Seminar für Volkskunde/Europäische Ethnologie

Das 1954 gegründete Seminar für Volkskunde/Europäische Ethnologie in Münster ist eines von 23 Universitätsinstituten der Fachrichtung Volkskunde/ Europäische Ethnologie/ Kulturanthropologie/ Empirische Kulturwissenschaft im deutschsprachigen Raum. Die Forschung und Lehre des Seminars widmet sich Erfahrungsformen und Lebenswelten der Alltagskultur mit dem Fokus auf Deutschland in seinen globalen Bezügen.

Themenschwerpunkte in Forschung und Lehre sind Familie und Verwandtschaft sowie populäre Kosmologien (z.B. Aberglaube). Dabei integriert das Seminar eine wissenschaftshistorisch reflektierte historisch-volkskundliche Anthropologie und Gegenwartsstudien in kulturwissenschaftlicher Perspektive.

Der Alltag in unseren Augen – August 2015: »Die Gattin und die Camera«, 1956

2015-08 Filmkatalog »Wir blenden auf«
Filmkatalog »Wir blenden auf«, Film- und Fotohandel Pini, München 1956, Titel (Ausschnitt).

Ratgeber und Werbematerialien der 1920er bis 1970er Jahre illustrieren den Gebrauch von Filmkameras überwiegend mit Frauen am Auslöser. So auch auf diesem Titelbild des Katalogs der Münchner Film- und Fotohandels Pini von 1956. Nur scheinbar steht dies im Widerspruch zum praktischen Alltag, in dem zumeist der Partner, Ehemann, Vater filmte. Die Filmkamerahersteller verfolgten damit dasselbe Prinzip wie schon zuvor bei der Verbreitung der Fotokamera. Durch eine Reduktion der technischen Komplexität strebten sie eine Erweiterung der Käuferschichten an, um so das Schmalfilmen von einer technisch anspruchsvollen Liebhaberei zur Alltagsbeschäftigung für Viele zu machen. Die filmende Frau konnte als Chiffre für die Einfachheit der Bedienung dienen, weil im Zuge einer »Polarisierung der Geschlechtscharaktere« (Karin Hausen) seit dem 18. Jahrhundert die technisch-rationale Sphäre männlich konnotiert war. Mit dem Kommando über die Kamera wurden Frauen einerseits weiterhin als Mütter im häuslichen Raum verortet, denn das Filmen sollte vor allem die Funktion einer bewegten Familienchronik erfüllen. Andererseits adressierte diese Werbung Frauen als ökonomisch wichtige Käuferinnen im modernen Heim. In den Worten aus diesem Pini-Katalog: »Hat die Gattin erst alle Furcht vor der ›Camera-Technik‹ verloren, dann handhabt sie den Apparat wie ihre Haushaltungsgeräte.«

Solche Dynamiken sind Gegenstand meiner Promotionsforschung zum Familienfilm in der BRD der 1950er bis 1980er Jahre.


Michael Geuenich, M.A.

Mehr aus meiner Forschung.