Universalismus kennzeichnet grundlegend die Vernunft. Vernunft bedeutet, nach allgemeinen Prinzipien zu suchen und Wirklichkeit nachvollziehbar zu machen. Diese Allgemeinheit ist ihrem Anspruch nach demokratisch: Was vernünftig ist, ist allen zugänglich; sie verspricht die Allgemeinheit von Normen, Rechten und Geltungsansprüchen. Damit hat der Universalismus einen herrschaftskritischen Kern. Er deckt auf, wenn angeblich universale Prinzipien in Wahrheit nur partikulare Interessen verschleiern. Im emphatischen Gebrauch zielt Universalismus über bloße Kritik hinaus auf einen positiven Gehalt: auf die Realisierung von Gerechtigkeit, auf die Aufhebung von Unterdrückungsverhältnissen und auf universale Anerkennung. Doch gerade die universalistische Vernunft der Aufklärung ist zugleich anfällig für Herrschaftsmomente. Sie neigt dazu, die eigene Verstrickung in Partikularität und Herrschaft zu verkennen oder sogar zu rechtfertigen. Universalität kann real oft nur durch Gewalt und durch die Vernachlässigung des Besonderen erzwungen werden. Dies ist das Problem eines „abstrakten Universalismus“: Das Allgemeine wird durch Abstraktion vom Partikularen gewonnen und realisiert sich häufig in einer Praxis, die eine vermeintlich vernünftige Totalität zum Nachteil des Einzelnen und Besonderen durchsetzt. Seit dem 20. Jahrhundert sind gegen diesen Universalismus der Aufklärung gewichtige Einwände erhoben worden – sowohl in postkolonialen Diskursen, die auf die Gewalt globaler Universalismen verweisen, als auch in postmodernen Differenzphilosophien, die das Besondere, Singuläre und Kontextuelle in den Vordergrund rücken. Oft geschieht dies jedoch um den Preis, die Instanz des Universalen selbst preiszugeben. Die Herausforderung besteht darin, Universalismus adäquat zu denken: als gelingende Vermittlung von Universellem und Partikularem, die einzigartige Subjektivitäten ermöglicht und Verantwortung für das Ganze der Wirklichkeit trägt, ohne es totalitär festzulegen. In einem ersten Schritt will das Seminar nach einer Rekonstruktion ausgewählter Ansätze seit der Aufklärung und ihrer klassischen Kritik neuere Beiträge zum Universalismus auslegen und kritisch auswerten (u. a. Boehm, Govrin, Badiou, Butler, Joas). In einem zweiten Schritt soll – mit einem Fokus auf kritische Theorie – die Möglichkeit eines „konkreten Universalismus des Nichtidentischen“ diskutiert werden: eines Universalismus, der weder in formaler Abstraktion noch im Partikularismus aufgeht. Universalismus ist dabei als konkrete Vermittlung zwischen Allgemeinem und Besonderem zu verstehen, die auch durch eine Gestaltung der Gesamtverhältnisse zu gewinnen ist. Maßstab gelungener Universalität ist die Ermöglichung „nichtidentischer“ Einzelheit, und zwar einer solchen, die nicht beliebig aneinandergereiht steht, sondern in realem und solidarischem Austausch mit anderen und mit dem Ganzen verbunden ist – ohne sich Gewalt antun zu müssen oder selbst Gewalt auszuüben. In einem dritten Schritt sollen die Diskussionen auf die abrahamitischen Religionen (Christentum, Judentum, Islam) angewendet werden, um kritische Rückfragen an diese zu formulieren sowie nach Ressourcen und Inspirationen für die Gesamtfragestellung zu suchen.
- Lehrende/r: Jonas F. Erulo