»Mystik« ist offenbar Mode“, beobachtete der Jesuit Paul Mommaers 1979. Man plädiert in dieser Zeit beherzt für eine „demokratisierte Mystik“ (Dorothee Sölle), die jedem Menschen ein mystisches Potential zutraut. Tatsächlich blüht etwa ab den 1920er Jahren das Interesse an Mystik beträchtlich auf – nach beinahe 200 Jahren des Verschweigens, in denen galt: „Mystik ist etwas Gefährliches!“ (Volker Leppin). Erste Lehrstühle für mystische Theologie entstehen, Denker wie William James und Michel de Certeau SJ entwickeln je auf ihre Weise Metatheorien des Mystik. In der Dynamik dieses renouveau mystique wird die Erfahrung Gottes wieder zu einem Thema der Theologie – gegen eine Engführung des Christseins auf Moral und Dogma und gegen ein einseitig rationalistisches Paradigma seit der Aufklärung.

Für nicht wenige Zeitgenossinnen und Zeitgenossen des 21. Jahrhunderts sind die Mystikerinnen und Mystiker, die in dieser Epoche situiert sind, bis heute eine Inspirationsquelle. Seismographisch haben sie die sich ankündigenden tektonischen Verschiebungen gespürt. Zugleich haben sie eine Spur gelegt, wie die „alte Mystik“, die sie meist gelesen hatten, zu übersetzen und fruchtbar zu machen wäre. So wurden sie zu Vordenkerinnen und Vordenkern – mit ihrer Sensibilität für

  • einen glaubenden Lebensvollzug jenseits der bergenden Selbstverständlichkeit eines christlich-kirchlichen Milieus,
  • die Rede von der Gottespräsenz angesichts eines gewandelten Weltbilds,
  • ein Menschenbild, das sich nicht im homo faber (der Mensch als Macher) und im animal laborans (der Mensch als Arbeitstier) erschöpft,
  • die Verbindung von Mystik und sozial-politischer Verantwortung,
  • die lernende Öffnung gegenüber nicht-christlichem Denken …

Das Hauptseminar wird zunächst systematisch das Phänomen Mystik in Blick nehmen und dann jeweils mit einer Einführung und der Lektüre exemplarischer Texte eine Tuchfühlung mit konkreten Gestalten aufnehmen, die im 20. Jahrhundert dieses Vordenken verkörpern, so etwa Madeleine Delbrêl, Etty Hillesum, Simone Weil, Mutter Teresa, Carl Albrecht, Thomas Merton, Pierre Teilhard de Chardin und Dag Hammarskjöld.

Kurs im HIS-LSF

Semester: WiSe 2025/26