Die Beschreibung des Menschen durch Menschen selbst ist eine anthropologische Tatsache. Sie liegt in gelehrten und alltäglichen Varianten vor. Deren Wechselwirkungen, Grenzverkehr und Wandel lassen sich in Geschichte und Gegenwart beobachten und erforschen. In der Lehrveranstaltung betrachten wir das am Beispiel der Verwissenschaftlichung der religiös-pastoral getrösteten ‚Seele‘ zur therapeutisch verstandenen ‚Psyche‘. Das war und ist stets auch ein populäres Phänomen: wissenschaftliche Kategorien wie Verdrängung, Projektion, Prägung, double-bind, Trauma, Resilienz, Bindung, Affekt oder Diagnosen wie ADHS, Depression, Asperger, Autismus, Dyskalkulie, Legasthenie sowie Vorschläge zur Optimierung des Schlafens, Träumens und Fühlens werden in den sozialen Medien veralltäglicht; dabei vergemeinschaften sich die Beteiligten wie Fans von Stilrichtungen in Musik, Mode oder Ernährung. Introspektion ist eine ubiquitäre Selbsttechnologie geworden, je forschend-staunend, je neoliberal reinigend und meliorativ, bestückt aus psychologischen und psychiatrischen Fachvokabularen. Jeweils zeitgenössische Ausprägungen davon zirkulierten auch in älteren Medienformationen, vergnüglich aufbereitet in Film oder Literatur ebenso wie unter der Überschrift ‚Information‘ in populären Ratgebern und Sachbüchern. Mobilisiert wurde das im social engineering, mit dem Expert:innen der Sozialforschung und der Psy-Wissenschaften insbesondere im 20. Jahrhundert aus historisch gewordenen Subjekten betrieblich passende Führungs- und Arbeitskräfte zu formen versuchten. Und schließlich geben die sich wandelnden Vorstellungen und Praktiken zur ‚Psyche‘ – einmal ein Depot von Gefährdungen, dann wieder das Reservoir für Kreativität, Emanzipation und Freiheit – Aufschluss über die unendliche Auseinandersetzung des Menschen mit der eigenen Unverfügbarkeit. Als analytisches Instrumentarium machen wir uns vertraut mit Ludwik Flecks Ansatz zur Analyse der „Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache“ – dieser Zugang ist kulturanthropologisch besonders instruktiv, weil er die epistemologische Funktion von „populärem Wissen“ bei der Produktion von Fachwissen systematisch miteinbezieht. Zudem nutzen wir die Debatte zur These der „Medikalisierung“, mit der die Ausweitung medizinischer Wissenschaft und Therapeutik auf alle Bereiche des Lebens, Arbeitens und Begehrens beschrieben, kritisiert, oder auch begründet und gefordert wird (etwa zur Entstigmatisierung von Leid). Daraus ergibt sich ein historisch-epistemologischer Zugang, der die Produktion von ‚Wahrheit‘ in einem Wissensfeld nicht (lediglich) ideologiekritisch (ein)ordnet, sondern die Ko-Produktion von Subjekten, Wissen und Gesellschaft empirisch aufspürt und analytisch aufschlüsselt. Die Lehrveranstaltung ist geöffnet zur Belegung für BA-Studierende in den Allgemeinen Studien und für Studierende des MA Skandinavistik.
- Lehrende/r: Elisabeth Timm