„Nicht die Pädagogik baut das Erziehungswesen, sondern die Politik. Nicht die Ethik und Philosophie bestimmt das Ziel der Erziehung nach allgemein gültigen Wertungen, sondern die herrschende Klasse nach ihren Machtzielen […]“ (Siegfried Bernfeld). Im Zentrum dieses Seminars steht die soziologische Lektüre eines reformpädagogischen Klas¬si-kers. Mit der Schrift Sisyphos oder die Grenzen der Erziehung legte Siegfried Bernfeld eine ebenso pointierte wie scharfe Studie vor, die den Kindheitsbegriff aus seiner idealistisch-pädagogischen Isolation herausbrach und einzubetten versuchte in gesellschaftliche Zusammenhänge. Eine zentrale These war: Die Erziehbarkeit des Kindes sei beschränkt, ebenso wie die Erziehfähigkeit des Erziehenden. Um trotzdem die Heranwachsenden zu autonomen und selbstdenkenden Subjekten anhalten zu können, bedürfe es einer Analyse der gesellschaftlichen Funktion der Erziehung und ihrer sozialpsychologischen Voraussetzungen. Ihre Grenzen seien somit nicht nur der pädagogischen Handlung Einzelner anzulasten, sondern ebenso zu suchen in den „sozialen Determinanten des seelischen Geschehens“, die sich in der Triebstruktur des Heranwachsenden unheilvoll widerspiegeln. Vor dem Hintergrund, ein besseres Verstehen des kindlichen Erlebens zu ermöglichen, war es das Ziel Bernfelds, zu einer psychologisch wie soziologisch fundierten Erziehungswissenschaft zu gelangen, um damit die Grundlagen einer materialistischen Pädagogik zu schaffen. Darin ein Pionier, erarbeitete Bernfeld wichtige Erkenntnisse, um die seinerzeit auf Psychologie zurecht¬ge-wie¬sene Psychoanalyse als Sozialwissenschaft zu denken. Fragen zum Scheinerwerb werden in der ersten Sitzung geklärt.

Kurs im HIS-LSF

Semester: SoSe 2026