Wie wandelte sich der Blick auf die mittelalterliche Geschichte, wenn man auch den weiblichen Teil der Bevölkerung beachtet? Das Verhältnis zwischen den Geschlechtern wurde schon von Universalhistorikern des 19. Jahrhunderts wie Leopold von Ranke als fundamental dafür angesehen, wie eine Gesellschaft funktionierte und wie sie sich veränderte. In den vergangenen 50 Jahren hat die Frauen- und Geschlechtergeschichte eine umfangreiche Basis dafür gelegt, die mittelalterliche Gesellschaft unter diesem Fous zu untersuchen. Frauen hatten zwar fast immer weniger Handlungsmöglichkeiten und Rechte als Männer der gleichen Position, aber was genau sie tun konnten und wozu sie berechtigt waren, unterschied sich erheblich – über die Zeit, von Region zu Region, innerhalb der verschiedenen Stände und sozialen Gruppen. Viele Großtheorien über das Mittelalter lassen sich besser erklären, wenn man die Perspektive von Frauen einbezieht, etwa die von der kommerziellen Revolution im europäischen Handel. Andere, wie zum Beispiel die Renaissance, erhalten aus weiblicher Perspektive einen ganz anderen Charakter. Aufschlussreich ist schließlich auch, wie Frauen und das Konzept von Geschlecht in den mittelalterlichen Jahrhunderten wahrgenommen und bewertet wurden – und dass sich diese Vorstellungen als weitaus vielfältiger und oszillierender erweisen, als es aus heutiger Sicht zunächst erscheinen mag.

Kurs im HIS-LSF

Semester: ST 2026
ePortfolio: No