Einiges spricht dafür, unsere Gegenwart als eine Zeit zu betrachten, in der nicht nur besonders intensiv über die Wahrheit gestritten wird, sondern sich sogar ein ganz neuartiger Umgang mit der Wahrheit eingestellt hat. Manche haben diesen Einschnitt mit dem Begriff des postfaktischen Zeitalters beschrieben. Doch über die Wahrheit war man sich natürlich schon in früheren Gesellschaften nicht immer einig. In zahlreichen Kontexten lassen sich historische Konstellationen ausmachen, in denen unvereinbare Wahrheitsansprüche offen aufeinanderprallten. Welche Seite sich in solchen Kämpfen durchsetzte, hing oftmals mit Machtstrukturen oder mit bestimmten Strategien zusammen, die zum Einsatz kamen, um den jeweils eigenen Anspruch zu untermauern und konkurrierende Positionen aus dem Feld zu schlagen. Dies bedeutet nicht, dass es keine wirklich wahre ‚Wahrheit‘ geben kann, wohl aber, dass das, was Menschen jeweils für wahr halten, mit spezifischen Praktiken der Wahrheitsproduktion verbunden ist, die das Für-Wahr-Halten von Aussagen über die Wirklichkeit herbeiführen können. Die Vorlesung wird diese Praktiken in den Blick nehmen und dabei besonders deren Wandel im Laufe der Geschichte thematisieren. Die Praktiken, die im Mittelalter das Potential hatten, Wahrheitsansprüche effektiv zu begründen, unterscheiden sich in vielen Hinsichten grundlegend von jenen, die in modernen Gesellschaften zum Einsatz kommen. Besonders gut lässt sich die Wirksamkeit von Wahrheitspraktiken jedoch gerade dann beobachten, wenn eine Konkurrenz von Wahrheitsansprüchen zu einem Wettbewerb um Zustimmung in den zeitgenössischen Öffentlichkeiten führt. Daher werden die Praktiken der Wahrheitsproduktion besonders im Kontext historischer Wahrheitskonkurrenzen zu betrachten sein.

Kurs im HIS-LSF

Semester: ST 2026
ePortfolio: No