„Götzendienst“ ist eine Fremdbezeichnung, keine von irgendjemandem zu erwartende Selbstbezeichnung eines Brauchs der eigenen Tradition, eines Rituals, einer Praxis oder der eigenen Religion. Damit ist schon impliziert, dass es sich um eine reine Bewertung – nämlich eine negative – einer Praxis und nicht etwa um eine Beschreibung handelt. Damit können Mitglieder anderer Gruppen und deren Praxis als einem als gemeinsam vorausgesetzten Standard nicht entsprechend abgelehnt werden. (Zum Beispiel erklären rabbinische Texte götzendienerische Praxis auch von und für nicht-Juden als verwerflich.) Da sich der Gehalt eines solchen Verdikts nicht kritisch überprüfen lässt, sind Diskussionen über die Frage, ob jemand als Individuum oder als Gruppe Götzendienst betreibt, zum Scheitern verurteilt. Wer mit diesem Verdikt bezeichnet wird, verfügt nicht über die Möglichkeit, sich dagegen zu wehren und es argumentativ zu entkräften. Der Begriff „Götzendienst“ teilt sich diese Eigenschaften mit anderen Begriffen wie „Synkretismus“, „Aberglaube“ oder „Magie“. Die Problematik des letzteren wird unter anderem auf dem Workshop aufgegriffen.

Die Bezeichnung von jemandem als „Götzendienerin“ oder „Götzendiener“ ist keine Einladung zur Diskussion von Religionsdifferenzen oder gar zur Suche nach Gemeinsamkeiten in Praxis und Theorie. Sie kann aber sehr wohl als Kristallisationspunkt von gruppeninternen Diskussionen wirken. In der Auseinandersetzung darüber, was Götzendienst ist, wird zunächst die Existenz einer signifikant anderen Praxis und Theorie anerkannt. Es wird verhandelt, wo die Grenzen zu diesen Anderen verlaufen. In der Auseinandersetzung mit den Anderen lassen sich auch eigene Positionen näher bestimmen oder vielmehr überhaupt erst als eigene Position erkennen.

Thematische Überschneidungen mit der Kritik jüdischer und philosophischer Texte an vorherrschenden Facetten der Religion im antiken römischen Reich weisen darauf hin, wie prekär, dafür aber auch wie plausibel und wie flexibel diese Grenzkonstruktionen in der Antike waren und mutatis mutandis heute noch sind. Dabei kann auch ein gezieltes Missverständnis von Theorie und Praxis der Anderen eingesetzt werden. (Die rabbinische Konstruktion des zwanghaft Wein libierenden Römers deutet diese Frage früh an.) Interessant für den geplanten Workshop ist daher weniger die Frage, was Götzendienst sein könnte, als vielmehr die Frage, wie das Gespräch darüber Grenzen zieht und indirekt zeigt, wie unklar und willkürlich diese Grenzen sind.

Kurs im HIS-LSF

Semester: WiSe 2019/2020