Teilnehmer führt im Laufe des Semesters ein pädagogisches Beziehungsportfolio. Darin werden in regelmäßigen Abständen konkrete Beobachtungen aus dem eigenen Schulalltag – aus Praktika, Vertretungsstunden oder ehrenamtlichen Kontexten – schriftlich festgehalten und theoretisch reflektiert: Welche Situationen haben eine gelungene oder auch schwierige Beziehungsdynamik zwischen Lehrperson und Lernenden sichtbar gemacht? Was lässt sich daraus für das eigene professionelle Handeln ableiten? Ergänzt wird das Portfolio durch eine kurze mündliche Präsentation einer ausgewählten Situation im Seminar, die als Ausgangspunkt für eine gemeinsame kollegiale Fallbesprechung dient. Ziel ist es, durch den Austausch verschiedener Perspektiven ein geschärftes Bewusstsein für die Komplexität pädagogischer Beziehungsarbeit zu entwickeln und erste Grundlagen für eine reflektierte Lehrerpersönlichkeit zu legen. Bachelorstudierende verfassen abschließend eine schriftliche Reflexion (ca. 5 Seiten), Masterstudierende eine vertiefte Seminararbeit (ca. 12–15 Seiten), in der die Portfoliobeobachtungen mit einschlägiger Forschungsliteratur in Bezug gesetzt werden.
Leistungsnachweis
Regelmäßige aktive Teilnahme, pädagogisches Beziehungsportfolio, mündliche Fallpräsentation, schriftliche Abschlussarbeit (Bachelor: ca. 5 Seiten / Master: ca. 12–15 Seiten)
- Lehrende/r: Stephan Nonhoff