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BispingGeschichte des Romanischen Seminars


Das Romanische Seminar in Münster wurde 1876 als Einrichtung der Königlichen (Preußischen) Akademie (1827-1902) gegründet und befand sich zunächst in institutioneller Verbindung mit dem Englischen Seminar. Dies bildete auch den Rahmen für die Einrichtung eines Lehrstuhls für neuere Sprachen, also Romanistik und Anglistik, 1875, der mit dem auch heute noch bekannten Hermann Suchier besetzt wurde.
Auf Suchier folgte bereits zum WS 1876/77 Hermann Körting, der eine immerhin zwölfjährige Phase der Kontinuität in Münster ermöglichte. Mit Körting, dem Verfasser eines Lateinisch-romanischen Wörterbuchs in Konkurrenz zum Romanischen Etymologischen Wörterbuch von Diez, bekam Münster einen Vertreter der führenden junggrammatischen Schule der historischen Sprachwissenschaft, wie sie damals in Jena, dann in Wien durch W. Meyer-Lübke betrieben wurde. Neben der Errichtung eines eigenen Lektorates für das Französische wurde Körting ab 1884 durch die Errichtung eines Lehrstuhls für englische Philologie, entlastet. Freilich gab es damals noch keine reinen Sprach- oder Literaturwissenschaftler: Auch Körting las über französische, provenzalische, italienische und spanische Literatur, etwa in dieser Reihenfolge und Gewichtung. Nach Körtings Weggang nach Kiel wurde mit Hugo Andresen 1892 zum ersten Mal ein ordentlicher Professor nur für romanische Philologie ernannt.
Nach der Wiedererrichtung der Universität Münster (1902) erfolgte 1905 die endgültige Trennung der romanischen und englischen Abteilung des bisherigen Seminars in ein eigenständiges Romanisches und ein Englisches Seminar.

Eugen Lerch

Eine der Neuentwicklungen in der romanischen Philologie neben der bis in die fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts vorherrschenden junggrammatischen Schule zeigte sich in der idealistisch-ästhetischen Schule Karl Vosslers. Viele ihrer Vertreter verbanden Literatur- und Sprachwissenschaft immer noch auf glückliche Weise. Einer der bedeutendsten Schüler Vosslers in München war Eugen Lerch, der 1919 seine preisgekrönte Schrift Die Verwendung des romanischen Futurums als Ausdruck eines sittlichen Sollens und seine berühmte Historische französische Syntax in München begonnen hatte, um sie nach seiner Berufung nach Münster, die im Jahre 1930 erfolgte, eben hier 1934 mit dem dritten Bande zu vollenden. Der psychologisierende Idealismus dieser Schule zeigte sich auch in Lerchs Werk Französische Sprache und Wesensart, Frankfurt 1933, in dem er solche Erscheinungen der französischen Grammatik heraushob, die seiner Meinung nach französisches Wesen besonders spiegelten, wie z.B. “Höflichkeit”, “sinnliche Anschauungskraft” und “Impulsivität”, ein Vorgehen, das uns heute kaum mehr als wissenschaftlich erscheint. Lerch hat aber in seiner Münsteraner Zeit auch zahlreiche weit verbreitete Lehrbücher des Französischen verfasst bzw. ältere Lehrbücher überarbeitet. Immer blieb aber die Syntax im Zentrum seiner wissenschaftlichen Tätigkeit, wie auch der Titel Hauptprobleme der französischen Syntax, 2 Bde., 1930-31, zeigt. Allerdings mutete er, nach Ausweis der Vorlesungsverzeichnisse, die Syntax seinen Studierenden nur ab dem Oberseminar zu, in den Vorlesungen las er vorzugsweise über literarische Themen wie “Der realistische und naturalistische Roman in Frankreich”.
Kaum hat aber das Romanische Seminar 1934 mit Ottone Degregorio den ersten italienischen Lektor zu den zwei vorhandenen französischen hinzubekommen, da traf die nationalsozialistische Hochschulpolitik das Seminar empfindlich. Eugen Lerch wurde nach dem WS 1934/35 aus politischen Gründen zwangsweise pensioniert. Nach dem Krieg erhielt er 1946 seinen Münsteraner Lehrstuhl zurück, folgte aber bereits zum WS 1946/47 einem Ruf an die Universität Mainz, wo er bis zu seinem frühen Tode 1952 blieb.

Heinrich Lausberg

Nach Lerchs Entfernung von der Universität gab es zunächst viele Lehrstuhlvertre- tungen, dann die Besetzung mit Theodor Heinermann, neben ihm Karl Knauer als außerplanmäßiger Professor. Nach Heinermanns Tod, 1946, wurde der Lehrstuhl erst 1949 wieder neu besetzt. Die Berufung Heinrich Lausbergs, eines Schülers von Ernst Robert Curtius in Bonn und Gerhard Rohlfs in Tübingen, leitete eine zwanzig Jahre währende glänzende Epoche der Romanischen Philologie in Münster ein. Von Curtius, dessen Kollege er auch noch von 1946-1949 in Bonn sein durfte, hatte Lausberg sicherlich die tiefe Verbundenheit mit der klassischen Antike und dem christlichen Mittelalter erfahren. Bei Rohlfs, einem der Pioniere der frühen sprachgeographischen Epoche und Mitarbeiter am Sprach- und Sachatlas Italiens und der Südschweiz (AIS), hatte er sich zu einem profunden Kenner der italienischen Dialektologie, der historischen Lautlehre und vor allem der Methode der Visualisierung komplexer sprachlicher Verhältnisse in Sprachatlanten herangebildet. Gerade die Sprachgeo- graphie bildete eines der Paradepferde der romanischen Sprachwissenschaft seit etwa 1900. Gegenüber dem ausschließlich schriftsprachlichen Material, auf das sich die junggrammatische Sprachwissenschaft berufen hatte, gab es hier nun empirisch erhobene Zeugnisse gesprochener Sprache in ihrer Variabilität von Dorf zu Dorf und Region zu Region. Lausberg hatte in Rohlfs’ Gefolge in den dreißiger Jahren große Teile Kalabriens und Lukaniens an der italienischen Stiefelsohle erwandert und war 1939 mit der Arbeit Die Mundarten Südlukaniens promoviert und gleich nach dem Krieg von Rohlfs mit der gleichen hervorragenden Dissertation habilitiert worden. Unter italienischen Dialektologen ist die “area Lausberg”, die sich zwischen Südlukanien und Kalabrien erstreckt und historische Verbindungen von Süditalien nach Sardinien erahnen lässt, noch heute bekannt und anerkannt.
Aus diesen Wurzeln erwuchs in den fünfziger Jahren einerseits die noch heute unübertroffene dreibändige Romanische Sprachwissenschaft, die auch ins Italienische, Spanische und Portugiesische übersetzt wurde, aber auch die für deutsche Verhältnisse ungeheure Souveränität, sich über die herrschende historisch-vergleichende Sprachwissenschaft hinwegzusetzen und sich der modernen Linguistik zu öffnen. Lausberg war der erste, der noch von Bonn aus und dann in seiner frühen Münsteraner Zeit den Prager Strukturalismus und damit die Phonologie rezipierte. Diese gab er vor allem an seinen Schüler Harald Weinrich weiter, der 1958 seine grundlegenden Phonologischen Studien zur romanischen Sprachgeschichte bei Aschendorff in Münster publizierte. Überhaupt muss dies damals eine linguistisch sehr anregende und fruchtbare Zeit des Aufbruchs in Münster gewesen sein: Jost Trier hatte in der Germanistik schon vor dem Krieg erste Einsichten in das sprachliche Feld gezeigt und für die Semantik fruchtbar gemacht, eine Neuerung, die dann in den siebziger und achtziger Jahren am Romanischen Seminar von Horst Geckeler ausgebaut werden sollte. Ebenfalls in der Germanistik rezipierte Hennig Brinkmann Anfang der sechziger Jahre sehr schnell die strukturelle Syntax Lucien Tesnières, als einziger in der alten Bundesrepublik, bevor sie dann in der DDR weiterentwickelt wurde. Auch ein anderer Schüler Lausbergs aus der Zeit um 1960, Christoph Schwarze, der später in Kiel und dann in Konstanz lehrte, wurde am Romanischen Seminar in Münster durch eine profunde sprachhistorische Ausbildung, aber auch durch eine große Offenheit für Fragen der modernen Sprachanalyse geprägt, wie sich später in seinen Arbeiten zur italienischen Syntax zeigen sollte. Auch Harald Weinrich, der glänzende Stilist und Autor so berühmt gewordener Werke wie Tempus, besprochene und erzählte Welt (1964) und der Textgrammatik der französischen Sprache (1982) war in den fünfziger Jahren Assistent von Heinrich Lausberg in Münster, promovierte 1956 bei ihm und habilitierte sich mit einem Grundlagenwerk zur historischen Phonologie: Phonologische Studien zur romanischen Sprachgeschichte, Münster 1958. Nach Lehrstühlen in Kiel, Köln, Bielefeld und München wurde er nach seiner Emeritierung 1992 Professor am Collège de France in Paris.
Lausberg wäre aber nicht die herausragende Forscherpersönlichkeit geworden, als die er sich seit frühester Zeit profilierte, wäre er einfach bei der Sprachwissenschaft geblieben. Er war immer auch Philologe. Schon seit 1949, also der frühen Münsteraner Zeit, hatte er sich der Erforschung der antiken Rhetorik und ihrer Nutzbarmachung für die mittelalterliche wie die moderne, vor allem französische Literatur verschrieben. Denn das war es ja, was er nach seiner Ansicht seinen Studierenden, den angehenden Gymnasiallehrerinnen und -lehrern schuldig war: das Handwerkszeug für die Erschließung möglicher französischer Schullektüren zu geben. Nach den Elementen der literarischen Rhetorik (1949) erschien 1960 das monumentale Handbuch der literarischen Rhetorik, das bald jeder Vorlesung und jedem Seminar zugrunde lag. Die Lehre der literarischen Epochen überließ er den anderen Hochschullehrern, er selbst und alle seine Assistenten machten “technische Textinterpretation” und damit “strukturelle Literaturwissenschaft”, indem sie moderne “schulwichtige” Einzeltexte nach den Kriterien der literarischen Rhetorik zergliederten. Mit dieser die spätere Textlinguistik in gewisser Weise vorausnehmenden Methode führte Lausberg nach seinem Verständnis die Tradition der Verbindung von Literatur- und Sprachwissenschaft fort.

Das Romanische Seminar in den sechziger Jahren

Ein Studium zu Beginn der sechziger Jahre fand zu einer Zeit statt, als in Münster das einzige Romanische Seminar zwischen Köln und Hamburg war, also noch vor der Gründung von Bremen, Oldenburg, Osnabrück, Bielefeld, Paderborn, Bochum, Duisburg-Essen und Wuppertal.
Bei einem Vergleich mit heute fällt auf, dass es in der Lehre keine Trennung zwischen Literatur- und Sprachwissenschaft gab. Es gab nur literaturwissenschaftliche und sprachhistorische Vorlesungen und Seminare, keine zur synchronen Linguistik, zur Phonologie, Syntax, Semantik, Wortbildung. Insofern schlug Lausbergs Rezeption der modernen Linguistik nicht in die Lehre durch. Da es keine spanischen und italienischen Seminare gab, kamen auch Themen wie das amerikanische Spanisch, das man damals ohnehin noch nicht erforscht hatte, oder die italienische Dialektologie nicht vor - trotz Lausbergs persönlichen Erfahrungen -, aber auch Erörterungen zur Variationslinguistik, etwa zum Französischen in Kanada oder zum français régional in Frankreich lagen noch außerhalb des Denkbaren. Das änderte sich jedoch sehr bald mit der Berufung des zweiten Ordinarius, Walter Mettmann, 1964, der dann schon über Exotischeres, wie südamerikanische Literatur und historische Laut- und Formenlehre des Rumänischen las.
Das Seminar war damals noch im untersten Geschoss des Fürstenberghauses, mit einem eigenen Raum für die italienische und die spanische Philologie. Zum Sommer 1975 erfolgte der Umzug des Seminars in den Bispinghof.

Wolf Dietrich


 

 

 



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