Der rezente Esoterikmarkt bietet eine nahezu unüberschaubare Fülle an Anwendungsgebieten für Runen. Die mittelalterlichen Schriftzeichen werden dafür in ganz unterschiedliche Zusammenhänge gesetzt und mit bestehenden Praktiken und Vorstellungen kombiniert. Dafür wird etwa die aus neuheidnischen Diskursen bekannte Vorstellung, Runen seien von den 'Germanen' und 'Wikingern' zur Divination eingesetzt worden, zu einem Runentarot amalgamiert. Andernorts finden sich Anleitungen zu Runenmagie, Erstellung von Talismanen, Namensdeutung durch Runenkabbalistik und sogar das Nachstellen der Runen durch den Körper: Runenyoga. Das Feld ist nahezu unerforscht, bietet aber einige Besonderheiten, die das Phänomen gegenüber anderen alternativreligiösen Praktiken hervorstechen lässt. So scheint es der Heterogenität des Feldes zum Trotz einen Konsens über bestimmte Bedeutungszuschreibungen zu geben, die sich aber nicht unmittelbar aus den mittelalterlichen Quellen ableiten lassen. Zugleich sind bestimmte Praktiken älteren Datums, als es zunächst den Anschein hat. Runenyoga etwa hat eine Tradition, die sich bis in die 1920er Jahre zurückverfolgen lässt. Ob und inwieweit diese tatsächlich von (personellen, ideologischen) Kontinuitäten geprägt ist oder hier vielleicht Akteur:innen eher zufällig auf die gleiche Idee gekommen sind, war bisher nicht Gegenstand der Forschung. Das Seminar ist als Forschungspraktikum konzipiert und verfolgt zwei Ziele: Zum einen sollen die Studierenden befähigt werden, zentrale Themen des Feldes benennen und kontextualisieren zu können. Zum anderen sollen die Studierenden an dem skizzierten Fallbeispiel erproben, explorativ zu forschen, sich also einem Feld zu widmen, das bislang (religionswissenschaftlich) kaum erschlossen ist. Das setzt die Bereitschaft voraus, sich aus einer historisch-kritischen Perspektive mit unerforschten/teils unbekannten Quellen auseinanderzusetzen. Die Studierenden führen interessenbasiert eigene kleine Forschungen zu zentralen Akteur:innen, Werken, Ideen und Praktiken durch, deren Ergebnisse sie abschließend auf einem wissenschaftlichen Poster zusammenfassen (= Prüfungsleistung). Das Forschungspraktikum ist dabei interaktiver als andere Lehrveranstaltungen gestaltet, indem den Studierenden immer wieder Sitzungszeit eingeräumt wird, an ihren eigenen Projekten zu arbeiten. Der Input des Dozierenden (Hintergrundinfos zu historischen Kontexten, Bewegungen, Ideen und Praktiken) wird mit den Studierenden abgestimmt und dient dem Gelingen der studentischen Forschungsprojekte. Als Studienleistung werden einzeln oder je nach Thema in Gruppen, Experteninterviews mit anderen (Religions-)Wissenschaftler:innen geführt. Entsprechende Kontakte können je nach Bedarf vermittelt werden.
- Lehrende/r: Robert Suckro