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Geschichte des Romanischen Seminars

Gründung

Das Romanische Seminar in Münster wurde 1876 als Einrichtung der Königlichen (Preußischen)
Akademie (1827-1902) gegründet und befand sich zunächst in institutioneller Verbindung mit
dem Englischen Seminar. 1875 wurde ein Lehrstuhl für neuere Sprachen, also Romanistik und
Anglistik, geschaffen und mit dem auch heute noch bekannten Hermann Suchier besetzt wurde.
Auf Suchier folgte bereits zum WS 1876/77 Hermann Körting, der eine immerhin zwölfjährige Phase der Kontinuität in Münster ermöglichte. Mit Körting, dem Verfasser eines Lateinisch-romanischen Wörterbuchs in Konkurrenz zum Romanischen Etymologischen Wörterbuch von Diez, bekam Münster einen Vertreter der führenden junggrammatischen Schule der historischen Sprachwissenschaft, wie sie damals in Jena, dann in Wien durch Wilhelm Meyer-Lübke betrieben wurde. Neben der Einrichtung eines eigenen Lektorates für das Französische wurde Körting ab 1884 durch einen neu geschaffenen Lehrstuhls für englische Philologie entlastet. Freilich gab es damals noch keine reinen Sprach- oder Literaturwissenschaftler: Auch Körting las über französische, provenzalische, italienische und spanische Literatur, etwa in dieser Reihenfolge und Gewichtung. Nach Körtings Weggang nach Kiel wurde mit Hugo Andresen 1892 zum ersten Mal ein ordentlicher Professor nur für romanische Philologie ernannt. 1905 erfolgte die endgültige Trennung der romanischen und englischen Abteilung des bisherigen Seminars in ein eigenständiges Romanisches und ein Englisches Seminar.

Eugen Lerch

Eine der Neuentwicklungen in der romanischen Philologie neben der bis in die fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts vorherrschenden junggrammatischen Schule zeigte sich in der idealistisch-ästhetischen Schule Karl Vosslers. Viele ihrer Vertreter verbanden Literatur- und Sprachwissenschaft immer noch auf glückliche Weise. Einer der bedeutendsten Schüler Vosslers in München war Eugen Lerch, der 1919 seine preisgekrönte Schrift Die Verwendung des romanischen Futurums als Ausdruck eines sittlichen Sollens und seine berühmte Historische französische Syntax in München begonnen hatte, um sie nach seiner Berufung nach Münster, die im Jahre 1930 erfolgte, eben hier 1934 mit dem dritten Bande zu vollenden. Der psychologisierende Idealismus dieser Schule zeigte sich auch in Lerchs Werk Französische Sprache und Wesensart, Frankfurt 1933, in dem er solche Erscheinungen der französischen Grammatik heraushob, die seiner Meinung nach französisches Wesen besonders spiegelten, wie z.B. “Höflichkeit”, “sinnliche Anschauungskraft” und “Impulsivität”, ein Vorgehen, das uns heute kaum mehr als wissenschaftlich erscheint. Lerch hat aber in seiner Münsteraner Zeit auch zahlreiche weit verbreitete Lehrbücher des Französischen verfasst bzw. ältere Lehrbücher überarbeitet. Immer blieb aber die Syntax im Zentrum seiner wissenschaftlichen Tätigkeit, wie auch der Titel Hauptprobleme der französischen Syntax, 2 Bde., 1930-31, zeigt. Allerdings mutete er, nach Ausweis der Vorlesungsverzeichnisse, die Syntax seinen Studierenden nur dem Oberseminar zu, in den Vorlesungen las er vorzugsweise über literarische Themen wie “Der realistische und naturalistische Roman in Frankreich”. Kaum hatte aber das Romanische Seminar 1934 mit Ottone Degregorio den ersten italienischen Lektor zu den zwei vorhandenen französischen hinzugewonnen, da traf die nationalsozialistische Hochschulpolitik das Seminar empfindlich. Eugen Lerch wurde nach dem WS 1934/35 aus politischen Gründen zwangsweise pensioniert. Nach dem Krieg erhielt er 1946 seinen Münsteraner Lehrstuhl zurück, folgte aber bereits zum WS 1946/47 einem Ruf an die Universität Mainz, an der er bis zu seinem frühen Tode 1952 blieb.

Heinrich Lausberg

Nach Lerchs erzwungenem Ausscheiden unter dem NS-Staat und seinem folgenden Weggang nach Mainz gab es zunächst viele Lehrstuhlvertretungen, dann die Besetzung mit Theodor Heinermann, neben ihm Karl Knauer als außerplanmäßiger Professor. Nach Heinermanns Tod im Jahre 1946 wurde der Lehrstuhl erst 1949 wieder neu besetzt. In der Zwischenzeit hielt der Literaturwissenschaftler Knauer (Französisch, Italienisch) den Lehrbetrieb aufrecht, nachdem Eugen Lerch an die Universität Mainz gegangen war. Die Berufung Heinrich Lausbergs (1912-1992), eines Schülers von Ernst Robert Curtius in Bonn und Gerhard Rohlfs in Tübingen, leitete eine zwanzig Jahre währende glänzende Epoche der Romanischen Philologie in Münster ein. Von Curtius, dessen Kollege er auch noch von 1946-1949 in Bonn war, hatte Lausberg sicherlich die tiefe Verbundenheit mit der klassischen Antike und dem christlichen Mittelalter erfahren. Bei Rohlfs, einem der Pioniere der frühen sprachgeographischen Epoche und Mitarbeiter am Sprach- und Sachatlas Italiens und der Südschweiz (AIS), hatte er sich zu einem profunden Kenner der italienischen Dialektologie, der historischen Lautlehre und vor allem der Methode der Visualisierung komplexer sprachlicher Verhältnisse in Sprachatlanten herangebildet. Gerade die Sprachgeographie bildete eines der Paradepferde der romanischen Sprachwissenschaft seit etwa 1900. Gegenüber dem ausschließlich schriftsprachlichen Material, auf das sich die junggrammatische Sprachwissenschaft berufen hatte, gab es hier nun empirisch erhobene
Zeugnisse gesprochener Sprache in ihrer Variabilität von Dorf zu Dorf und Region zu Region. Lausberg hatte in Rohlfs’ Gefolge in den dreißiger Jahren große Teile Kalabriens und Lukaniens an der italienischen Stiefelsohle erwandert und war 1939 mit der Arbeit Die Mundarten Südlukaniens promoviert und gleich nach dem Krieg von Rohlfs mit der gleichen hervorragenden Dissertation habilitiert worden. Unter italienischen Dialektologen ist die “area Lausberg”, die sich zwischen Südlukanien und Kalabrien erstreckt und historische Verbindungen von Süditalien nach Sardinien erahnen lässt, noch heute bekannt und anerkannt.

Aus diesen Wurzeln erwuchs in den fünfziger Jahren einerseits die noch heute unübertroffene dreibändige Romanische Sprachwissenschaft, die auch ins Italienische, Spanische und Portugiesische übersetzt wurde, aber auch die für deutsche Verhältnisse ungeheure Souveränität, sich über die herrschende historisch-vergleichende Sprachwissenschaft hinwegzusetzen und sich der modernen Linguistik zu öffnen. Lausberg war der erste, der noch von Bonn aus und dann in seiner frühen Münsteraner Zeit den Prager Strukturalismus und damit die Phonologie rezipierte. Diese gab er vor allem an seinen Schüler Harald Weinrich weiter, der 1958 seine grundlegenden Phonologischen Studien zur romanischen Sprachgeschichte bei Aschendorff in Münster publizierte.

Überhaupt muss dies damals eine linguistisch sehr anregende Zeit des Aufbruchs in Münster gewesen sein: Jost Trier hatte in der Germanistik schon vor dem Krieg erste Einsichten in das sprachliche Feld gezeigt und für die Semantik fruchtbar gemacht, eine Neuerung, die dann in den siebziger und achtziger Jahren am Romanischen Seminar von Horst Geckeler ausgebaut werden sollte. Ebenfalls in der Germanistik rezipierte Henning Brinkmann Anfang der sechziger Jahre sehr schnell die strukturelle Syntax Lucien Tesnières, als einziger in der alten Bundesrepublik, bevor sie dann in der DDR weiterentwickelt wurde. Auch ein anderer Schüler Lausbergs aus der Zeit um 1960, Christoph Schwarze, der später in Kiel und dann in Konstanz lehrte, wurde am Romanischen Seminar in Münster durch eine profunde sprachhistorische Ausbildung, aber auch durch eine große Offenheit für Fragen der modernen Sprachanalyse geprägt, wie sich später in seinen Arbeiten zur italienischen Syntax zeigen sollte. Auch Harald Weinrich, der glänzende Stilist und Autor berühmt gewordener Werke wie Tempus, besprochene und erzählte Welt (1964) und der Textgrammatik der französischen Sprache (1982) war in den fünfziger Jahren Assistent von Heinrich Lausberg in Münster, promovierte 1956 bei ihm und habilitierte sich mit einem Grundlagenwerk zur historischen Phonologie: Phonologische Studien zur romanischen Sprachgeschichte, Münster 1958. Nach Lehrstühlen in Kiel, Köln, Bielefeld und München wurde er nach seiner Emeritierung 1992 Professor am Collège de France in Paris.

Lausberg wäre aber nicht die herausragende Forscherpersönlichkeit geworden, als die er sich seit frühester Zeit profilierte, wäre er einfach bei der Sprachwissenschaft geblieben. Er war immer auch Philologe. Schon seit 1949, also der frühen Münsteraner Zeit, hatte er sich der Erforschung der antiken Rhetorik und ihrer Nutzbarmachung für die mittelalterliche wie die moderne, vor allem französische Literatur gewidmet. Denn das war es ja, was er nach seiner Ansicht seinen Studierenden, den angehenden Gymnasiallehrerinnen und -lehrern schuldig war: das Handwerkszeug für die Erschließung möglicher französischer Schullektüren zu geben. Nach den Elementen der literarischen Rhetorik (1949) erschien 1960 das monumentale Handbuch der literarischen Rhetorik, das bald jeder Vorlesung und jedem Seminar zugrunde lag. Die Lehre der literarischen Epochen überließ er den anderen Hochschullehrern, er selbst und alle seine Assistenten machten“technische Textinterpretation” und damit “strukturelle Literaturwissenschaft”, indem sie moderne “schulwichtige” Einzeltexte nach den Kriterien der literarischen Rhetorik zergliederten. Mit dieser die spätere Textlinguistik in gewisser Weise antizipierenden Methode führte Lausberg nach seinem Verständnis die Tradition der Verbindung von Literatur- und Sprachwissenschaft fort.

Zu erwähnen ist auch das seit 1951 langjährige Wirken von Hans-Wilhelm Klein (1911-1992) am Romanischen Seminar in Münster. Zunächst als Studienrat i.H. tätig, wurde er 1961 zum Honorarprofessor ernannt. Als Spezialist für die französische Sprachgeschichte, besonders für das Altfranzösische, war er aber auch ein glänzender Kenner und Analytiker der neufranzösischen Grammatik und Syntax, der die studierenden Lehramtsanwärter/innen bestens auf ihren späteren Beruf vorbereitete. Seine Vorlesungen, stets im Audimax, waren ebenso voll wie die Lausbergs. Zu jener Zeit waren die Vorlesungen noch die Kernlehrveranstaltungen, um die sich alles drehte. Zu den Vorlesungszeiten durften keine andere Seminare oder Übungen stattfinden. Die Studierenden, die in der Mehrzahl von der Seminaröffnung morgens um 9 Uhr bis zur Schließung um 20 Uhr ihren Arbeitsplatz in der Seminarbibliothek belegt hatten, strömten am späteren Vormittag erst zu Lausberg, dann zu Klein in die Vorlesung. Im Jahre 1963 wurde H.-W. Klein nach Gießen berufen. Klein war Verfasser solcher Standardwerke wie Phonetik und Phonologie des heutigen Französisch (1963, 6. Aufl. 1982) und, zusammen mit Hartmut Kleineidam, Grammatik des heutigen Französisch (1983).

Das Romanische Seminar in den sechziger Jahren

Ein Studium zu Beginn der sechziger Jahre fand zu einer Zeit statt, als in Münster das einzige Romanische Seminar zwischen Köln und Hamburg war, also noch vor der Gründung von Bremen, Oldenburg, Osnabrück, Bielefeld, Paderborn, Bochum, Duisburg, Siegen und Wuppertal. Bei einem Vergleich mit heute fällt auf, dass in der Lehre keine Trennung zwischen Literatur- und Sprachwissenschaft erfolgte. Es gab nur literaturwissenschaftliche und sprachhistorische Vorlesungen und Seminare, keine zur synchronen Linguistik, zur Phonologie, Syntax, Semantik, Wortbildung. Insofern schlug Lausbergs Rezeption der modernen Linguistik in der eigenen Forschung nicht in die Lehre durch. Da keine spanischen und italienischen Seminare eingerichtet waren, kamen auch Themen wie das amerikanische Spanisch, das man damals ohnehin noch nicht sehr erforscht hatte, oder die italienische Dialektologie – trotz Lausbergs persönlicher Erfahrungen – nicht vor. Aber auch Erörterungen zur Variationslinguistik, etwa zum Französischen in Kanada oder zum français régional in Frankreich lagen noch außerhalb des Denkbaren.

Immerhin war die Romanistik in Gestalt mehrerer Lektoren und Lehrbeauftragter präsent: Neben dem auch als Regisseur, Rezitator und Chansonsänger tätigen französischen Lektor Pierre Bourgeois (1958-1971) wurde die italienische Sprache und Literatur durch Lea Ritter-Santini vertreten, die nach der Habilitation 1968 im Jahre 1970 auf den neu geschaffenen Lehrstuhl für Komparistik (im Fachbereich Germanistik) berufen wurde. Neben ihr bot auch Michele Petrone, als Lektor zwischen 1950 und 1962 tätig, Übungen zur älteren italienischen Literatur an. Als Lektor für Spanisch wirkte von 1949 bis 1968 Franz Damhorst, ein Schüler von Friedrich Schürr. Auch portugiesische Sprachkurse wurden zeitweilig durch portugiesische Lehrbeauftragte angeboten. Die Zahl der französischen Lektoren wurde in den sechziger Jahren noch durch zwei Lektorinnen erweitert, Jacqueline Jung, die von 1964 bis 1995 am Romanischen Seminar tätig war, und Francine Baude, die dort von 1970 bis 1995 lehrte.

Mit der Berufung des zweiten Ordinarius, Walter Mettmann (1926-2011), im Jahre 1964 (emeritiert 1991) änderte sich auch das Lehrangebot. Es wurde erweitert um Themen wie südamerikanische oder mittelalterliche spanische und galicische Literatur sowie historische Laut- und Formenlehre des Rumänischen. Das Seminar war damals noch im untersten Geschoss des Fürstenberghauses untergebracht, mit einem eigenen Bibliotheksraum für die italienische und die spanische und portugiesische Philologie.

Das Romanische Seminar von 1968 bis 1998

In den für die deutschen Universitäten schwierigen Zeiten der äußeren Umstrukturierung und inneren Neubesinnung wirkten am Romanischen Seminar der Universität Münster die bereits genannten Professoren Heinrich Lausberg, Walter Mettmann für die romanische Literaturwissenschaft, dazu von 1966-1972 der aus Rostock über Kiel gekommene Wolfgang Rothe (1920-1975), der Verfasser der ganz im Geist des Prager Strukturalismus konzipierten Phonologie des Französischen (Berlin 1972). Insgesamt waren dies für die großen Zahlen an Studierenden, im wesentlichen Studierende des Französischen, zu wenige Lehrende, auch wenn der damals so genannte „Mittelbau“, aus dem Kreis der Schüler Lausbergs und Mettmanns
gebildet, die Hauptlast der Lehre trug. Es waren dies vor allem Wolfgang Babilas (habilitiert 1968), Karlheinrich Biermann (habilitiert 1982), Hans-Georg Coenen, Brigitta Coenen-Mennemeier, Gerd Lamsfuß, Peter Ronge und Heinrich Störing. An der unbefriedigenden Situation änderte auch die Habilitation Brigitta Coenen-Mennemeiers 1971 und die Berufung von Wolfgang Babilas auf eine ordentliche Professur, ebenfalls 1971, nur wenig, zumal Lausberg 1972 nach Paderborn ging, um an der dortigen Gesamthochschule ein neues Romanisches Seminar zu gründen, und W. Rothe an die neu auszubauende Universität Düsseldorf berufen wurde. Die äußeren Turbulenzen jener Zeit fanden auch in der Auflösung der alten Fakultäten im Jahre 1970 und in der Gliederung der Universität in Fachbereiche ihren Ausdruck. Das
Romanische Seminar bildete von da an zusammen mit dem Slavischen Seminar, allein aufgrund der hohen Zahl der Studierenden, einen eigenen Fachbereich 13, Romanistik und Slavistik, der bis 1995 bestand. Die Philosophische Fakultät wurde sehr bald wieder gegründet, jedoch in völlig anderer Konzeption als zuvor, nämlich lediglich als ein Organ, das die promotionen un Habilitationen der zugehörigen Fächer "organisiert". Im Jahre 1995 wurden die alten Fachbereiche 09-14 aufgelöst und zu einem Fachbereich 11 zusammengelegt. Nach kurzer Übergangsphase wurde daraus 1997 der neue Fachbereich 09 (Philologie) gegründet.

Zur äußerlichen Umgestaltung der ursprünglichen Fakultät gehörte 1970 auch eine organisatorische Aufteilung des Romanischen Seminars in Abteilungen. Sie erfolgte einerseits nach den räumlichen Gegebenheiten, d.h. entsprechend dem Kern der Bibliothek in eine Französische Abteilung und eine Linguistische Abteilung im Fürstenberghaus am Domplatz sowie in eine Spanisch-Portugiesisch-Lateinamerikanische Abteilung in der Ludgeristraße und eine Italienische Abteilung am Spiekerhof. Andererseits spiegelte diese Aufteilung aber auch die inhaltlichen Schwerpunkte wider, indem den Schulfächern Französisch, Spanisch und Italienisch jeweils eine entsprechende Literaturwissenschaft zugeordnet war, während die Linguistische Abteilung zwar nominell alle Einzelphilologien umschloss, faktisch aber ein von diesen getrenntes Eigenleben führte.

Erst in den Jahren 1973-1974 gelang es dem Fachbereich unter der Federführung von Walter Mettmann, das Romanische Seminar personell so auszustatten, dass es in den folgenden Jahrzehnten seinen Aufgaben gerecht werden konnte. Für die französische Literaturwissenschaft wurden zwei C4-Professuren mit Assistentenstellen eingerichtet, jeweils eine C4-Professur mit Assistentenstelle für die italienische und die spanisch-portugiesisch-lateinamerikanische Literaturwissenschaft sowie zwei parallele C4-Professuren mit Assistentenstellen für die Gesamtheit der Sprachwissenschaft der romanischen Sprachen. Zum WS 1973/74 wurde Wolf Dietrich (geb. 1940) aus Tübingen, ein Schüler Eugenio Coserius, auf den Lehrstuhl für
Romanische Sprachwissenschaft berufen, zum SS 1974 Horst Geckeler (1935-2002), ebenfalls von der Universität Tübingen und Schüler Coserius, für den zweiten Lehrstuhl für Romanische Sprachwissenschaft; sodann Manfred Lentzen (geb. 1940) aus Köln, ein Schüler Fritz Schalks, auf den Lehrstuhl für Italienische Literaturwissenschaft; zum WS 1974/75 Jürgen Grimm (1934-2009) aus Freiburg, ein Schüler von Hugo Friedrich und Erich Köhler, auf den Lehrstuhl für französische Literaturwissenschaft. Die vier Neuberufenen ergänzten somit das vorhandene Personal, das aus den Lehrstuhlinhabern Wolfgang Babilas für Französische Literaturwissenschaft und Walter Mettmann für die Spanisch-Portugiesisch-Lateinamerikanische Literaturwissenschaft bestand.

Die Ergänzung des Personals für Lehre und Forschung geschah 1975 – im Sinne einer Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses – sichtlich auch durch die Besetzung der Assistentenstellen an den genannten Lehrstühlen. So wurde bestellt am Lehrstuhl Grimm Margarete Zimmermann (Ass. 1975-1980, habilitiert 1985, 1988 als Professorin an der FU Berlin berufen). Als Nachfolgerin von Margarete Zimmermann besetzte am Lehrstuhl Grimm die Assistentenstelle Andrea Grewe von 1988-1999 (habilitiert 1996, seit 1999 Professorin in Osnabrück). Assistent am Lehrstuhl Babilas wurde Wolfgang Asholt (wiss. Ass. 1975-1980, habilitiert 1982, 1984 als Professor an die Universität Osnabrück berufen).

Am Lehrstuhl Geckeler wurde Harald Thun Assistent (1975-1985, habilitiert 1985, ab 1985 Professor in Mainz, ab 1993 in Kiel); als sein Nachfolger war Ulrich Hoinkes von 1992 bis 2001 Assistent (habilitiert 1999, seit 2001 Professor in Kiel). Die Assistentenstelle am Lehrstuhl Dietrich hatte von 1975 bis 1986 Bruno Staib inne (habilitiert 1986, 1987-1992 Professor in Münster, 1992-1998 Professor für romanische Sprachwissenschaft in Duisburg, ab 1998 in Mainz). Nachfolger von Bruno Staib war seit 1993 Eric Sonntag, der sich 2000 habilitierte und nach der Emeritierung Dietrichs im Jahre 2006 dessen Lehrstuhl zeitweilig vertrat (bis 2009). Außerdem war Haralambos Symeonidis wiss. Mitarbeiter am Lehrstuhl Dietrich von 1994 an, dann Mitarbeiter am DFG-Projekt ALGR von 1999 bis 2006. Seit 2007 ist er Professor für hispanist. Linguistik an der University of Kentucky in Lexington, USA.

Am Lehrstuhl Lentzen war von 1975 bis 1985 Joachim Leeker als Assistent tätig (habilitiert 1983, seit 1991 apl. Professor in Münster, 1994-2006 Professor an der TU Chemnitz, seit 2006 an der TU Dresden). Seine Nachfolgerin war von 1997 bis 2004 Barbara Kuhn (habilitiert 2001, ab 2004 Professorin in Konstanz, seit 2009 in Eichstätt). Von 2004 bis 2007 hatte die Assistentenstelle Dorothee Wilken inne.

Am Romanischen Seminar habilitiert wurde auch Karin Becker (1999), die nach Lehrtätigkeiten in Berlin, Luxemburg, Stuttgart und Freiburg seit 2006 als Privatdozentin am Romanischen Seminar in Münster tätig ist. Susanne Hartwig, die seit 2006 Professorin für Romanische Literaturen und Kulturen in Passau ist, hat in den neunziger Jahren in Münster studiert, dort 1998 bei Jürgen Grimm promoviert und war dort 1998 bis 2000 wissenschaftliche Angestellte.

Auch im Bereich der Akademischen Räte und Studienprofessoren gab es ab 1975 eine Vervollständigung des Lehrpersonals. Im Bereich der französischen Sprachwissenschaft wurde eine Akad. Ratsstelle mit Georg Kremnitz besetzt, der nach der Habilitation 1986 Professor an der Universität Wien geworden ist. Als sein Nachfolger wurde 1988 Wolf-Dieter Heim für französische Sprachwissenschaft bestellt. Die dem Lehrstuhl Mettmann zugeordnete Assistentenstelle war in eine Akad. Ratsstelle mit Schwerpunkt spanische Literaturwissenschaft umgewandelt worden, die mit Brigitte Wittmann (bis 1991) besetzt war. In der französischen Literaturwissenschaft wurde je eine Akad. Ratsstelle mit Karlheinrich Biermann, einem Schüler Lausbergs, sowie mit Christoph Miething, einem Schüler Hugo Friedrichs und Jürgen Grimms, besetzt. Diese beiden habilitierten sich 1982 und wurden zu Professoren ernannt. Brigitta Coenen-Mennemeier war apl. Professorin seit 1971, Hans-Georg Coenen und Peter Ronge wurden 1980 im Zuge der Erweiterung der Professorenschaft zu Studienprofessoren für französische Literaturwissenschaft ernannt. In den Jahren von 1995 bis 1999 wurden Hans-Georg Coenen, Brigitta Coenen-Mennemeier, Peter Ronge und Gerd Lamsfuß in den Ruhestand verabschiedet.

Ein Teil der in den Jahren 1974-1976 eingestellten fremdsprachlichen Lektorinnen und Lektoren konnte aufgrund einer neuen Rechtslage unbefristet angestellt werden und so auch das Romanische Seminar dauerhaft prägen. Es sind dies Chantal Delforge-Walther (seit 2013 im Ruhestand), Alain Deligne, Christian Lacourière (seit 2012 im Ruhestand) und Marianne Vézinaud (seit 2012) für französische Sprache, Giovanni di Stefano für italienische Sprache, Elisabeth Gonçalves von Strasser für portugiesische Sprache sowie Olga Mori (bis 2004) für spanische Sprache. Alain Deligne hat sich 2004 an der Universität Lille habilitiert, er ist seit 2011 apl. Professor. Giovanni di Stefano und Olga Mori sind auch stets durch eigene wissenschaftliche Arbeiten hervorgetreten. Auf der Stelle eines Studienrats i.H. arbeitete als Lektor José M. Bella-Ventosa (spanische und katalanische Sprache, 1963 bis 1993, † 2010), seither Juan Zamora (spanische Sprache).

Bei der Erweiterung der Lehr- und Forschungskapazitäten des Romanischen Seminars seit 1973/1974 wurde ein Ungleichgewicht zwischen Literatur- und Sprachwissenschaft in der Ausbildung der Studierenden deutlich, besonders in der Ausbildung für die Lehrämter. Während das Studium der Literaturwissenschaft gleichsam selbstverständliches Kerngebiet für alle Studierenden war, spielte die Sprachwissenschaft keine Rolle. Sie konnte bei Interesse als zweiter Schwerpunkt gewählt werden. Dieser – angesichts der gewachsenen Bedeutung der Linguistik in Zeiten des Strukturalismus und der generativen Grammatik – unhaltbare Zustand wurde 1975 administrativ beseitigt. Sprachwissenschaftliche Lehrveranstaltungen waren nun im Grund- wie im Hauptstudium ebenso verpflichtend wie im mündlichen Staatsexamen.

Trotz der in der Folge noch ständig steigenden Studentenzahlen bedeutete die Zeit bis etwa 1998 eine Zeit der Konsolidierung. Dazu trug nicht nur die zunächst befriedigende Personal- und Sachmittelausstattung des Seminars bei, sondern vor allem der erfreuliche Zusammenhalt der Lehrenden. In diesem Bewusstsein haben sich die Verantwortlichen des Romanischen Seminars auch erfolgreich gegen eine im Trend liegende Namensänderung, etwa in „Institut für Romanische Philologie“ oder „Institut für Romanistik“, gewehrt. Es blieb beim traditionellen „Romanischen Seminar“, in Übereinstimmung mit dem Englischen Seminar und dem Slavisch-Baltischen Seminar.

Angesichts der Ausweitung und Diversifizierung der Forschungskapazitäten auf der Ebene der Professoren und der wissenschaftlichen Mitarbeiter ist es nicht möglich, die Forschungsschwerpunkte in der Münsteraner Romanistik ähnlich konzentriert wie in den dreißiger bis sechziger Jahren zu skizzieren. So lässt sich nur sagen, dass sie ähnlich wie die Themen der Lehrveranstaltungen breitgefächert waren und nahezu alle Bereiche der Romanistik und auch der romanischen Sprachen umfassten.

In den neunziger Jahren gab es die ersten größeren Veränderungen durch Emeritierungen und Neuberufungen. Im Jahre 1991 wurde Walter Mettmann emeritiert († 2011) und an seine Stelle Christoph Strosetzki von der Universität Düsseldorf berufen. Die Stelle der ausgeschiedenen Brigitte Wittmann übernahm als Studienrätin i.H. für spanische Literaturwissenschaft und Sprachpraxis Arabella Pauly von der Universität Bonn. Auf eine neugeschaffene Mitarbeiterstelle des Lehrstuhls Strosetzki kam 1997 Michaela Peters (habilitiert 2005, seit 2011 apl. Professorin an der Universität Hamburg). Die Stelle ist seither mit Carmen Rivero besetzt. Seit 2005 erlaubt es der Horstmannpreis, einen literaturwissenschaftlichen Promovenden aus Spanien ein Jahr in Lehre und Forschung an der Spanischen Abteilung zu haben. In der Sprachpraxis sind Juan Zamora und Javier García Albero tätig; das von Barcelona teilfinanzierte Lektorat des Katalanischen hat Queralt Castañares inne.

Wolfgang Babilas wurde 1995 emeritiert; auf diesen Lehrstuhl wurde Mechthild Albert von der Universität Frankfurt berufen. Ihre Assistentenstelle war 1995-2002 mit Cerstin Bauer-Funke besetzt, die sich bei Mechthild Albert an der Universität des Saarlandes habilitierte.

Zu Beginn der 1990er Jahre gab es Veränderungen dadurch, dass an der Universität Münster verschiedene Zentren gegründet wurden. Die in Bezug auf das Romanische Seminar wichtigsten sind das Lateinamerika-Zentrum und das Sprachenzentrum. Letzteres trat insofern in Konkurrenz zum Romanischen Seminar, als es ein vielfältiges Sprachlehrangebot für Hörer aller Fakultäten aufbaute, aber kaum eigenes Personal hatte. Vom Rektorat mehr gefördert als die Philologien gab es von nun an ständig Begehrlichkeiten im Hinblick auf Lektoratsstellen des Romanischen Seminars, die in den folgenden Jahren teilweise zu Stellenteilungen zwischen dem Romanischen Seminar und dem Sprachenzentrum führten.

In die gleiche Zeit der beginnenden 1990er Jahre fiel die Einrichtung einer für die Ausbildung der Lehrämter notwendig gewordenen Stelle einer Studienrätin i.H. für die Fachdidaktik der romanischen Sprachen und Literaturen. Sie wurde 1992 bis 2013 mit Sylvia Thiele besetzt (seit WS 13/14 Professorin in Mainz).

Das Romanische Seminar seit 1998

Ein Einschnitt ergibt sich mit den Jahren um 1998, weil damals die bis dahin gültige Phase des Ausbaus und der Konsolidierung zu Ende ging. Nicht nur die Mittel wurden immer knapper, es begann auch die Zeit der „Strukturpläne“ und „Profilbildungen“ für die einzelnen Institute, aber auch für die in die Konkurrenz untereinander getriebenen Universitäten insgesamt. In jenen Jahren führte die „Profilbildung“ im Zusammenhang mit der Umstellung auf Bachelor- und Masterstudiengänge an der Universitätsspitze dazu, das Konzept wissenschaftlich zusammengehöriger Gebiete wie Romanistik oder auch Slavistik aufzugeben und an deren Stelle nur noch in Schulfächern wie Französisch versus Spanisch oder Polnisch versus Russisch zu denken. Das Romanische Seminar mußte um den Erhalt des Italienischen als eigenes Studienfach kämpfen.

Es ging in jenen Jahren nur noch um Einsparungen an Mitteln und Stellen und um eine Ökonomisierung der Universitäten in großem Stil. Freilich hatte es auch schon in den achtziger Jahren im Einzelnen absurde „Kapazitätsverordnungen“ (KapVO) gegeben, aber sie wirkten sich aufgrund fehlender personeller Veränderungen im Romanischen Seminar kaum aus. Mit den Emeritierungen und Pensionierungen veränderte sich die Lage ab etwa 1995 durchaus, drastischer ab 1998. Zunächst fielen die Stellen Coenen, Coenen-Mennemeier und Lamsfuß ersatzlos weg, danach auch die Professuren Biermann (2003) und Miething (2009). Kürzungen betrafen dann aber – neben den Lektoraten – auch die wieder zu besetzenden bisherigen C4-Professuren. Nach seiner Emeritierung 1999 wurde die Professur Grimm in eine C3-Professur ohne Assistentenstelle verwandelt. Als Nachfolgerin wurde 2002 Karin Westerwelle von der Heinrich Heine-Universität Düsseldorf berufen.

Die Professur Geckeler wurde nach Geckelers Emeritierung im Jahre 2000 ebenfalls in eine C3-Professur ohne Assistentenstelle umgewandelt. Auf diese Professur mit dem Schwerpunkt „Französische und italienische Sprachwissenschaft“ wurde 2002 Georgia Veldre-Gerner aus Berlin (Schülerin von Johannes Klare und Klaus Hunnius) berufen.

Immerhin konnte aus der ehemaligen Studienprofessur Ronge (pensioniert 1999) und der Akad. Ratsstelle Störing (pensioniert 2003) eine neue Professur für „Historische Romanische Sprachwissenschaft, Schwerpunkt Französisch und Spanisch“ eingerichtet werden, auf die 2002 Volker Noll, ein Schüler von Bodo Müller (Heidelberg) und Gustav Ineichen (Göttingen), berufen wurde.

Im Jahre 2004 verstarb überraschend der Akad. Rat. Wolf-Dieter Heim. Seine Nachfolgerin wurde ab WS 2004/05 Eske Prasuhn als wiss. Mitarbeiterin für französische, spanische und italienische Sprachwissenschaft.

Nach der Emeritierung Wolf Dietrichs Anfang 2006 entstand in der Linguistischen Abteilung eine lange Vakanz, die erst zum WS 2011/12 durch die Berufung von Christina Ossenkop, einer Schülerin von Dieter Woll (Marburg) und Otto Winkelmann (Gießen), beendet werden konnte. Durch die Besetzung der ebenfalls lange vakanten Assistentenstelle mit Anna Ewig ist die Linguistische Abteilung nun wieder vollständig besetzt.

Nach der Wegberufung von Mechthild Albert an die Universität des Saarlandes konnte die Stelle zügig zum WS 2001/2002 mit Ulrich Prill besetzt werden, der über Aachen, Chemnitz und Mainz-Germersheim nach Münster kam. Die Assistentenstelle war von 2002 bis 2009 mit Anna-Sophia Buck, dann für zwei Jahre von 2009 bis 2011 mit Pia Claudia Doering besetzt. Nach Prills frühem Tod im Jahr 2010 wurde zum WS 2011/12 Cerstin Bauer-Funke von der Universität Duisburg-Essen auf diese W3-Professur berufen. Frau Bauer-Funke ist eine Schülerin Jürgen Grimms und Mechthild Alberts.
Nach der Emeritierung von Manfred Lentzen (2006) wurde im Jahre 2007 Tobias Leuker von der Universität Augsburg als Professor für italienische und spanische Literaturwissenschaft berufen.

Wolf Dietrich


Quelle: Heinrich Lausberg, „Die Romanistik an der Universität Münster“, in: Dollinger, Heinz (Hrsg.), Die Universität Münster 1780 – 1980, Münster: Aschendorff, 1980, 401-410.