Ein im Herbst 2025 erschienenes Bändchen zum „Segen“ (E. Salmann) nimmt seinen denkerischen Anweg vom Leben zum Ritual – und zwar deshalb, weil ein zeitdiagnostischer Blick in unsere westlichen Gesellschaften einen Hiatus, eine tiefe Entfremdung zwischen Leben und Ritus offenbart, eine „Kluft und Zweideutigkeit zwischen Leben und sakramentalem Ritus.“ Die liturgische Bewegung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts konnte noch den umgekehrten Weg gehen: vom einigermaßen selbstverständlich-unangefragten und gemeinschaftlich begangenen sakramentalen Ritual zum Leben. Je auf ihre Weise haben etwa Romano Guardini, Karl Rahner oder der derzeit wieder entdeckte Maurice Zundel versucht, den „objektiven“ Ritus so zu erschließen, dass er subjektiv-existentiell wirksam und fruchtbar werden konnte. Seitdem haben sich die Koordinaten grundlegend verschoben: Bei aller neuen Affinität zu Ritualen scheinen die sakramentalen Riten als „Äußerlichkeit“, als zu starrer Rahmen, der nicht (zu mir) passt („Ist nicht meins“) und in dem sich eine individualisierte und privatisierte Spiritualität nicht unterbringen kann. Eine neue Studie zur spirituellen Achtsamkeit (J. Schmidt) nennt als ein Kennzeichen die Verinnerlichung: Damit ist gemeint, „dass das Religiöse vermehrt mit einer inneren, privaten, spirituellen Erfahrung identifiziert wird.“ Die Theologie der Spiritualität spricht vom „Paradigma der Innenorientierung“: Religiöse Objektivierungen wie etwa Riten und Glaubensbekenntnisse sind, wenn überhaupt, nur dann gefragt und relevant, wenn sie gewünschte innere Wirkungen hervorrufen. Gewiss ist eine Innenorientierung für eine christliche Spiritualität konstitutiv, zumal für die Mystik. „Aber ebenso wichtig ist … die Kategorie des ,extra nosʼ, die Erschließung einer unverfügbaren Wirklichkeit außerhalb des Menschen …, die Transzendenz auf die anderen und den ganz anderen hin.“ (H.J. Höhn) Eben diese Alterität inszenieren und vergegenwärtigen die Sakramente. Auch für die Sakramententheologie haben sich die Koordinaten gründlich verschoben. Noch 1991 plädierte Bede Griffith OSB dafür „dass die Eucharistie nicht überbetont werden sollte“, weil Jesus auf so vielfältige Weise gegenwärtig sei, „dass wir uns selbst Fesseln anlegen, wenn wir die Offenheit für seine Allgegenwart verlieren.“ Inzwischen allerdings kann von einer solchen Überbetonung kaum mehr die Rede sein: „Nach der Überwindung einer einseitigen Fixierung kirchlichen Lebens auf die Sakramente führt eine gewisse Nivellierung dazu, dass man umgekehrt nicht mehr zu sagen weiß, warum den Sakramenten ... noch ein besonderer Stellenwert zukommen soll“ (E.-M. Faber). Eine sakramentale Praxis, die beansprucht, Jesu Selbstgabe konkret-punktuell in einem materiellen Medium zu vermitteln, hat radikal an Plausibilität eingebüßt und wirkt wie eine Zumutung, auch bedingt durch eine zunehmende Transzendierung Gottes, die ein immanent-geschichtliches Wirken zutiefst fragwürdig macht. In angedeuteten Kontext, in dem religiös Bedeutsames allenfalls in der Innerlichkeit des Menschen angesiedelt wird, stellt sich die Frage nach der Relevanz eines so äußerlichen Gestus wie dem Empfang eines Stückchens Brot oder dem Übergossenwerden mit Wasser. Die gegenwärtige Sakramententheologie ringt deshalb darum, wie sich das „immer und überall“ der Präsenz Christi (K. Rahner) verhält zu ihrer sakramentalen Vermittlung. Das Seminar versucht vor diesem Hintergrund, sich denkerisch der auch (!) im Medium der Sakramente verdichtenden Externität und Alterität christlicher Existenz als Segen anzunähern und christliche Spiritualität zu fassen als Bewegung zwischen den Spannungspolen Innen- und Außenorientierung.

Kurs im HIS-LSF

Semester: SoSe 2026
ePortfolio: Nein