Ausgehend von aktuellen Debatten über die Darstellung und Inszenierung von Frauen(-körpern) und weiblichen Figuren in Film und Literatur – etwa der Kritik an Wim Wenders’ Film Falsche Bewegung (1975), in dem die damals 13-jährige Nastassja Kinski in einer Nacktszene auftritt, oder Diskussionen in sozialen Medien, wie sie etwa auf der Plattform Reddit unter dem Subreddit „MenWritingWomen” mit fast 600.000 Mitgliedern geführt werden – fragt das Seminar danach, wie Frauenfiguren in der deutschsprachigen Literatur des Mittelalters beschrieben, betrachtet und begehrt werden. Im Fokus steht dementsprechend die Frage, wie Wahrnehmung und Begehren erzählerisch und literarisch vermittelt werden. Was hat der heimliche Blick ins Bad, durch ein Loch in der Tür oder durch ein Fenster (Batseba, Iwein, Der arme Heinrich, Melusine) damit zu tun? Wie ist es zu verstehen, wenn eine verführerisch schöne Frau zur Mörderin wird und anschließend heilsgeschichtlich überhöht wird, eine halbnackte, sexuell aktive Frau von ihrem Ehemann ein Schweigegebot auferlegt bekommt und dann als Maria stilisiert wird, und eine vermeintliche Dämonin exkulpiert und ihr Ehemann für sein Begehren bestraft wird? Unterscheidet sich weibliches Begehren dabei grundlegend von männlichem Begehren? Anhand einer Reihe vormoderner Erzähltexte und Figuren (u. a. das Buch Judit des Alten Testaments, Mären, Artus- und Gralsroman, Nibelungenlied, Minnesang, Melusine) werden unterschiedliche Entwürfe eines vormodernen male gaze samt werkimmanenter Reflexionen ebenso diskutiert wie die Frage, inwiefern sich dieser Begriff überhaupt für die Analyse vormoderner Literatur eignet. Häufig werden Frauenfiguren durch komplexe narrative Arrangements einer vereinnahmenden Perspektive entzogen oder verstehen es, das Begehren männlicher Figuren für ihre eigenen Zwecke zu nutzen. Dadurch erscheinen sie mitnichten allein als Objekte der Betrachtung oder als Projektionsflächen sexuellen Begehrens, sondern treten häufig als eigenständige und kognitiv überlegene Handlungsträgerinnen auf. Zugleich stehen daher Fragen nach Handlungsmacht sowie nach dem komplexen Zusammenspiel von Erzählinstanz, Fokalisierung, Rezeptionssteuerung und Figurenaxiologie im Zentrum der Diskussion. Ergänzend werden aktuelle populäre Literatur- und Rezeptionsphänomene (u. a. BookTok) sowie ausgewählte zeitgenössische Texte herangezogen.
- Lehrende/r: Mara Carolin Dwornik