„Die mit Blut, Gebeinen oder Innereien sind natürlich first class. Danach kommen Kleidungsstücke von Heiligen und dann gibt es noch Berührungsreliquien, bei denen der Heilige etwas berührt hat, aber die sind nicht so wertvoll.“ – die Worte eines modernen Reliquienhändlers, der den Grad mutmaßlicher Heiligkeit für seine Gewinnkalkulation nutzt. Er setzt dabei auf eine bestimmte Dynamik, welches sich schon bei Gregor von Tours findet: „Since faith believes that everything that the sacred body touched is holy.“ Der Bischof bezieht sich mit diesem Satz zwar auf den Körper Jesu, erfasst aber trotzdem pointiert ein Grundprinzip des Reliquienwesens: Die tiefe Überzeugung, dass einem Gegenstand eine sakrale Komponente inhärent geworden ist und dass jene Komponente auf andere Objekte transferiert werden kann. Diese Wirkweise lässt sich auch für Hl. Orte annehmen, wodurch diese als Forschungsthema inzwischen gleichberechtigt neben der Thematik der Reliquien stehen und auch den Schwerpunkt der Veranstaltung bilden sollen. Es ist nicht nur die Idee einer solchen punktuellen Heiligkeit, welche die Gläubigen anzog und das Pilgerwesen entstehen ließ. In den frühesten Pilgerberichten klingt häufig auch ein von historischem Interesse geleiteter Drang nach Erinnerung an. Die Relation, in der Orte und Objekte zum Verlangen nach Heiligkeit und Erinnerung stehen, soll im Fokus stehen: Wie konnte die Pilger*innen durch eine Reliquie und vor allem durch einen Ort teilhaben an Heiligkeit und Gedenken? Wie antworteten Reliquie und Ort auch welche Bedürfnisse, mit denen die Pilger*innen an sie herantraten? Auf Grundlage dieser Fragen werden verschiedene Hl. Orte und Reliquien beleuchtet. Dabei sollen auch die verschiedenen Dynamiken der Orte und die Mobilität der Reliquien berücksichtigt werden, um Entwicklung und Vielfalt der christlichen Erinnerungskultur und der spätantiken Sakraltopographie zu vermitteln.
- Lehrende/r: Hildegard Poeschel