Seminar für Volkskunde/
Europäische Ethnologie

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Das 1954 gegründete Seminar für Volkskunde/Europäische Ethnologie in Münster ist eines von 23 Universitätsinstituten der Fachrichtung Volkskunde/ Europäische Ethnologie/ Kulturanthropologie/ Empirische Kulturwissenschaft im deutschsprachigen Raum. Die Forschung und Lehre des Seminars widmet sich Erfahrungsformen und Lebenswelten der Alltagskultur mit dem Fokus auf Deutschland in seinen globalen Bezügen.

Themenschwerpunkte in Forschung und Lehre sind Familie und Verwandtschaft sowie populäre Kosmologien (z.B. Aberglaube). Dabei integriert das Seminar eine wissenschaftshistorisch reflektierte historisch-volkskundliche Anthropologie und Gegenwartsstudien in kulturwissenschaftlicher Perspektive.

Der Alltag in unseren Augen | Juli 2014: Der freie Stuhl – ein Familienbild

2014-07 Leerer-stuhl

Quelle: Fotografie aus Privatbesitz, Konfirmationsgesellschaft auf dem Hof der Familie B. in Jankeiten, Kr. Memel/Ostpreußen (heute Litauen), vermutlich Frühjahr 1931.

Die eigene Familie ist seit 1839, dem Jahr der ersten öffentlichen Präsentation des fotografischen Verfahrens, eines der beliebtesten Motive privater Fotografie.

Familienfotografien sind Familienbilder in mehrfacher Hinsicht: sie sind nicht nur Abbildungen von Familien, sie spiegeln zugleich historisch und kulturell geprägte Vorstellungen von Familie wider. Diese Fotografien sind oft nicht nur wissenschaftlich schwer zu deuten, auch für die Nachfahren oder Verwandte der abgebildeten Personen stellen die Familienbilder ohne Erläuterungen meist ein Rätsel dar. Informationen in Form von mündlichen oder schriftlichen Erinnerungen an die Personen sowie an die Ereignisse, die zur Ablichtung geführt haben, können wichtige Elemente für die Interpretation und wissenschaftlichen Einordnung von Familienfotografien sein.

So löste sich auch das Rätsel des leeren Stuhls auf der Gruppenfotografie einer Familie in Ostpreußen aus der Zwischenkriegszeit erst durch die Befragung der jetzigen Besitzerin durch eine Studentin meines Praktikums „Familienbilder – Fotografien als Gegenstand kulturanthropologisch-historischer Forschung“ im MA-Studiengang Kulturanthropologie/Volkskunde: Anlass der Gruppenfotografie war die Konfirmation von Michel B., der rechts neben dem leeren Stuhl sitzt. Der Stuhl wurde wahrscheinlich zum Gedenken an seine 1930 (also ein Jahr vor der Aufnahme) verstorbene Patentante Marie frei gelassen. Solche Befunde geben wertvolle Einblicke in populäre Alltagsformen familialer Erinnerung und Beziehungsgestaltung.

Dr. Sigune Kussek


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