Die Rede von Transzendenz wird in der europäischen Tradition weithin durch die Leitunterscheidung und systematische Opposition von Immanenz und Transzendenz bestimmt. Dies führte zu den gegenläufigen Positionen von theistischem Dualismus und pantheistischen Monismus. Im ersten Falle wird das Göttliche nicht nur als personale Wirklichkeit begriffen, sondern der Welt wie Sonne und Erde als zwei Entitäten einander entgegengestellt. Im anderen Falle wird unter der Prämisse der einen göttlichen Substanz alles als Ausdruck oder Modalität des Göttlichen angesehen. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich allerdings, dass die meisten Varianten, das Göttliche oder Gott zu denken, Göttlichkeit mit Unendlichkeit und Unbedingtheit verbinden, sodass das Göttliche als Grund aller Wirklichkeit vorgestellt werden muss und Göttliches/Gott in aller Wirklichkeit präsent werden kann. Damit verbindet sich ein Denken der Einheit in Differenz oder der Gegenwart in Unterschiedenheit, das als Transimmanenz verstanden werden kann. In buddhistischen Traditionen gibt es unterschiedliche Vorstellungen darüber, wie Nirvana oder die vollendete Buddha-Natur vorzustellen sind und wie das Verhältnis zwischen der leidvollen Wirklichkeit im Kreislauf der Wiedergeburten (Samsara) sowie das Entkommen aus dem Samsara durch das Verlöschen der Leidenschaften und Anhaftungen gedacht wird. Im Theravada bezeichnet Nirvana einen metaphysischen Anders-Ort und eine metaphysische Anders-Wirklichkeit. Im Mahayana gibt es sehr unterschiedliche Vorstellungen über den Status und die Qualität von Nirvana. In bestimmten Traditionen wird es als Wohnen im Reinen Land begriffen. In anderen Traditionen wird ein qualitativer oder tropologischer Unterschied zwischen Nirvana und Samsara bestritten.  Je nach dem Verständnis von Transimmanenz in Bezug auf diese Abschlussgedanken ergeben sich unterschiedliche Konzeptionen dessen, was die zentrale Sinnstiftung der religiösen Tradition für das Leben der Menschen ist und welche Wege der Befreiung des Lebens im Kreislauf des Leidens und damit für die der Vollendung des Lebens vorgestellt werden. Im Spannungsfeld von Buddhismus und Christentum werden diese unterschiedlichen Perspektiven und Horizonte ausgeleuchtet und in ihrer Relevanz für das konkrete Leben von Menschen bedacht.

Kurs im HIS-LSF

Semester: WiSe 2026/27