Moderne westliche Gesellschaften verstehen sich häufig als „postheroisch“. Spätestens seit den Arbeiten Herfried Münklers gilt die Bereitschaft, individuelle Opfer für kollektive Ziele zu erbringen, nicht mehr als selbstverständliches gesellschaftliches Leitideal. Umso überraschender erscheint die anhaltende Präsenz historischer Heldenfiguren in gegenwärtigen politischen und kulturellen Debatten. Mittelalterliche Krieger, nationale Gründungsfiguren oder legendäre Widerstandskämpfer werden weiterhin als Identifikationsfiguren in Anspruch genommen, neu erzählt und mit aktuellen gesellschaftlichen Anliegen verknüpft. Besonders sichtbar wird dies in politischen Milieus, die ihre Legitimation aus Vorstellungen historischer Kontinuität und kultureller Herkunft beziehen. Doch die Wiederkehr der Helden ist kein auf Europa oder auf bestimmte politische Lager beschränktes Phänomen. Weltweit greifen Gesellschaften auf historische Heldennarrative zurück, um kollektive Identitäten zu begründen, Erinnerung zu organisieren und Zukunftsentwürfe zu legitimieren.
Das Seminar untersucht die politischen Karrieren solcher Erzählungen aus literatur- und kulturwissenschaftlicher Perspektive. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie historische Heldennarrative über Jahrhunderte hinweg transformiert, aktualisiert und für neue Kontexte nutzbar gemacht werden. Welche narrativen Verfahren ermöglichen es, Figuren und Geschichten aus einer oft fernen Vergangenheit in gegenwärtige Identitätsdiskurse einzubinden? Welche Elemente werden bewahrt, welche umgedeutet, welche ausgeblendet?
Anhand ausgewählter Beispiele – darunter das Nibelungenlied, aber auch Heldennarrative aus anderen kulturellen Kontexten – werden Prozesse der Aneignung und Reaktualisierung vergleichend untersucht. Besonderes Interesse gilt Gesellschaften, die nach kolonialer Herrschaft, politischen Umbrüchen oder Phasen kultureller Fremdbestimmung historische Narrative zur Ausbildung neuer kollektiver Selbstverständnisse heranziehen. Die transkulturelle Perspektive ermöglicht es, wiederkehrende Muster der heroischen Sinnstiftung ebenso sichtbar zu machen wie die Unterschiede ihrer jeweiligen historischen und politischen Funktionen.
Zugleich fragt das Seminar nach den normativen Grenzen solcher Aneignungen. Wann handelt es sich um kulturelle Erinnerung, wann um politische Instrumentalisierung? Lassen sich problematische Formen des Umgangs mit historischen Helden an bestimmten narrativen Verfahren erkennen, oder unterscheiden sich legitime und illegitime Aneignungen vor allem durch ihre Zwecke und Kontexte? Die Beschäftigung mit diesen Fragen eröffnet nicht nur Einblicke in die Geschichte heroischer Erzählungen, sondern auch in die Mechanismen kultureller Selbstdeutung in einer Gegenwart, die sich zwar gern als postheroisch versteht, auf Helden jedoch offenbar nicht verzichten kann.

Kurs im HIS-LSF

Semester: WT 2026/27