Seminar für Volkskunde/Europäische Ethnologie

Das 1954 gegründete Seminar für Volkskunde/Europäische Ethnologie in Münster ist eines von 23 Universitätsinstituten der Fachrichtung Volkskunde/ Europäische Ethnologie/ Kulturanthropologie/ Empirische Kulturwissenschaft im deutschsprachigen Raum. Die Forschung und Lehre des Seminars widmet sich Erfahrungsformen und Lebenswelten der Alltagskultur mit dem Fokus auf Deutschland in seinen globalen Bezügen.

Themenschwerpunkte in Forschung und Lehre sind Familie und Verwandtschaft sowie populäre Kosmologien (z.B. Aberglaube). Dabei integriert das Seminar eine wissenschaftshistorisch reflektierte historisch-volkskundliche Anthropologie und Gegenwartsstudien in kulturwissenschaftlicher Perspektive.

Der Alltag in unseren Augen – Juli 2015: hysterische Dinge ordnen, um 1900

Juli-2015
„Tauschcollektion des Museums für Völkerkunde in Hamburg. Objekte aus Tirol. 1911“, Inventarbuch des Österreichischen Museums für Volkskunde, Wien. (Quelle: Rudolf Kriss: Das Gebärmuttervotiv. Augsburg 1929.)

Um 1911 tauschte das Hamburger Museum für Völkerkunde ein Konvolut an „Objekten aus Tirol“ an das Österreichische Museum für Volkskunde in Wien. Die darunter befindlichen Stachelkugeln waren begehrte Sammlungsstücke. In den 1890er Jahren waren sie im Zuge der wissenschaftlichen und touristischen Erschließung der Alpen erstmals aus Wallfahrtskirchen in Museumssammlungen gelangt. Die Bärmuttern genannten Votivgaben wurden bei Frauenleiden aller Art geopfert. Die Volkskunde interpretierte sie später als Zeugnisse regionaler Kultur Südtirols und schuf sich so Volkskultur  als exklusiven Erkenntnisgegenstand. Damit separierte das junge Fach seine Materie von antiker Überlieferung – hier: die Beschreibung, Wahrnehmung, Therapie der Gebärmutter (gr. hystera) als im Körper wandernde Stachelkugel seit der hippokratischen Medizin. Bei der Herausbildung der anthropologischen Disziplinen seit dem 19. Jahrhundert kam es durch solche Deutung und Ordnung von Funden zu einer Trennung wissenschaftlicher Expertise für gelehrte und für vernakulare Kultur: Wissenschaft realisierte sich nicht als kumulative Vermehrung von Erkenntnissen. Im Juli werden in zwei Vorträgen am Ludwig-Uhland-Institut für Empirische Kulturwissenschaft in Tübingen und auf dem 40. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde in Zürich erste Ergebnisse dieser historisch-epistemologischen Recherchen präsentiert.