„Die Krisis der europäischen Wissenschaften und die transzendentale Phänomenologie“ ist Edmund Husserls (1859–1938) letztes, unvollendetes Werk und wurde 1939 posthum veröffentlicht. Trotz ihrer beeindruckenden Erfolge diagnostiziert Husserl den modernen Wissenschaften eine Krise: Sie hätten ihre ursprüngliche Lebensbedeutsamkeit eingebüßt. Durch Prozesse der Abstraktion und Idealisierung hätten sich die Wissenschaften zunehmend von den konkreten Erfahrungen und Interessen des menschlichen Lebens entfernt.

Besonders eindrücklich illustriert Husserl diese Entwicklung am Beispiel der fortschreitenden Mathematisierung der Natur. Die mathematisch konstruierte Welt idealer Gegenstände trete unbemerkt an die Stelle der einzig ursprünglich gegebenen Lebenswelt und werde für die eigentliche Realität gehalten, obwohl sie ursprünglich nur ein methodisches Hilfsmittel zur Erkenntnis der Wirklichkeit darstellt. Von dieser „Unterschiebung“ sei nicht nur die Wissenschaft, sondern auch die Philosophie betroffen.

Im Seminar werden wir zentrale Passagen des Werkes durch Close Reading erarbeiten und diskutieren. Dabei soll nicht nur Husserls Krisendiagnose rekonstruiert, sondern auch der phänomenologische Lösungsansatz, den Husserl als Reaktion auf die Krise entwirft, kritisch reflektiert werden.

Der Seminarplan mit Angaben zur Seminarliteratur und zu den Anforderungen an Studien- und Prüfungsleistungen wird in der ersten Sitzung bekannt gegeben.

Kurs im HIS-LSF

Semester: WiSe 2026/27