Kaum ein Begriff ist im literaturwissenschaftlichen Alltag so ubiquitär wie die Metapher – und zugleich so schillernd: Tropus, Denkfigur, Erkenntnismodell. Das Seminar „Diesseits und jenseits der Worte“ nimmt diese begriffliche Spannung zum Ausgangspunkt und diskutiert Metaphern systematisch zwischen Eigentlichkeit und Übertragung, Ornament und Erkenntnis. Mit dem „beweglichen Heer von Metaphern“ (Friedrich Nietzsche) zieht die Seminardiskussion von der Stilfrage zur Sprachreflexion: Kann man von Gott anders als metaphorisch sprechen? Und welche übrigen „Geisterinseln der sprechenden Welt“ (Jean Paul) erschließt das metaphorische Wort in Mittelalter, Romantik und Moderne? Was leistet übertragene Rede und was verdeckt sie? Auf der Basis moderner Metapherntheorien, der Rede von Kühnheit oder vom metaphorisch Absoluten, sowie einer historischen Metaphorologie wird gezeigt, wie übertragene Rede konventionelle Ausdruck-Inhalt-Zuordnungen überschreitet und im jeweiligen Kontext Bedeutung neu bündelt: wenn der Dichter als Steuermann über das Meer segelt oder Gott vor dem Schmiedefeuer steht, wenn das Herz zerbrochen, zusammengesetzt, getauscht und gegessen wird, wenn gläserne Paläste Töne erzeugen und Stundenholz verbaut wird, wenn ein baumhoher Gedanke sich den Lichtton greift und die Einsamkeit / schweigend zu uns niedersteigt – erkenntnis- und sprachtheoretische Prüfsteine einer Rede, die immer wieder an ihre Grenzen gerät. Sind hier die Metaphern – oder wir in Metaphern längst schon, sprechend verschwunden?

Kurs im HIS-LSF

Semester: SoSe 2026
ePortfolio: Nein