Prof. Dr. Christian Pietsch

Projektleitung
© Deus Artifex

Teilprojekt:

Weltseele oder nicht? Der Verzicht auf ihre Annahme, wie er für das Christentum charakteristisch ist und auch von Augustinus in einer Fülle von Exegesen des biblischen Schöpfungsberichtes vertreten wird, bedeutet einen gewichtigen Eingriff in die platonische Beschreibung der Wirklichkeitsstruktur. Um feststellen zu können, ob es sich tatsächlich um einen umfassenden Verzicht handelt oder ob trotz der Aufgabe der Hypostase ‚Seele‘ dennoch die Funktionen der Weltseele gleichsam durch Verschiebung auf andere Ebenen gewahrt wurden, ist ein Blick auf die pagane Tradition erforderlich. Von dort läßt sich eine genaue Beschreibung der unterschiedlichen Funktionen der Weltseele gewinnen. Dies kann einerseits zeigen, wo Augustinus dieser Tradition verpflichtet ist, die andererseits aber auch Hinweise darauf geben, nach welche Funktionen zu suchen ist und an welcher Systemstelle sie bei Augustinus untergebracht sind. Die zentralen Texte dieser für die Arbeit an Augustins Konzeption – also für das Dissertationsprojekt im Rahmen von Deus Artifex – vorbereitenden Untersuchung werden von Plotins, aber auch von Proklos stammen. Während Plotin als von Augustinus selbst rezipierte Quelle gelten kann, konnte Proklos aus Gründen der Chronologie zwar kein Gegenstand der eigenen Lektüre des Kirchenvaters sein, doch arbeitet er die gesamte Tradition in dieser Frage nach Plotin auf und repräsentiert daher die Entwicklung der Diskussion bis Augustinus und ihren zeitgenössisch erreichten Stand. Dies kann den Blick für das Verständnis auch der Konzeption Augustins bis in ihre Details hinein schärfen.