Archive sind, wie Michel Foucault in der Archäologie des Wissens 1969 schreibt, “nicht die Summe aller Texte, die eine Kultur als Dokumente ihrer eigenen Vergangenheit oder als Zeugnis ihrer beibehaltenen Identität bewahrt hat”, sie sind viel mehr “das Gesetz dessen, was gesagt werden kann[.]” Etwa dreißig Jahre später heißt es bei Jacques Derrida: Jedes “Archiv […] ist zugleich ‘errichtend’ und ‘erhaltend’. Revolutionär und traditionell.” Ihm zugrunde liege eine Performativität, die mehr als die “Frage der Vergangenheit […] die Frage der Zukunft selbst […] und einer Verantwortung für morgen” stelle. Diese Frage würde ohne die “radikale Endlichkeit, ohne die Möglichkeit eines Vergessens” und ohne “die Drohung [des] Todes-, Aggressions- und Destruktionstriebs” nicht aufkommen. Julietta Singh hält schließlich 2018 resigniert in Hinblick auf dessen universitäre Rolle fest, dass das Archiv “die flüchtige Hoffnung auf […] individuelle Rettung” war und “eigentlich alles bedeuten kann[,]” um anschließend zu behaupten, “dass die Zeiten des Archivs vorbei sind[.]” Das Archiv hat in der Theoriebildung der vergangenen 50 Jahre viele Gestalten angenommen. Diese sollen in der Vorlesung mit einer Kunstgeschichtsschreibung konfrontiert werden, die verschiedene Episoden von Gewalt- und Verlustgeschichten in den Fokus rückt, in denen Fragen nach dem Archiv, dessen Zerstörung und Machtgefügen an Dringlichkeit gewinnen: Von der forcierten Abschaffung des Kinos nach der Machtübernahme der Roten Khmer in Kambodscha 1975 und im Zuge der Iranischen Revolution 1979, über die Archive based Art und Wiederkehr der Appropriation Art während des Durchmarschs des Neoliberalismus, bis zur Konstitution der Piraterie als größtem, dezentralisierten Archiv im Digitalen und dessen Ausbeutung durch die Produktionsbedingungen der Künstlichen Intelligenz.

Literatur: Aleida Assmann, Canon and Archive, in: Astrid Erll/Ansgar Nünning [Hg.], Media and Cultural Memory, Berlin/New York 2008, S. 97-107. // Jacques Derrida, Dem Archiv verschrieben. Eine Freudsche Impression, Berlin 1997 (1995). // Michel Foucault, Das historische Apriori und das Archiv, in: Ders., Archäologie des Wissens, Frankfurt am Main 1981 (1969), S. 183-190. // LinDa Saphan/Nate Hun, Remnants of the Past. A Filmography of Early Cambodian Cinema, Phnom Penh 2024. // Julietta Singh, Kein Archiv wird Dich wiederherstellen, Leipzig 2023 (2018). // Kuhu Tanvir, Pirate Histories: Rethinking the Indian Film Archive”, in: Bioscope, Vol. 4, Nr. 2, 2013, S. 115-136.

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