„Macht Gottes": Wo sie verorten und wie von ihr sprechen? Topologische Dogmatik

Was bedeutet es, unter unseren gegenwärtigen gesellschaftlichen Bedingungen die Frage nach Gott zu stellen? Gemäß der biblischen Überlieferung ist Gott als eine Macht zu begreifen, die dem Menschen etwas zumutet, und zwar den befreienden Prozess der Menschwerdung. Damit ist die Gottesfrage zugleich eine Anfrage an den unbedingten Grund des menschlichen Daseins. Dieser Vorgang ist ein in existentieller und geistiger Hinsicht durchaus schwieriger Vorgang, denn es gilt zu verstehen, dass die Macht Gottes Macht überraschend und an ungewöhnlichen Orten einfällt sowie in seinem Wort, in der Geschichte und in der Rede über ihn wirkmächtig ist. Gott fällt ein in die theologische Sprache über ihn! Und diese theologische Rede von Gott muss sich selbst in die Zumutung Gottes hineinstellen, will sie nicht Gefahr laufen, hoffnungslos unverständlich zu werden und aus der befreienden Bedeutung seiner Macht herauszutreten!

Die Frage, die wir uns diesem Seminar stellen lautet also: Wie über die Macht Gottes sprechen? Und wo sind die Orte und Räume zu finden, an denen die Macht Gottes erfahren werden kann? Wir werden in diesem Seminar insbesondere die Theologie Hans-Joachim Sanders diskutieren müssen, der einen Entwurf zur Dogmatik vorlegt, der sich der skizzierten Herausforderung stellt. Er erschließt die Aussagen des christlichen Glaubens von den traditionellen Orten katholischer Theologie her, wie sie in der Lehre von den „loci theologici“ klassisch formuliert worden sind, aber auch mit Hilfe sogenannter ‚Heterotopien‘ die zur Sprache gebracht werden müssen. Denn die Topologie dieser ‚Andersorte‘, d.h. deren Erzählung und Raumerfahrung kann die verborgene Bedeutung (oder: den verschütteten Sinn) lebensweltlicher Zusammenhänge allererst zur Sprache bringen. Erst so wäre zu verstehen, dass die Macht Gottes auch und gerade durch diese ‚Andersorte‘ in ihrer prekären, anonymen und aporetischen Struktur in die Rede von Gott einfällt und wirksam wird.

Kurs im HIS-LSF