Die Geschichte der Entwicklung der modernen Staatsbürgerschaft wird klassischerweise als fortschreitende Verwirklichung von Freiheit verstanden. In sozialen Kämpfen erstritten sich die Menschen bürgerliche, politische und schließlich soziale Rechte gegenüber dem Staat. Zugleich garantiere der Status die formale Gleichheit unter den Bürger*innen.
Aber lässt sich Staatsbürgerschaft überhaupt auf Rechte reduzieren oder verbirgt sich dahinter vielmehr die Konstituierung eines spezifischen Subjekts und/oder einer kollektiven Identität? Und wie ist dies zu bewerten?
In den letzten Jahrzenten wurde in der Politischen Philosophie die Kritik an dem liberalen, affirmative Staatsbürgerschaftsverständnis lauter. Statt Freiheit und Gleichheit standen nun Fragen der Gerechtigkeit sowie verborgener Macht- und Herrschaftsmomente von Staatsbürgerschaft im Fokus. Kritische Impulse wurden aus gerechtigkeitstheoretischen, demokratietheoretischen, poststrukturalistischen, materialistischen und postkolonialistischen Stoßrichtungen formuliert. So stellt beispielweise für manche Autor*innen der Umstand, dass die Frage, in welche Staatsbürgerschaft man geboren wird, entscheidend für die weiteren Lebensbedingungen ist, eine massive Verletzung zentraler Gerechtigkeitsprinzipien dar. Andere wiederum sehen in Staatsbürgerschaft vor allem ein Instrument der Abgrenzung nach außen; mittels Grenzkontrollen werde eine neoimperialistische Politik des Globalen Nordens praktiziert. Gleichzeitig wird die Frage der Aktualität gestellt: Ist in Folge transnationaler Abkommen und der Europäischen Integration der Staat überhaupt noch Träger der jeweiligen Rechte oder sollten wir das Konzept verabschieden und eine Theorie transnationaler Bürgerschaft entwickeln?
Die Liste der verschiedenen Perspektiven und Ansatzpunkte ist lang. In dem Seminar wollen wir uns anhand ausgewählter Texte verschiedener Autor*innen aus unterschiedlichen Stoßrichtungen dem philosophischen Diskurs um Staatsbürgerschaft nähern.
- Lehrende/r: Gesche Jeromin