Die philosophische Beschäftigung mit den Geschichtswissenschaften hat seit jeher ihre eigenen Tücken. Nicht nur betreiben Historiker unter der Bezeichnung „Geschichtstheorie” ihre eigene Philosophie unabhängig von Philosophen. Es ließ sich auch über 150 Jahre nirgends ein einheitliches Bild dieser Disziplinen zeichnen. Ist Geschichte eine Geisteswissenschaft? Ist sie eine Sozialwissenschaft? Ist sie eine Kulturwissenschaft? Ist sie überhaupt eine Wissenschaft? Was soll sie sein? Historiker und Philosophen unterschiedlicher Lager sind sich allein diesbezüglich seit jeher uneinig. Die philosophische Wissenschaftstheorie beschäftigt sich gewöhnlich nicht mit Geschichte, da im internationalen Maßstab history gar nicht zu den sciences gezählt wird. Und die Philosophie der Geschichte gilt in ihren unterschiedlichen Schulen unter Historikern zudem häufig als schlecht informiert und irrelevant.

Das Feld ist alles in allem also äußerst unübersichtlich. In jüngerer Zeit ist erneut behauptet worden, die Philosophie der Geschichte müsse als eine Art Wissenschaftstheorie erst neu erfunden werden, indem man sich auch zuallererst mit geschichtswissenschaftlicher Praxis befasst. Hier setzt das Seminar an, das nach der Relevanz und Irrelevanz der philosophischen Auseinandersetzung mit Geschichtswissenschaften fragt. Die Grundthese ist, dass sich diese Frage nur im Rückblick auf die Traditionen und einen Rekurs auf tatsächliche Forschung beantworten lässt. Vielleicht lässt sie sich allgemein überhaupt nicht beantworten, weil der Heterogenität der Philosophien die Heterogenität der wissenschaftlichen Praxis gegenübersteht.

Das Seminar setzt sich zum Ziel, klassische Debatten und neuere Kontroversen einer Wissenschaftsphilosophie der Geschichtswissenschaften am Schnittpunkt von Philosophie, Geschichtstheorie und Wissenschaftspraxis zu erarbeiten. Folgende Fragen können dabei eine Rolle spielen: Was ist Geschichtswissenschaft und was sind Historische Wissenschaften? Forschen Historiker wissenschaftlich oder erzählen sie bloß Geschichten? Ist Geschichte objektiv oder subjektiv? Formulieren Historiker Erklärungen und rekurrieren sie dabei auf Gesetze oder verwenden sie die Methode mit dem Namen „Verstehen”? Sind historische Erklärungen Erzählungen? Was sind die Gegenstände der Geschichtswissenschaften: singuläre Handlungen, Großereignisse, Strukturen oder die Geschichte? Untersuchen Historiker im Unterschied zu anderen Wissenschaften „ephemere Mechanismen” und keine Systeme? Wird die Geschichte von Kausalität zusammengehalten oder durch Sinn? Existieren soziale Strukturen und sind diese Ursachen? Kann man Makro-Prozesse auch dann verstehen, wenn sie niemand intendiert hat? Was macht eine Philosophie einer Wissenschaft relevant oder irrelevant? Was macht eine Wissenschaft relevant oder irrelevant?

 

Vorkenntnisse sind nicht erforderlich. Die Literatur wird in der Einführungssitzung vorgestellt. 

Kurs im HIS-LSF

Semester: SoSe 2019