Der Konstruktivismus ist in seinen verschiedenen Varianten (als sozialer, evolutionärer, radikaler, methodischer oder dialogischer Konstruktivismus) eine wirkmächtige Strömung in der Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie des 20. Jahrhunderts. Man kann ohne Übertreibung sagen, dass sie sich in einigen Wissenschaften (der Soziologie, der Geschichtswissenschaft und in verschiedenen Sprachwissenschaften) als leitendes methodisches Paradigma etabliert hat. In der Philosophie dagegen gibt es zwischen Befürworter:innen und Gegner:innen konstruktivistischer Theorien einen tiefen Graben; häufig spielt in philosophischen Debatten um dieses wichtige Grundlagenthema allerdings Polemik und Abgrenzung eine stärkere Rolle als das Abwägen der einschlägigen philosophischen Argumente für und wider den Konstruktivismus.
Diese „interkulturelle” Barriere zwischen verschiedenen philosophischen Positionen hat verschiedene Gründe – ein paar davon seien hier knapp skizziert: Erstens wird häufig nur unzureichend geklärt, was die These „x ist sozial konstruiert” eigentlich besagt. In der Alltagssprache bezieht man sich mit dem Wort „Konstruieren” in der Regel auf einen absichtsvollen Planungsprozess, um etwas herzustellen. Viele Konstruktivist:innen denken aber auch an gänzlich unabsichtliche Prozesse, wenn sie über „soziale Konstruktionen” sprechen. Was also ist mit der Rede von „sozial konstruiert” genau gemeint? Zweitens stellt sich die Frage, wie weit der Bereich des sozial Konstruierten reicht. Dass eine Universität oder eine politische Partei soziale Institutionen und deshalb – in einem bestimmten Sinn – „sozial konstruiert” sind, wird kaum jemand bestreiten. Wie steht es aber um die Tatsachen, dass sich der Mond um die Erde dreht oder dass die Erde länger existiert als 50 Jahre? Hier geben Konstruktivist:innen ganz unterschiedliche Antworten. Manche verweisen darauf, dass schlechthin all unser Wissen und alle Rede von Wahrheit sozial konstruiert sei – so auch Aussagen über offensichtliche naturwissenschaftliche Tatsachen. Andere meinen, unsere Annahmen und Behauptungen über die Welt würden besonders bei sozial umstrittenen Fragen auf sozial vermittelten Konstruktionen gründen, die vor allem gesellschaftliche Bedürfnisse und Interessen abbilden. Um wessen Bedürfnisse aber handelt es sich hier? Und: Wenn es stimmt, dass alle (vorgeblichen) Wahrheiten nur sozial konstruiert sind – wie steht es dann um die Wahrheit der Kernthese des sozialen Konstruktivismus?
In diesem Seminar wollen wir zunächst verschiedene Spielarten konstruktivistischer Theorien kennenlernen und voneinander abgrenzen. Daraufhin werden wir ihren theoretischen und praktischen Implikationen nachgehen, um ihre Vor- und Nachteile in verschiedenen Anwendungsbereichen diskutieren und bewerten zu können.
- Lehrende/r: Martin Hoffmann