Authentizität ist ein zentrales Schlagwort unserer Zeit. Je unüberschaubarer und komplexer unser digitalisiertes und globalisiertes Weltgefüge wird, desto höhere Konjunktur scheint das Konzept zu haben. Antonius Weixler (2012, 2, 6) etwa spekuliert, dass Authentizität vielleicht als „das übergreifende Leitkonzept der Hoch- wie der Unterhaltungskultur, der Politik wie der Wirtschaft, von Produkten wie von Personen bezeichnet werden könne.“ Für Wolfgang Funk und Lucia Krämer birgt das Authentische „das diskursive Potential, sich zum Schüsselbegriff des nach-postmodernen Denkens und Fühlens zu entwickeln.“ (Funk/Krämer 2011, 7) Auch der kanadische Philosoph Charles Taylor bestimmte das Authentische in mehreren Studien aus den 1990ern als zentralen Begriff der Gegenwart, die er zum „Zeitalter der Authentizität“ erklärte (Taylor 2007, 437). Ähnliches beobachtet Erik Schilling in seinem kürzlich erschienen Langessay Authentizität: Karriere einer Sehnsucht (2020). Die vielleicht größte Ironie dieser kollektiven Sehnsucht liegt wohl darin, dass sie das Authentische oft gerade da verortet, wo dessen absolutes Gegenteil der Fall ist, d.h. in der totalen Verstellung. Das liegt auch daran, dass Authentizität ein notorisch vager Begriff ist. Das sonst nie um eine Definition verlegene Historische Wörterbuch der Ästhetischen Grundbegriffe räumt ein, „keine eindeutige Definition sowohl aus historischer wie auch aus aktueller Perspektive geben zu können“ (Knaller/Müller 2005, 40). Die Ursache liegt darin, dass das Authentische bereits in seinem etymologischen Ursprung im Altgriechischen ein breites Bedeutungsspektrum abdeckte: das altgriechische Adjektiv authentikós bedeutet „zuverlässig, richtig“ sowie „original“ und „maßgebend“. Das Substantiv authéntes meint „Urheber, Ausführer, Selbstherr“; dessen Derivation authentía „Machtvollkommenheit“ und „Selbstherrschaft“. Das spätlateinische authenticus fügt noch die Bedeutungen „anerkannt, rechtmäßig, verbindlich“ hinzu (Knaller/Müller 2005, 40). Die Kirchenväter ergänzen diesen Blumenstrauß an Bedeutungen um Autoritativität und Wahrheit. Im Rahmen der sich in der Frühen Neuzeit entwickelnden Konzepte von Innerlichkeit und Subjektivität kommen auch die heute ubiquitären Vorstellungen von Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit und Natürlichkeit hinzu (vgl. Knaller/Müller 2005, 43–45). Noch ein wenig später stapeln die Diskurse, die sich der ästhetischen Autonomie widmen, Originalität und Echtheit auf diesen Bedeutungsturm. So geht es durch die Jahrhunderte, in denen sich das Authentische als Schirmbegriff für allerlei positiv konnotierte Vorstellungen und Konzepte rasant in Richtung semantische Unendlichkeit ausdehnt. Heute konnotiert er neben den besagten Bedeutungen das Wirkliche, Eindeutige, Unverfälschte, Präsentische, das Unmittelbare und das Unvermittelbare.

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Semester: SoSe 2026
ePortfolio: Nein