Die Einbildungskraft übernimmt in der Literatur die zentrale Rolle, um das Verhältnis von Sinnen und Schrift zu vermitteln: Denn in der Literatur müssen sich die Lesenden das Kommunizierte vor ihrem inneren Auge ausmalen und unterschieden sich damit von den Betrachtenden einer Skulptur oder eines Bildes, den Zuhörenden in einem Konzert und von Tastenden, Schmeckenden oder Riechenden. Normalerweise gehört eine Wahrnehmung zu einem ihr zugeordneten Sinn. Die Dichtung aber, deren Zeichen in ihrer konkreten sensorischen Beschaffenheit (überwiegend) keine Rolle für den Leseakt spielen, kann womöglich stärker als die bildende Kunst oder die Musik verschiedene Sinne und zwar über die Einbildungskraft anregen? Diese Autonomie der sprachlichen Zeichen gegenüber der empirisch-sinnlichen Wahrnehmung trägt also das Potenzial in sich, das Sinnliche in der Imagination der Lesenden auf besonders umfassende Weise zu entfalten. Folgt man diesen Überlegungen, stellt Literatur diejenige Kunstform dar, die alle fünf Sinne „imaginär restituieren“ (Binczek) kann. Diesen Fragen zum medialen, poetischen, sensorischen, ästhetischen und womöglich hierarchischen Verhältnis zwischen den Sinnen und der sie repräsentierenden Schrift wird das Seminar anhand von Gedichten nachgehen. Als vorbereitende Lektüre eignet sich bspw. Robert Jütte: Geschichte der Sinne. München 2000.

Kurs im HIS-LSF

Semester: ST 2026
ePortfolio: No