Ein verbreitetes Ideal in den Wissenschaften sieht, zugespitzt formuliert, folgendermaßen aus: Man sucht beobachtbare, messbare und berechenbare Belege, um zu objektiven, allgemein zugänglichen Erkenntnissen über die Welt zu gelangen. Die Rolle der forschenden Menschen ist möglichst die von unbeteiligten Beobachter:innen in der Perspektive der dritten Person: ideal wäre eigentlich der berühmte „Blick von Nirgendwo“ (Nagel). Die subjektive, situierte und verkörperte Perspektive, die natürlich mit menschlicher Erfahrung zusammengeht, entspräche demgegenüber nicht den wissenschaftlichen Standards und ist ungenau und unzuverlässig. Ein Trio aus Naturwissenschaftlern und Philosophen – der Astrophysiker Adam Frank, der theoretische Physiker Marcelo Gleiser und der Philosoph Evan Thompson – argumentiert in dem 2024 bei MIT Press erschienenen Buch The Blind Spot jedoch, dass dieses Wissenschaftsideal insofern verfehlt sei, als es einen blinden Fleck besitzt. Es versucht, die menschliche Perspektive aus der Wissenschaft herauszulösen, was aber weder möglich noch sinnvoll ist, da die gelebte Erfahrung eine unverzichtbare Quelle wissenschaftlicher Erkenntnis und Praxis ist: “In the visual blind spot sits the optic nerve; in the scientific blind spot sits direct experience - that by which anything appears, shows up, or becomes available to us. […] When we look at the objects of scientific knowledge, we do not see the experiences that underpin them. […] Because we lose sight of the necessity of experience, we erect a false idol of science as something that bestows absolute knowledge of reality independent of how it shows up to us and how we interact with it.“ (Thompson, E. 2025: Précis of the blind spot, Link s.u.) Im ersten Teil des Buches argumentieren die Autoren dafür, dass die Ursachen für diesen blinden Fleck in einer Mischung aus in Wissenschaft und Alltag weit verbreiteten „-ismen“ liegt (u.a. Materialismus, Reduktionismus, Objektivismus, Instrumentalismus und Epiphänomenalismus). Demgemäß fordern sie eine neue Wissenschaftskultur, welche die Illusion des absoluten Wissens aufgibt und erkennt, wie Realität und Erfahrung miteinander verflochten sind. Im nächsten Schritt diskutieren die Autoren, wie der diagnostizierte blinde Fleck im Zentrum vieler Rätsel der heutigen Wissenschaft (z.B.: Was ist Zeit? Was ist Materie? Was ist Bewusstsein?) steht und bewegen sich dafür durch verschiedene Disziplinen, u.a. die Kosmologie, Quantenphysik, Biologie, Kognitionswissenschaft, Neurowissenschaft. Im letzten Teil des Buches stellen sie eine Verbindung zwischen der aktuellen Klimakrise und dem verfehlten Wissenschaftsideal her. Im Seminar gehen wir der Frage nach, welche Rolle Erfahrung für die Wissenschaft spielt, indem wir die wichtigsten Thesen und Argumente in The Blind Spot rekonstruieren und kritisch reflektieren und mit einigen Gegenpositionen aus der aktuellen Debatte kontrastieren. Ein Seminarplan mit Informationen zum Seminarablauf, der Literatur und den Anforderungen für Studien- und Prüfungsleistungen wird in der ersten Sitzung bekannt gegeben.

Kurs im HIS-LSF

Semester: ST 2026
ePortfolio: No