Gustave Flaubert (1821-1880) gehört zu den kanonischen Romanautoren der französischen Literatur. Mit durchdringender Hellsichtigkeit in der Beobachtung und erstaunlich präzisen und plastischen Beschreibungen zeitgenössischer Welt verhandelt er sozialwissenschaftliche, religiöse, ästhetische und kulturhistorische Fragestellungen in seinen Erzählungen. Der bourgeois, „quelque chose de gigantesquement assommant et de pyramidalement bête“ (Corr. I, 441) ist als repräsentativer Typus der bürgerlichen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts ein wiederkehrendes Romansujet. Anhand unterschiedlicher Figuren erfasst Flaubert die teils romantisch, teils sentimental geprägten sowie die klischeehaften Denkmuster der bürgerlichen Gesellschaft und perspektiviert sie auf ironische Weise. Die Romane Flauberts beeindrucken nicht nur durch ihre Fülle an visuell-dynamischen Elementen, die beinahe filmisch sind, sondern auch durch ihre „beauté grammaticale“ (M. Proust). Die Zurückhaltung des Erzählers im Urteil ist für den Flaubert’schen Roman elementar und erscheint, angesichts aktueller Tendenzen der unreflektierten Meinungsäußerung im öffentlichen Raum, erneut relevant. Nach einer kurzen Einführung sowie der Wiederholung narratologischer Grundbegriffe und Methoden sollen Ausschnitte aus Werk und Briefwechsel Flauberts gemeinsam gelesen und in thematischer Perspektivierung diskutiert werden. Im Vordergrund des Seminars stehen Auszüge aus der frühen Erzählung Un parfum à sentir ou les Baladins (1836), dem Skandalroman Madame Bovary. Moeurs de province (1857), dem Paris-Roman L’Éducation sentimentale. Histoire d’un jeune homme (1869) und aus der Wissenschaftssatire Bouvard et Pécuchet (1880).
- Lehrende/r: Frieda Schulze Dephoff