Etwa seit den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts ereignet sich in der europäischen Welt der Kunst eine eigentümliche Doppelbewegung: Einerseits emanzipieren sich die kunsttheoretischen Disziplinen sowohl von den posthegelianischen Systementwürfen als auch von der damals langsam zur neuen ersten Wissenschaft avancierenden Psychologie, die beide auf ihre je eigene Weise beanspruchen, allen möglichen Disziplinen – von der Logik bis zur Musikwissenschaft – ihre Grundbegrifflichkeiten zur Verfügung stellen zu können. Andererseits emanzipieren sich auch die kunstpraktischen Disziplinen in ihren Darstellungsmitteln wechselseitig voneinander und reflektieren auf die Formgesetze ihrer je eigenen ästhetischen Ressourcen; es entwickeln sich absolute Musik, absolute Poesie und absolute Malerei. Aus dem theoretischen Strang dieser Doppelbewegung entsteht die Richtung des kunsttheoretischen Formalismus. Aus dem praktischen Strang der Bewegung entsteht die moderne Kunst. Im Seminar werden wir zunächst klassische Texte des kunsttheoretischen Formalismus studieren, beginnend bei Eduard Hanslicks bahnbrechendem Aufsatz Vom Musikalisch-Schönen (1854), Alois Riegls Fragmentwerk Historische Grammatik der bildenden Künste (1899) und den pointierten literaturtheoretischen Aufsätzen des Russischen Formalismus aus den 1910er und 1920er Jahren. Das Ringen um ein je disziplineigenes Vokabular zur Beschreibung ihrer Gegenstände, d. h. um ein Vokabular, das weder von der Philosophie noch von der Psychologie geborgt wäre, ist gemeinsames Merkmal jener theoretischen Unternehmungen. Im Seminar soll sowohl wissenschaftstheoretisch über die Logik solcher Emanzipationsprojekte nachgedacht als auch auf ihren Zusammenhang mit der Entstehung der modernen Kunst reflektiert werden. Schließlich wird das Seminar zur Philosophie zurückführen, die nämlich seit dem 20. Jahrhundert mit dem spezifisch philosophischen Problem konfrontiert ist, eine allgemeine (d. h. disziplinenübergreifende) Ontologie von (Kunst-)Werken zu formulieren, welche den vorangegangenen theoretischen und praktischen Entwicklungen gerecht zu werden vermag. Zu diesem Zweck werden wir Roman Ingardens umfangreiche Studie Das literarische Kunstwerk (1931) und Nelson Goodmans subtile Untersuchung Languages of Art (1968) heranziehen.

Kurs im HIS-LSF

Semester: ST 2026