Diskriminierungen (sowie Benachteiligungen und Unterdrückung) machen sich nicht an nur einem Merkmal fest, sondern können durch die Zuschreibung vieler verschiedener Merkmale verursacht sein, die zudem abhängig vom historischen und kulturellen Kontext variieren. Diese schlichte und weithin unbestrittene empirische Wahrheit hat in normativer Hinsicht ernsthafte und kontrovers diskutierte Konsequenzen. So hat die Rechtsphilosophin Kimberlé Crenshaw in einem einflussreichen Aufsatz von 1989 auf das folgende Problem hingewiesen: Traditionelle Antidiskriminierungspolitik folge zumeist einer eindimensionalen Sichtweise und verfolge das Ziel, die Mitglieder einer diskriminierten Gruppe zu kompensieren. Die etablierten Affirmative action-Maßnahmen beziehen sich in den USA demnach entweder auf Frauen oder auf Schwarze. Da sich aber gezeigt habe, dass innerhalb dieser beiden Gruppen am ehesten die jeweils privilegierten Mitglieder von den Affirmative action-Maßnahmen profitieren, ergebe sich die folgende Konsequenz: Es profitieren entweder weiße Frauen oder schwarze Männer – aber kaum schwarze Frauen, die im Schnittpunkt („intersection“) der gesellschaftlichen Diskriminierungsmechanismen stehen und somit am stärksten unter ihnen leiden. Kurz gesagt: Die am stärksten Benachteiligten profitieren von Affirmative action am wenigsten. In den letzten fünfunddreißig Jahren hat sich unter dem Titel Intersektionalität innerhalb des black feminism eine Theorieströmung etabliert, die insbesondere diese Schnittpunkte multipler Diskriminierung sichtbar machen, deren Ursachen untersuchen und Vorschläge für effektive Gegenmaßnahmen entwickeln will. Diese Theorieströmung hat – nicht nur – innerhalb der feministischen Theoriebildung eine kontroverse Debatte ausgelöst. Während die einen darin den „wichtigsten Beitrag der women’s studies in Verbindung mit anderen Forschungsgebieten“ erblicken (McCall 2005, 1771; übers. MH) und das Projekt verfolgen, die intersektionelle Betrachtungsweise zu einem allgemein anwendbaren „analytisches Instrument“ auszuarbeiten (Nash 2008, 2019), kritisieren andere, dass die Aufsplittung der diskriminierten Gruppen in sukzessive kleinere Subgruppen in einem exklusiven Projekt resultieren könnte, das die Inklusion diskriminierter Gruppen gerade verhindere (Zack 2008). Im Seminar werden wir einige Grundlagentexte zur Intersektionalität kennenlernen und dann Fragen nach dem kritischen Potential dieser Theorieströmung stellen. Lässt sich ein allgemeiner Theorierahmen formulieren, der alle relevanten „Schnittpunkte“ von Diskriminierung sichtbar machen kann? Wie könnte eine Antidiskriminierungspolitik aussehen, die das von Crenshaw aufgewiesene Problem löst? Gibt es tatsächlich Konflikte zwischen einer intersektionellen und einer inklusiven Betrachtungsweise diskriminierter Gruppen? Diese und andere Fragen werden wir anhand konkreter Anwendungsfälle diskutieren.
- Lehrende/r: Martin Hoffmann