Im Zeitalter der „fake news“ ist die Macht der Sprache nicht länger begründungsbedürftig: Täglich wird uns (nicht nur in social media) vor Augen geführt, wie Worte Wirklichkeit schaffen, verschieben, verfälschen. Zugleich nehmen uns Chat-Bots zunehmend das ab, was bislang als Kern geistiger Tätigkeiten galt: das Lesen, Schreiben, sprachliche Argumentieren. Ob in diesen Entwicklungen vor allem Chancen liegen oder aber durch sie ein substantieller Verlust menschlichen Denkens droht, das ist nicht zu entscheiden, ohne vorher eine grundsätzlichere Frage zu klären: Welchen Stellenwert billigen wir der Sprache zu? Ist sie bloßes Werkzeug, so dass wir das Schreiben wie das Kopfrechnen an Maschinen delegieren können – oder ist sie das Medium, in dem unser Denken überhaupt erst möglich wird? Genau diese Fragen haben Geistes- bzw. konkreter Geschichtswissenschaften auch schon seit den 1970er Jahren unter dem Stichwort des „linguistic turn“ diskutiert: Es geht aus von der Überzeugung, dass wir Wirklichkeit nicht vor, sondern durch Sprache haben, dass also historische Quellen vergangene Wirklichkeit nicht einfach abbilden, sondern konstruieren.

Was im 20. Jahrhundert als akademische Provokation begann, klingt in der Gegenwart von KI alltagsnah und aktueller denn je. Dies ist der Anlass, in der Lektüre-Übung zentrale Beiträge zur Debatte um den „linguistic turn“ neu zu lesen und gemeinsam zu besprechen. Voraussetzung für eine Teilnahme am Kurs ist die Bereitschaft zu intensiver Lektüre und Vorbereitung der entsprechenden Texte sowie zur aktiven Beteiligung an den Diskussionen.

Kurs im HIS-LSF

Semester: WiSe 2026/27