Bären, die Honig lieben, sprechende Tiere, neugierige Monster, freundliche Roboter oder lebendige Gegenstände gehören zu den beliebtesten Figuren der Kinderliteratur und des Kinderfilms. Oft sind es gerade nicht-menschliche Akteure, mit denen sich Kinder besonders leicht identifizieren, deren Abenteuer sie mit Spannung verfolgen und deren Gefühle ihnen vertraut erscheinen. Doch wie lässt sich dieses Phänomen erklären? Warum spielen nicht-menschliche Figuren in Erzählungen für Kinder eine so zentrale Rolle? Welche besonderen Möglichkeiten eröffnen sie für die Darstellung von Freundschaft, Angst, Mut, Ausgrenzung oder Zusammenleben? Und was verrät ihre große Beliebtheit über die Art und Weise, wie Menschen Geschichten verstehen?
Das Seminar geht diesen Fragen aus literaturwissenschaftlicher Perspektive nach. Ausgehend von grundlegenden Konzepten der Erzähltheorie und der Narratologie der Figur werden wir untersuchen, wie literarische und mediale Texte Figuren gestalten und welche Voraussetzungen Identifikation, Empathie und Perspektivübernahme ermöglichen. Besonderes Augenmerk gilt dabei Figuren, die zwar keine Menschen sind, aber dennoch als Personen wahrgenommen werden und menschliche Eigenschaften, Gefühle oder Handlungsmotive besitzen.
Im Mittelpunkt steht die gemeinsame Erforschung konkreter Beispiele aus Kinderliteratur, Film und anderen Medien – von klassischen Texten wie Winnie-the-Pooh über Bilderbücher und Kinderromane bis hin zu Animationsfilmen wie WALL-E. Die Veranstaltung verbindet theoretische Grundlagen mit projektbezogenem forschenden Lernen: Die Studierenden wählen eigene Untersuchungsgegenstände aus und entwickeln auf dieser Grundlage selbstständige Fragestellungen und Analysen.
Das Seminar richtet sich an Studierende, die Interesse an den Eigenheiten des Erzählens in Kinderliteratur haben. Es vermittelt grundlegende literaturwissenschaftliche Kompetenzen und eröffnet zugleich neue Perspektiven auf eine Frage, die für die Literatur- und Medienerfahrungen (nicht nur) von Kindern von zentraler Bedeutung ist: Was macht eine Figur menschlich – auch dann, wenn sie kein Mensch ist?
- Lehrende/r: Silvia Reuvekamp