Die Freilichtbühne Stedingsehre kann ohne Zweifel als historischer Ort mit einer zweifachen Relevanz für das historische Lernen erachtet werden. Für von Reeken zeigt ein solcher Ort, "wie mit der Konstruktion eines Mythos versucht wurde, die Bevölkerung in der Provinz mit einer scheinbar unpolitischen Aufführung für die Ziele der Nationalsozialisten zu gewinnen, deren Absichten historisch mit einem Blick ins Mittelalter zu legitimieren und sich von ideologischen Gegnern, in diesem Fall der katholischen Kirche, abzugrenzen." (von Reeken, "Stedingsehre", S. 53) Darüber hinaus ermöglicht ein Besuch ebenso einen Einblick in "den Umgang mit Geschichte im lokalen und regionalen Bereich. Dieser reicht von Verdrängung und Beschönigung über Gedankenlosigkeit, Widerstände und (tatsächliche und/oder vorgeschobene) Befürchtungen, eine bewusste Erinnerung würde das Gelände zum Wallfahrtsort für Neonazis machen, bis hin zum überaus hartnäckigen und langjährigen Engagement von Ehrenamtlichen vor Ort für eine (selbst-)kritische, wissenschaftsgestützte Auseinandersetzung, das schließlich zum Erfolg führte." (von Reeken, "Stedingsehre, S. 53) Als Erfolg darf freilich die 2022 erfolgte Eröffnung des Informations- und Dokumentationszentrums in direkter Nachbarschaft zum NS-Kulissendorf angesehen werden. Neben diesen beiden Aspekten ist eine Auseinandersetzung mit Debatten rund um historische Authentizität, historische Imagination und Emotionalität an solchen Orten unerlässlich: Die ehemalige Freilichtbühne ist zu großen Teilen begehbar, entbehrt aber im Moment noch einordnender Hinweise zur Geschichte auf dem Gelände: Hier können Vor- und Nachteile einer weitgehend text-, evtl. sogar sprachfreien Erschließung des Ortes diskutiert werden. Im Rahmen der Übung wollen wir uns aus einer theoretischen und pragmatischen Perspektive mit diesem ehemaligen NS-Propagandaort beschäftigen: So werden wir einerseits die Potenziale für das historische Lernen solcher Orte diskutieren, nach Anknüpfungspunkten für die Realisierung dieser Potentiale vor Ort fahnden und konkrete Unterrichtsmaterialien für die Vor- und Nachbereitung eines Besuchs von Schulklassen entwickeln.
- Lehrende/r: Martin Berghane