
Geschichte des Romanischen Seminars an der Universität Münster
Einleitung
Das Romanische Seminar wird 150 Jahre alt, das klingt nach Altehrwürdigkeit und ist auch beachtlich, wenn man es vergleicht etwa mit Instituten für Romanistik an neueren Universitäten wie Osnabrück, Paderborn oder Wuppertal. Im Spiegel der Geschichte der europäischen und auch der deutschen Universitäten sind freilich 150 Jahre eher wenig, aber unsere Disziplin ist ja auch erst ca. 200 Jahre alt.
Diese „Geschichte des Romanischen Seminars der Universität Münster“ ist eine teilweise persönliche. Ich habe diese Zeilen verfasst als alter Professor des Romanischen Seminars, als einer, der dessen Leben und Wirken über 65 Jahre erlebt und mitverfolgt hat. Ab 1961 habe ich hier die ersten drei Semester meines Studiums verbracht und war dann hier von 1973 bis 2006 ordentlicher Professor für Romanische Philologie mit besonderer Berücksichtigung der französischen Sprachwissenschaft. Bis 2011 habe ich auch noch Vorlesungen gehalten. Für den Teil, den ich nicht selbst miterlebt habe, bin ich auf fremde Quellen angewiesen, nämlich Heinrich Lausberg, „Die Romanistik an der Universität Münster“ in einer Festschrift zum 200-jährigen Jubiläum der Universität, Die Universität Münster 1780-1980. Auch die Homepage der Universität selbst ist hier hilfreich. Eine Bildquelle ist zudem die Homepage des Kollegen Alain Deligne. Dort finden Sie ganz am Ende unter „Illustrations“ eine Reihe schöner Porträts früherer Dozenten des Romanischen Seminars, sehr gelungene Zeichnungen nach meinem Dafürhalten. Mein Blick auf die hier selbst erlebten Jahrzehnte wird ein sehr persönlicher sein, in Bezug auf, was das ich hervorhebe und wie ich es heute sehe, und das, was ich vergessen habe oder weglasse.
Unter den deutschen Universitäten gehört Münster nicht zu den alten, die schon im späten Mittelalter oder in der Frühen Neuzeit gegründet wurden – wie Köln, Heidelberg, Tübingen, Marburg, Leipzig, Göttingen, auch Kiel –, aber auch nicht zu den neueren, den vor allem in den 60er und 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts gegründeten – wie Regensburg, Augsburg, Konstanz, Bochum, Siegen, Wuppertal, Duisburg-Essen, Oldenburg usw. Sie gehört zu den Gründungen des 19. – wie Bonn - bzw. frühen 20. Jahrhunderts – wie Hamburg. In Münster gründete 1780 der Freiherr von Fürstenberg eine Universität, der allerdings keine lange Lebensdauer beschieden war. Als Münster 1803 unter französische Verwaltung kam, war erst einmal wieder Schluss, und als Münster 1818 preußisch wurde, entschied man sich in Berlin für nur eine Universität in den Westprovinzen, und das war Bonn. Ab 1827 gab es in Münster immerhin wieder eine Lehranstalt, der 1832 eine Theologische Fakultät mit Promotionsrecht angegliedert wurde. Bis 1902 blieb Münster eine Königlich Preußische Akademie, wurde dann von Wilhelm II. zur Universität erklärt und daher auch nach ihm benannt – bis dann vor wenigen Jahren der Universitätsname in „Universität Münster“ geändert wurde. Münster war am Anfang noch keine Volluniversität mit Medizin und Naturwissenschaften, dafür gab es z. B. die Medizinische Akademie in Düsseldorf. Die Münsteraner Medizin feierte 2025 ihr hundertjähriges Bestehen.
Wenn man bedenkt, dass sich eine wissenschaftliche Beschäftigung mit neueren Sprachen – neben dem grundlegenden, aber auch eher auf das Praktische ausgerichteten Latein- und Griechischunterricht – erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts langsam etablierte, ist es verständlich, dass Professuren und dann Institute für Germanistik, Romanistik, Slavistik und Anglistik erst nach und nach eingerichtet wurden. Hatte man sich in früheren Jahrhunderten mit diesen Sprachen vor allem zum Zweck des Spracherwerbs und im Hinblick auf die Sprachgeschichte beschäftigt, so konnte man nun, nachdem die Geschichtlichkeit von Sprache und ihrem systematischen Wandel erkannt war, deren Geschichte professionell untersuchen, d. h. historische Lautlehre und Grammatik betreiben. Im Vordergrund stand also die Entwicklung sogenannter moderner Sprachen, die natürlich erst einmal mit der Erforschung ihrer frühen Phasen begann, in der Germanistik mit dem Alt- und Mittelhochdeutschen, in der Romanistik mit dem Altfranzösischen und Altprovenzalischen, die wiederum erst durch die Wiederentdeckung der mittelalterlichen Literatur möglich war und auf dieser fußte. Philologie, Literatur- und Sprachwissenschaft waren bei den frühen Forschern noch untrennbar miteinander verbunden. Mit der Entwicklung der Wissenschaft breitete sich auch die Beschäftigung mit und die Erlernung von neueren Sprachen an den Gymnasien aus. Wie heute bildeten die Romanischen Seminare damals in der Mehrzahl angehende Gymnasiallehrer und -lehrerinnen aus. Statt täglich drei bis vier Schulstunden Latein und Griechisch gab es nun auch Unterricht im Deutschen, Französischen und Englischen. Romanistik an den Universitäten bestand damals praktisch nur aus dem Französischen, alle anderen romanischen Sprachen spielten noch eine ganz untergeordnete Rolle; sie wurden unregelmäßig in literaturwissenschaftlichen Vorlesungen behandelt.
Wenn ich nun auf die Geschichte unseres Romanischen Seminars eingehe, so möchte ich folgende, sehr ungleichgewichtige Abschnitte unterscheiden:
1. Die Anfangsphase (1876 bis 1918)
Bis 1902 bildeten das Romanische und das Englische Seminar eine Einheit, erst 1884 wurde ein eigener Lehrstuhl für Englische Philologie geschaffen. Auch in Bonn gab es ab 1878 zunächst ein Romanisch-Englisches Seminar. Die beiden ersten Münsteraner Vertreter waren Hermann Suchier und Rudolf Körting, die als Verfasser von Handbüchern noch heute wichtige Namen der historischen romanischen Philologie sind. Auf Suchier folgte bereits zum WS 1876/77 Hermann Körting, der eine immerhin zwölfjährige Phase der Kontinuität in Münster ermöglichte. Mit Körting, dem Verfasser eines Lateinisch-romanischen Wörterbuchs in Konkurrenz zum Romanischen Etymologischen Wörterbuch von Diez, bekam Münster einen Vertreter der führenden junggrammatischen Schule der historischen Sprachwissenschaft, wie sie damals zunächst in Jena, dann in Wien durch Wilhelm Meyer-Lübke betrieben wurde. Körting vertrat gleichzeitig aber auch die englische Philologie, was sich erst 1892 änderte. Ab 1884 gab es ein erstes französisches Lektorat.
Über die damalige Zeit haben wir nur wenig Kunde. Nach Körtings Weggang nach Kiel wurde mit Hugo Andresen 1892 zum ersten Mal ein ordentlicher Professor nur für Romanische Philologie ernannt. 1905 erfolgte die endgültige Trennung der romanischen und englischen Abteilung des bisherigen Seminars in ein Romanisches und ein Englisches Seminar.
Verglichen mit später, gab es immer nur einen Professor als Fachvertreter, kaum Lektoren, keine Assistenten, keinen akademischen Mittelbau. Freilich war auch die Zahl der Studierenden gering, entsprechend dem geringen Bedarf an Gymnasiallehrern. Wenn man bedenkt, dass noch in meiner Gymnasialzeit in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts nur 5% eines Jahrgangs in Deutschland ein Gymnasium besuchten, gegenüber 42,5% in Nordrhein-Westfalen heute, ist der geringe Bedarf verständlich.
2. 1918 bis 1949
Eugen Lerch
Unter den Vertretern der Romanistik in Münster in der Weimarer Zeit sticht Eugen Lerch hervor, der 1930 berufen wurde. Lerch vertrat als Schüler Karl Vosslers die idealistische Sprachwissenschaft, eine Richtung, die gegenüber der eigentlichen, damals immer noch historischen Sprachwissenschaft, die Ausdruckskraft einer jeden Sprache typlogisch zu fassen suchte und diese Ausdruckskraft in den besten literarischen Werken der Sprache verwirklicht sah. Zu Lerchs wichtigen Werken gehören seine preisgekrönte Schrift Die Verwendung des romanischen Futurums als Ausdruck eines sittlichen Sollens und seine berühmte Historische französische Syntax, die er in München begonnen hatte und nach seiner Berufung nach Münster eben hier 1934 mit dem dritten Bande vollendete. Der psychologisierende Idealismus dieser Schule zeigte sich auch in Lerchs Werk Französische Sprache und Wesensart (Frankfurt 1933), in dem er solche Erscheinungen der französischen Grammatik heraushob, die seiner Meinung nach französisches Wesen besonders spiegelten, wie z.B. “Höflichkeit”, “sinnliche Anschauungskraft” und “Impulsivität”, ein Vorgehen, das uns heute kaum mehr wissenschaftlich erscheint. Lerch hat in seiner Münsteraner Zeit aber auch zahlreiche weit verbreitete Lehrbücher des Französischen verfasst bzw. ältere Lehrbücher überarbeitet. Immer blieb aber die Syntax im Zentrum seiner wissenschaftlichen Tätigkeit, wie auch der Titel Hauptprobleme der französischen Syntax, 2 Bde., 1930-31, zeigt. Allerdings mutete er, nach Ausweis der Vorlesungsverzeichnisse, die Syntax seinen Studierenden nur im Oberseminar zu, in den Vorlesungen las er vorzugsweise über literarische Themen wie “Der realistische und naturalistische Roman in Frankreich”. Kaum hatte aber das Romanische Seminar 1934 mit Ottone Degregorio den ersten italienischen Lektor zu den zwei vorhandenen französischen hinzugewonnen, da traf die nationalsozialistische Hochschulpolitik das Seminar empfindlich. Eugen Lerch, der als Jude nach dem WS 1934/35 zwangsweise pensioniert worden war, erhielt nach dem Krieg 1946 seinen Münsteraner Lehrstuhl zurück, folgte aber bereits zum WS 1946/47 einem Ruf an die Universität Mainz, an der er bis zu seinem frühen Tod 1952 blieb.
3. 1949 bis 1968
Heinrich Lausberg
Nach Lerchs erzwungenem Ausscheiden unter dem NS-Staat und seinem folgenden Weggang nach Mainz gab es zunächst viele Lehrstuhlvertretungen, dann die Besetzung mit Theodor Heinermann, neben dem Karl Knauer als außerplanmäßiger Professor wirkte. Nach Heinermanns Tod im Jahre 1946 wurde der Lehrstuhl erst 1949 wieder neu besetzt. In der Zwischenzeit hielt der Literaturwissenschaftler Knauer (Französisch, Italienisch) den Lehrbetrieb aufrecht.
Die dritte Ära des Romanischen Seminars war die Zeit des großen Romanisten Heinrich Lausberg (1912-1992). Er wurde 1949 von der Universität Bonn nach Münster berufen. Lausberg setzte zwei große Traditionen der deutschen Romanistik fort, die bei ihm als Schüler von Ernst Robert Curtius und Gerhard Rohlfs zusammenflossen. Gleichzeitig war er als einer der ersten in Deutschland offen für ganz neue Strömungen. Von Curtius stammte die tiefe Verbundenheit mit der römischen Antike und dem christlichen Mittelalter, von Rohlfs die über die historische, sogenannte junggrammatische Sprachwissenschaft hinausgehende Tradition der Sprachgeographie, also der Methode der Visualisierung komplexer sprachlicher Verhältnisse in Sprachatlanten. Dort werden – was vor 100 Jahren immer noch neu war – unliterarische gesprochene Äußerungen an einem Netz von Orten erfasst, das über einen bestimmten geographischen Raum gelegt wird. Im Falle von Rohlfs und Lausberg war dies der Sprach- und Sachatlas Italiens und der Südschweiz (AIS). Gegenüber dem ausschließlich schriftsprachlichen Material, auf das sich die junggrammatische Sprachwissenschaft berufen hatte, gab es hier nun empirisch erhobene Zeugnisse gesprochener Sprache in ihrer Variabilität von Dorf zu Dorf und Region zu Region. Lausberg hatte in Rohlfs’ Gefolge in den 1930er Jahren große Teile Kalabriens und Lukaniens an der italienischen Stiefelsohle erwandert und war 1939 mit der Arbeit Die Mundarten Südlukaniens promoviert und gleich nach dem Krieg von Rohlfs mit der gleichen hervorragenden Dissertation habilitiert worden. Unter italienischen Dialektologen ist die “area Lausberg”, die sich zwischen Südlukanien und Kalabrien erstreckt und historische Verbindungen von Süditalien nach Sardinien erahnen lässt, noch heute bekannt und anerkannt.
Aus diesen Wurzeln erwuchs in den fünfziger Jahren einerseits die noch heute unübertroffene dreibändige Romanische Sprachwissenschaft, die auch ins Italienische, Spanische und Portugiesische übersetzt wurde, andererseits die für deutsche Verhältnisse ungeheure Souveränität, sich über die herrschende historisch-vergleichende Sprachwissenschaft hinwegzusetzen und sich der modernen Linguistik zu öffnen. Lausberg war der erste, der noch von Bonn aus und dann in seiner frühen Münsteraner Zeit den Prager Strukturalismus und damit die Phonologie rezipierte. Die Phonologie der Prager Schule bedeutete eine Neubetrachtung des Funktionierens von Sprache auf der Grundlage von Ferdinand de Saussure. Diese Lehre wurde fruchtbar in Lausbergs Schülern Harald Weinrich und Christoph Schwarze.
Harald Weinrich, der glänzende Stilist und Autor berühmt gewordener Werke wie Tempus, besprochene und erzählte Welt (1964) und der Textgrammatik der französischen Sprache (1982) war in den fünfziger Jahren Assistent von Heinrich Lausberg in Münster, promovierte 1956 bei ihm und habilitierte sich mit einem Grundlagenwerk zur historischen Phonologie: Phonologische Studien zur romanischen Sprachgeschichte, Münster 1958. Nach Lehrstühlen in Kiel, Köln, Bielefeld und München wurde er nach seiner Emeritierung 1992 Professor am Collège de France in Paris. Christoph Schwarze, der von Münster nach Kiel und dann nach Konstanz berufen wurde und die italienische Linguistik in Deutschland maßgeblich geprägt hat, wurde am Romanischen Seminar in Münster durch eine profunde sprachhistorische Ausbildung, aber auch durch eine große Offenheit für Fragen der modernen Sprachanalyse geprägt, wie sich später in seinen Arbeiten zur italienischen Syntax zeigen sollte.
Ein, wenn man so will, „schulpraktischer“ Zug an Lausberg war, dass er das Interesse der Studierenden so einschätzte, dass die zukünftigen Lehrerinnen und Lehrer mehr an der Literatur als an der Sprachwissenschaft interessiert seien. Diese „Schulwichtigkeit“ gab er vor, als er schon 1949 Elemente der literarischen Rhetorik und dann 1960 das Handbuch der literarischen Rhetorik herausgab und in Vorlesungen und Hauptseminaren ausgiebig benutzte. Es war eine Art strukturelle Literaturwissenschaft oder eine besondere Textlinguistik an für die Schule relevanten französischen Texten. Als ich 1961 mein Studium in Münster begann, beherrschte sie alles. In Wirklichkeit war die Methode jedoch alles andere als „schulpraktisch“, dies war Lausbergs Vorwand für sein wissenschaftliches Vorhaben, eine Verbindung von Antike und moderner Literatur herzustellen. Die Methode war eher wissenschaftlich, führte aber zur Analyse vieler Werke der französischen Literatur.
Zu erwähnen ist auch das seit 1951 langjährige Wirken von Hans-Wilhelm Klein (1911-1992) am Romanischen Seminar in Münster. Zunächst als Studienrat im Hochschuldienst tätig, wurde er 1961 zum Honorarprofessor ernannt. Als Spezialist für die französische Sprachgeschichte, besonders für das Altfranzösische, war er aber auch ein glänzender Kenner und Analytiker der neufranzösischen Grammatik und Syntax, der die studierenden Lehramtsanwärter/innen bestens auf ihren späteren Beruf vorbereitete. Seine Vorlesungen, stets im Audimax, waren ebenso voll wie die Lausbergs. Zu jener Zeit waren die Vorlesungen noch die Kernlehrveranstaltungen, um die sich alles drehte. Zu den Vorlesungszeiten durften keine andere Seminare oder Übungen stattfinden. Die Studierenden, die in der Mehrzahl von der Seminaröffnung morgens um 9 Uhr bis zur Schließung um 20 Uhr ihren Arbeitsplatz in der Seminarbibliothek belegten, strömten zweimal die Woche um 10 Uhr erst zu Lausberg, dann um 11 Ihr zu Klein in die Vorlesung. Im Jahre 1963 wurde H.-W. Klein nach Gießen berufen. Klein war Verfasser von Standardwerken wie Phonetik und Phonologie des heutigen Französisch (1963, 6. Aufl. 1982) und der Grammatik des heutigen Französisch (1983, zusammen mit Hartmut Kleineidam).
Das Romanische Seminar 1961-1963
Als ich 1961 mein Studium im Münster begann, war das Seminar recht gut ausgestattet. Neben Lausberg und H.-W. Klein war aus der Vorkriegszeit noch der alte Professor Knauer da. Die Romanistik war sonst in Gestalt mehrerer Lektoren und Lehrbeauftragter präsent: Neben dem auch als Regisseur, Rezitator und Chansonsänger tätigen französischen Lektor Pierre Bourgeois (1958-1971) wurde die italienische Sprache und Literatur durch Lea Ritter-Santini vertreten, die nach ihrer Habilitation 1968 im Jahre 1970 auf den neu geschaffenen Lehrstuhl für Komparistik (im Fachbereich Germanistik) berufen wurde. Neben ihr bot auch Michele Petrone, als Lektor zwischen 1950 und 1962 tätig, Übungen zur älteren italienischen Literatur an. Als Lektor für Spanisch wirkte von 1949 bis 1968 Franz Damhorst, ein Schüler von Friedrich Schürr. Portugiesische Sprachkurse wurden zeitweilig durch portugiesische Lehrbeauftragte angeboten. Die Zahl der französischen Lektoren wurde in den sechziger Jahren noch durch zwei Lektorinnen erweitert, Jacqueline Jung, die von 1964 bis 1995 am Romanischen Seminar tätig war, und Francine Baude, die dort von 1970 bis 1995 lehrte. Nur Katalanisch und Rumänisch fehlten noch.
Der Vorteil des täglichen Arbeitens in der Seminarbibliothek war, dass man da in der Gruppe war und in einer Pause auf dem Flur immer jemanden etwas fragen konnte. Viele (wie auch ich) sparten sich durch den Aufenthalt im Seminargebäude tagsüber die Heizung der Studentenbude mit dem damals noch üblichen Kohle- oder Ölofen. In den geisteswissenschaftlichen Fächern gab es deutlich mehr männliche Studenten als Studentinnen, ganz wie in den Naturwissenschaften, im Jurastudium und in der Medizin. Erst bei späteren Auslandsaufenthalten merkten wir, dass das im romanischen Ausland ganz anders war. Dabei nahmen wir aber auch die Vorzüge der deutschen Universität wahr: Anders als überall sonst gab es hier Vorlesungsverzeichnisse, man konnte zwischen verschiedenen Lehrveranstaltungen wählen und wurde nicht einfach verteilt wie im romanischen Ausland. Auch die Professoren konnten ihre Veranstaltungen inhaltlich frei und zeitlich ziemlich frei wählen. Französische Kolleginnen und Kollegen bekamen ihre Themen oft nach dem jeweiligen zentralen Studienplan zugeteilt.
Es gab große und kleine Vorlesungen. Die großen wurden von den Professoren gehalten und waren so organisiert, dass zur gleichen Zeit keine anderen Lehrveranstaltungen des gleichen Faches stattfinden durften. Die kleineren Vorlesungen wurden von den Nichtordinarien oder auch von Lektorinnen oder Lektoren gehalten. Sie hatten einen ebenso großen Nutzen für die Studierenden wie die großen, waren aber atmosphärisch anders. Lausbergs Vorlesungen z. B., immer im Audimax und brechend voll, wurden zelebriert, die Assistenten nahmen jedes Wort auf Band auf. Die kleineren Vorlesungen, besonders die literaturhistorischen der Lektorinnen und Lektoren, waren intimer.
Mit der Berufung des zweiten Ordinarius, Walter Mettmann (1926-2011), im Jahre 1964 änderte sich auch das Lehrangebot. Es wurde erweitert um Themen wie südamerikanische oder mittelalterliche spanische und galicische Literatur sowie historische Laut- und Formenlehre des Rumänischen. Das Seminar war damals noch im untersten Geschoss des Fürstenberghauses untergebracht, mit einem eigenen Bibliotheksraum für die italienische und die spanische und portugiesische Philologie. Lausberg gelang es seinerzeit, das Programm zu erweitern und für einige Zeit Gastprofessuren einzurichten. So kam ich – es war wohl im WS 1961/1962 – in den Genuss einer beeindruckenden Vorlesung bei Hans-Robert Jauß – von dessen NS-Vergangenheit damals noch nichts bekannt war. Er las über die Geschichte des französischen Romans, von Chrétien de Troyes bis Marcel Proust, und machte uns den roten Faden deutlich, den Hang zur psychologischen Analyse bei allen behandelten französischen Romanautoren und -autorinnen.
Der Umgang der Studierenden untereinander war geprägt von der deutschen Realität der Nachkriegszeit, Hierarchien achtend und potentiell distanziert. Man siezte sich, nur wenige Vertraute wurden als Freunde anerkannt und geduzt. Ein kollektives Duzen gab es nicht. Wie erstaunt waren wir bei Sommerkursen in Spanien, Italien, Frankreich darüber, dass man sich unter Studenten duzte!
Eine Begebenheit aus dem Sommersemester 1961 will ich anekdotisch noch berichten, weil sie ein Schlaglicht auf die damaligen Zustände wirft. Ich war schon im 1. Semester im Fachschaftsrat Romanistik. Damals gab es schon als wunderbare Einrichtung die Filmstelle des Romanischen Seminars, die – immer im F1 des Fürstenberghauses – jede Woche einen französischen Film in Originalsprache präsentierte. Diese Filmstelle, nach meiner Erinnerung noch bis in die 2010er Jahre aktiv, wollte 1961 eine frische Verfilmung der „Liaisons Dangereuses“ von Choderlos de Laclos bringen. In der Fachschaft hörte ich dann davon, dass der Bischof von Münster, Heinrich Tenhumberg, die Vorführung wegen Unsittlichkeit untersagt habe. Solche Macht hatte der Bischof damals offensichtlich noch. Lausberg, der Erzkatholik, sei daraufhin beim Bischof vorstellig geworden und habe ihm dargelegt, dass es sich um ein literarisches Kunstwerk handele, in dem überdies die Sündhaftigkeit des Handelns der Protagonisten durchaus deutlich werde. Daraufhin zog der Bischof das Verbot zurück, und der Film wurde gezeigt. Legendär waren damals auch die Theateraufführungen des Romanischen Seminars auf der Studiobühne, 1961 erinnere ich mich an Marivaux, „Le Jeu de l’Amour et du Hasard“. Diese Tradition wurde in den 80er Jahren unter der Leitung von Hans-Georg Coenen über viele Jahre erfolgreich fortgesetzt.
Die Professorenschaft war stets unter Lausberg nochmals erweitert worden, nach Walter Mettmann für die spanische Literaturwissenschaft kam 1966 Wolfgang Rothe für die französische Linguistik hinzu, der aber bereits 1972 krankheitshalber wieder ausschied.
4. 1968 bis 1998
Die Ereignisse des Jahres 1968 habe ich als Epochenumschwung in Tübingen erlebt und empfunden. Ich habe wenig gute Erinnerungen daran. Auch als Assistenten fühlten wir uns von den marxistisch dominierten Assistentenräten mit ihren ewigen Sitzungen und Diskussionen gegängelt. Andererseits sehe ich als Folge der Studentenrevolution auch den Beginn der Europäisierung der deutschen Universität. Der Unterschied zwischen der Herrlichkeit deutscher Ordinarien mit eigenen Dienstzimmern, Assistenten und vielen Privilegien begann sich dem eines normalen französischen oder spanischen Professors anzunähern. Unter den Studierenden begann sich in den geisteswissenschaftlichen Fächern das Verhältnis von Männern und Frauen umzukehren, wie wir es aus dem romanischen Ausland kannten. Das Duzen unter Studierenden wurde normal. Bald begann die Zeit der Auslandsaufenthalte, die auch schon vor dem 1987 eingeführten Erasmus-Programm durchaus üblich waren. Im Unterschied zum Ausland hatten Seminare wie das Romanische noch verhältnismäßig viel Geld, und auch die Professoren hatten mehr eigene Dienstzimmer als z.B. in Frankreich, Italien, Spanien (was auch heute noch so ist).
Am Münsteraner Romanischen Seminar wurde der Epochenumbruch am Verhalten von Heinrich Lausberg deutlich: Er ertrug den Autoritätsverlust durch die 68er-Vertreter, Studierende wie Mitarbeiter, nicht und meldete sich als Gründungsrektor an die Gesamthochschule Paderborn. Wann immer er in Münster in seiner Zusatzeigenschaft als Honorarprofessor noch Magisterarbeiten oder Promotionen betreute, übertrieb er noch die Respektlosigkeit der Achtundsechziger: Es gab bei ihm praktisch nur noch die Note „sehr gut“, und die Gutachten waren kaum mehr als eine halbe Seite lang.
Die Ausweitung von Stellen gerade in Nordrhein-Westfalen war eindrucksvoll: Für das Romanische Seminar in Münster wurden 6 C4-Stellen geschaffen, zwei für die romanische Sprachwissenschaft, zwei für die französische Literaturwissenschaft, eine für die spanische und eine für die italienische Literaturwissenschaft. Das hatte auch seinen Sinn, weil in NRW nun statt Französisch als zweite Fremdsprache an Gymnasien auch Spanisch oder Italienisch möglich war. Obwohl kein Schulfach, wurde auch dem Portugiesischen in Münster ein Lektorat gewährt. Für das Rumänische blieb später nur ein Lehrauftrag. Ich selbst bin dankbar, dass ich durch die Entwicklung und Stellenvermehrung schnell und früh zu einer Professur hier in Münster kam.
Als ich zum WS 1973/74 wieder nach Münster kam, war die Situation ziemlich schwierig. Einerseits gab es eine ganze Reihe von verbliebenen Schülern Lausbergs, die nun den neugebildeten Mittelbau bildeten und mit ihrer Situation haderten, weil sie nicht selbst Professoren geworden waren. Viele von ihnen kannte ich ja von meinem Studienanfang her, Peter Ronge, Hans-Georg Coenen, Gerd Lamsfuß. Sie trugen die Hauptlast der Lehre, dazu auch Heinrich Störing, ein Schüler Mettmanns, der sich aber auf die historische Sprachwissenschaft fokussierte. In den folgenden Jahren entschärfte sich die Situation dadurch, dass Brigitta Coenen-Mennemeier 1970 Studienprofessorin geworden war und Wolfgang Babilas 1973 auf eine der 6 neu geschaffenen C4-Stellen berufen wurde. Bei der Eingliederung der Pädagogischen Hochschule in die Universität 1980 eröffnete sich für Akademische Räte die Möglichkeit, sich innerhalb ihrer Stelle zu habilitieren und dann auf neu geschaffene C2-Professuren berufen zu werden. Auf diese Weise wurden Karlheinrich Biermann und Christoph Miething gefördert, Peter Ronge und Hans-Georg Coenen schließlich zu Studienprofessoren ernannt. Allerdings sollten ihre Stellen nicht nachbesetzt werden.
Zusammen mit Walter Mettmann bestimmten nun Wolfgang Babilas, Manfred Lentzen, Jürgen Grimm, Horst Geckeler und ich die Geschicke des Romanischen Seminars bis in die 90er Jahre und darüber hinaus. Wolfgang Babilas (1929-2016) vertrat hauptsächlich die neuere französische Literaturwissenschaft. Manfred Lentzen (geb. 1940), Schüler von Fritz Schalk (Köln), die italienische, französische, aber auch die spanische Literaturwissenschaft. Jürgen Grimm (1934-2009), Schüler von Hugo Friedrich und Erich Köhler (Freiburg), forschte und lehrte hauptsächlich im Bereich der französischen Literaturwissenschaft des 16. und 17. Jahrhunderts. Horst Geckeler (1935-2002) und ich (geb. 1940), beide Schüler von Eugenio Coseriu (Tübingen), vertraten in der Lehre die romanische Sprachwissenschaft in allen drei Schulfächern, Französisch, Spanisch und Italienisch.
Das Lehrpersonal der Linguistischen Abteilung wurde ergänzt durch die Akademischen Räte, später Oberräte, Heinrich Störing und Georg Kremnitz (in Münster 1975-1986), der nach seiner Habilitation Professor in Wien wurde. Kremnitz eröffnete neue Perspektiven durch die Beschäftigung mit dem Occitanischen. Nachfolger von Kremnitz wurde 1988 Wolf-Dieter Heim, der 2004 überraschend verstarb. Seine Nachfolgerin wurde ab WS 2004/05 Eske Prasuhn als wiss. Mitarbeiterin für französische, spanische und italienische Sprachwissenschaft.
Die dem Lehrstuhl Mettmann zugeordnete Assistentenstelle war in eine Akad. Ratsstelle mit Schwerpunkt spanische Literaturwissenschaft umgewandelt worden, die mit Brigitte Wittmann (bis 1991) besetzt war.
In der Professorenschaft bedauerten wir damals häufig die 1970 erfolgte Umgestaltung der Universität, die gerade in den Geisteswissenschaften zu einer massiven Schwächung der alten Philosophischen Fakultät und zur Bildung zahlreicher, als künstlich empfundener Fach-bereiche führte. Immerhin traf man die Kolleginnen und Kollegen der anderen Fächer bei den Fakultätsratssitzungen und bei den beliebten gemeinsamen Fakultätsessen einmal im Semester.
Das Romanische Seminar, das ich noch im Untergeschoss des Fürstenberghauses kennen-gelernt hatte, das aber dort bald nicht mehr ausreichend Platz fand, zog 1975 in das ehemalige LVA-Gebäude am Bispinghof. Das erlaubte es uns, die angemieteten Standorte für die Spanische Abteilung im heutigen Haus Hochherz und der Italienischen Abteilung in der Bogenstraße aufzugeben. Wir waren nun mit dem Slavischen Seminar unter einem Dach und bildeten bald auch einen eigenen kleinen Fachbereich Romanistik-Slavistik. Begrüßt haben wir die schon 1970 erfolgte Aufteilung des Romanischen Seminars in partiell selbständige Abteilungen, denn mit der Ausweitung der Schulfächer hatten sich doch unterschiedliche Schwerpunkte und Interessen herausgebildet.
Die Ergänzung des Personals für Lehre und Forschung geschah 1975 – im Sinne einer Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses – sichtlich auch durch die Besetzung der Assistentenstellen an den genannten Lehrstühlen. So wurde am Lehrstuhl Grimm Margarete Zimmermann eingestellt (Ass. 1975-1980, habilitiert 1985, 1988 als Professorin an die FU Berlin berufen). Als Nachfolgerin von Margarete Zimmermann besetzte am Lehrstuhl Grimm die Assistentenstelle von 1988-1999 Andrea Grewe (habilitiert 1996, seit 1999 Professorin in Osnabrück). Assistent am Lehrstuhl Babilas wurde Wolfgang Asholt (wiss. Ass. 1975-1980, habilitiert 1982, 1984 als Professor an die Universität Osnabrück berufen).
Am Lehrstuhl Geckeler wurde Harald Thun Assistent (1975-1985, habilitiert 1985, ab 1985 Professor in Mainz, ab 1993 in Kiel, † 2025); als sein Nachfolger war Ulrich Hoinkes von 1992 bis 2001 Assistent (habilitiert 1999, seit 2001 Professor in Kiel). Die Assistentenstelle am Lehrstuhl Dietrich hatte von 1975 bis 1986 Bruno Staib inne (habilitiert 1986, 1987-1992 Professor in Münster, 1992-1998 Professor für romanische Sprachwissenschaft in Duisburg, ab 1998 in Mainz). Nachfolger von Bruno Staib als Assistent war seit 1993 Eric Sonntag, der sich 2000 habilitierte und nach der Emeritierung Dietrichs im Jahre 2006 dessen Lehrstuhl zeitweilig vertrat (bis 2009). Außerdem war Haralambos Symeonidis von 1994 an wiss. Mitarbeiter am Lehrstuhl Dietrich, dann Mitarbeiter am DFG-Projekt ALGR von 1999 bis 2006. Seit 2007 ist er Professor für Hispanistische Linguistik an der University of Kentucky in Lexington, USA.
Am Lehrstuhl Lentzen war von 1975 bis 1985 Joachim Leeker als Assistent tätig (habilitiert 1983, seit 1991 apl. Professor in Münster, 1994-2006 Professor an der TU Chemnitz, seit 2006 an der TU Dresden). Seine Nachfolgerin war von 1997 bis 2004 Barbara Kuhn (habilitiert 2001, ab 2004 Professorin in Konstanz, seit 2009 in Eichstätt). Von 2004 bis 2007 hatte die Assistentenstelle Dörthe Wilken inne.
Am Romanischen Seminar habilitiert wurde auch Karin Becker (1999), die nach Lehrtätigkeiten in Berlin, Luxemburg, Stuttgart und Freiburg seit 2006 als Privatdozentin am Romanischen Seminar in Münster tätig ist. Susanne Hartwig, die seit 2006 Professorin für Romanische Literaturen und Kulturen in Passau ist, hat in den 1990er Jahren in Münster studiert, dort 1998 bei Jürgen Grimm promoviert und war dort 1998 bis 2000 wissenschaftliche Angestellte.
Ein Teil der in den Jahren 1974-1976 eingestellten fremdsprachlichen Lektorinnen und Lektoren konnte aufgrund einer neuen Rechtslage unbefristet angestellt werden und so auch das Romanische Seminar dauerhaft prägen. Es sind dies Chantal Delforge-Walther (seit 2013 im Ruhestand), Alain Deligne und Christian Lacourière (seit 2012 im Ruhestand, † 2023) für französische Sprache, Giovanni di Stefano für italienische Sprache (bis 2021), Elisabeth Gonçalves von Strasser (bis 2020) für portugiesische Sprache sowie Olga Mori (bis 2004) für spanische Sprache. Alain Deligne hat sich 2004 an der Universität Lille habilitiert, er ist seit 2011 apl. Professor. Giovanni di Stefano und Olga Mori sind auch stets durch eigene wissenschaftliche Arbeiten hervorgetreten. Auf der Stelle eines Studienrats i.H. arbeitete als Lektor José M. Bella-Ventosa (spanische und katalanische Sprache, 1963 bis 1993, † 2010), danach bis 2020 Juan Zamora (spanische Sprache, † 2021).
Bei der Erweiterung der Lehr- und Forschungskapazitäten des Romanischen Seminars seit 1973/1974 wurde ein Ungleichgewicht zwischen Literatur- und Sprachwissenschaft in der Ausbildung der Studierenden deutlich, besonders in der Ausbildung für die Lehrämter. Während das Studium der Literaturwissenschaft gleichsam selbstverständliches Kerngebiet für alle Studierenden war, spielte die Sprachwissenschaft keine Rolle. Sie konnte bei Interesse als zweiter Schwerpunkt gewählt werden. Dieser – angesichts der gewachsenen Bedeutung der Linguistik in Zeiten des Strukturalismus und der generativen Grammatik – unhaltbare Zustand wurde 1975 administrativ beseitigt. Sprachwissenschaftliche Lehrveranstaltungen waren nun im Grund- wie im Hauptstudium ebenso verpflichtend wie im mündlichen Staatsexamen.
Trotz der in der Folge noch ständig steigenden Studentenzahlen bedeutete die Zeit bis etwa 1998 eine Phase der Konsolidierung. Dazu trug nicht nur die zunächst befriedigende Personal- und Sachmittelausstattung des Seminars bei, sondern vor allem der erfreuliche Zusammenhalt der Lehrenden. In diesem Bewusstsein haben sich die Verantwortlichen des Romanischen Seminars auch erfolgreich gegen eine im Trend liegende Namensänderung, etwa in „Institut für Romanische Philologie“ oder „Institut für Romanistik“, gewehrt. Es blieb beim traditionellen „Romanischen Seminar“, in Übereinstimmung mit dem Englischen Seminar und dem Slavisch-Baltischen Seminar (das erst seit wenigen Jahren „Institut für Slavistik“ heißt).
Angesichts der Ausweitung und Diversifizierung der Forschungskapazitäten auf der Ebene der Professoren und der wissenschaftlichen Mitarbeiter ist es nicht möglich, die Forschungsschwerpunkte in der Münsteraner Romanistik ähnlich konzentriert wie in den dreißiger bis sechziger Jahren zu skizzieren. So lässt sich nur sagen, dass sie ähnlich wie die Themen der Lehrveranstaltungen breitgefächert waren und nahezu alle Bereiche der Romanistik und auch der romanischen Sprachen umfassten.
Ich will noch kurz auf das Atmosphärische dieser Jahre im letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts eingehen. Mit Bezug auf die Studierenden hatte sich in der Zeit zwischen 1968 und 1973 viel geändert. Obwohl wir alle noch keinen Computer und kein Handy kannten, sondern für alle Belange auf Fotokopien angewiesen waren, die sich in den Instituten mit den ersten Xerokopiergeräten herstellen ließen, wurden die Arbeitsräume in den Seminar-bibliotheken leerer und leerer. Entsprechend konnte man das Geld einsparen, das die Bibliotheksaufsichten von morgens bis abends und am Samstag gekostet hatten.
In der Professorenschaft blieb die Präsenz erhalten, man traf sich ständig auf den Fluren und im Treppenhaus des Seminars und beim Essen in der Cafeteria. Viele waren täglich viele Stunden anwesend und machten ihre Arbeit zum großen Teil im Seminar, wenngleich sie natürlich nicht ständig gestört werden wollten. Es war noch nicht üblich, nicht in Münster zu wohnen. Auch diejenigen, die in Havixbeck oder Altenberge lebten, waren an drei bis vier Tagen in der Woche für wenigstens einen halben Tag anwesend. Man traf sich auch bei Veranstaltungen freitagabends oder samstags auf dem Wochenmarkt.
Im Gegensatz zu heute verfügte das Romanische Seminar über verhältnismäßig viel Geld. Es war auf die Abteilungen aufgeteilt, die französische hatte am meisten, die italienische und linguistische am wenigsten. Aber wir konnten Bücher kaufen und kauften so ziemlich alles, was in unserem Fach neu herauskam, hielten möglichst alle Fachzeitschriften des In- und Auslands, es gab täglich die neuesten Zeitungsausgaben, Le Monde, den Corriere della Sera, später La Repubblica, in der spanischen Abteilung La Vanguardia, später El País.
Eine durchaus neue Zeit brach an, als um 1988 die ersten Computer auftauchten. Die Jüngeren, also vor allem einige Assistenten und Hilfskräfte, brachten uns Älteren bei, wie sie zu bedienen seien. Vor der Einführung von Windows 1995, ich erinnere mich genau, gab es dazu ein von Angehörigen der Ev.-Theologischen Fakultät herausgegebenes fotokopiertes Handbuch. 1995 wurden wir vom Kollegen Babilas in Windows eingewiesen.
In den neunziger Jahren gab es die ersten größeren Veränderungen durch Emeritierungen und Neuberufungen. Im Jahre 1991 wurde Walter Mettmann emeritiert und an seine Stelle Christoph Strosetzki von der Universität Düsseldorf berufen (bis 2017). Die Stelle der ausgeschiedenen Brigitte Wittmann übernahm als Studienrätin i.H. für spanische Literaturwissenschaft und Sprachpraxis Arabella Pauly von der Universität Bonn (bis 2023). Auf eine neugeschaffene Mitarbeiterstelle des Lehrstuhls Strosetzki kam 1997 Michaela Peters (habilitiert 2005, seit 2011 apl. Professorin an der Universität Hamburg). Die Stelle ist seit 2011 mit Carmen Rivero besetzt. Von 2005 bis 2015 erlaubte es der Horstmann-Preis, einen literaturwissenschaftlichen Promovenden aus Spanien ein Jahr in Lehre und Forschung an der Spanischen Abteilung zu haben.
Wolfgang Babilas wurde 1995 emeritiert; auf seinen Lehrstuhl wurde Mechthild Albert von der Universität Frankfurt berufen. Ihre Assistentenstelle war 1995-2002 mit Cerstin Bauer-Funke besetzt, die sich später bei Mechthild Albert an der Universität des Saarlandes habilitierte.
Zu Beginn der 1990er Jahre gab es Veränderungen dadurch, dass an der Universität Münster verschiedene Zentren gegründet wurden. Die in Bezug auf das Romanische Seminar wichtigsten waren das Lateinamerika-Zentrum und das Sprachenzentrum. Letzteres trat insofern in Konkurrenz zum Romanischen Seminar, als es ein vielfältiges Sprachlehrangebot für Hörer aller Fakultäten aufbaute, aber kaum eigenes Personal hatte. Da es vom Rektorat stärker gefördert wurde als die Philologien, gab es von nun an ständig Begehrlichkeiten im Hinblick auf die Lektoratsstellen des Romanischen Seminars, was in den folgenden Jahren teilweise zu Stellenteilungen zwischen dem Romanischen Seminar und dem Sprachenzentrum führte. Auch wurde intensiv darüber diskutiert, inwieweit die Sprachausbildung am Romanischen Seminar wissenschaftlicher sein könnte als die für Hörer aller Fakultäten bestimmte.
In die Zeit der beginnenden 1990er Jahre fiel die Einrichtung einer für die Ausbildung der Lehrämter notwendig gewordenen Stelle einer Studienrätin i.H. für die Fachdidaktik der romanischen Sprachen und Literaturen. Sie war 1992 bis 2013 mit Sylvia Thiele besetzt (seit WS 13/14 Professorin in Mainz).
5. Die Zeit seit 1998
Neue, knappere Zeiten kündigten sich bereits ab etwa 1990 an, nachdem schon kurz zuvor eine wirtschaftliche Kalkulation des Haushalts, nach Art eines Industriemanagements, durch die berüchtigte KapVO eingeführt worden war. Ständig mussten wir seither unsere Existenzberechtigung aufgrund des Verhältnisses von Studentenzahlen und Lehrkapazität neu nachweisen. Es wurden Pläne gemacht, welche Stellen nach dem Ausscheiden des oder der Betroffenen gestrichen oder heruntergestuft werden konnten. Dem Aufschwung der siebziger Jahre war ein uns fremdes kaufmännisches Denken gefolgt.
Universitäten sollten nunmehr Profile bilden. Statt der Einheit der Romanistik und der flächendenkenden Versorgung sollten die Romanischen Seminare in NRW sich konzentrieren, etwa in dem Sinne, dass Bochum sich mit seiner Hispanistik profiliert, dafür aber das Französische herunterfährt, und Münster das Gegenteil tun sollte.
Dann kam 1999 die Bologna-Reform, die die Europäisierung der deutschen Universität weiter vorantrieb. Die Abschaffung des Staatsexamens und die Einführung von Bachelor- und Master-Studiengängen missfiel den meisten von uns damals wegen der Sorge um eine Verschulung der Ausbildung. Viele schluckten, andere, vor allem einige mutige Kolleginnen der Romanistik an anderen Orten, gaben ihre Professuren zurück und stiegen aus dem Universitätsbetrieb aus. Auch die Umstellung der Besoldung der Professoren von C auf W wurde kritisch gesehen. Positiv war die erweiterte Möglichkeit für Auslandsstudien, ein nicht zu unterschätzender Vorteil.
Mit den Emeritierungen und Pensionierungen veränderte sich die Lage ab etwa 1995 spürbar, drastischer dann noch ab 1998. Zunächst fielen die Stellen Coenen, Coenen-Mennemeier und Lamsfuß ersatzlos weg, danach auch die Professuren Biermann (2003) und Miething (2009). Kürzungen betrafen dann – neben den Lektoraten – auch die wieder zu besetzenden bisherigen C4-Professuren. Nach der Emeritierung von Jürgen Grimm wurde dessen Stelle in eine C3-Professur ohne Assistentenstelle verwandelt. Auf diese Professur wurde 2002 Karin Westerwelle von der Heinrich Heine-Universität Düsseldorf berufen.
Die Professur Geckeler wurde nach Geckelers Emeritierung im Jahre 2000 ebenfalls in eine C3-Professur ohne Assistentenstelle umgewandelt. Auf dieser Professur mit dem Schwerpunkt „Französische und italienische Sprachwissenschaft“ wirkt seit 2002 Georgia Veldre-Gerner aus Berlin, eine Schülerin von Johannes Klare und Klaus Hunnius.
Immerhin konnte aus der ehemaligen Studienprofessur Ronge (pensioniert 1999) und der Akad. Ratsstelle Störing (pensioniert 2003) eine neue Professur für „Historische Romanische Sprachwissenschaft, Schwerpunkt Französisch und Spanisch“ eingerichtet werden, die 2002 Volker Noll, ein Schüler von Bodo Müller (Heidelberg) und Gustav Ineichen (Göttingen), von 2002 bis 2025 bekleidete.
Nach meiner Emeritierung Anfang 2006 entstand in der Linguistischen Abteilung eine lange Vakanz, die erst zum WS 2011/12 durch die Berufung von Christina Ossenkop, einer Schülerin von Dieter Woll (Marburg) und Otto Winkelmann (Gießen), beendet werden konnte.
Nach der Wegberufung von Mechthild Albert an die Universität des Saarlandes konnte die Stelle zügig zum WS 2001/2002 mit Ulrich Prill besetzt werden, der über Aachen, Chemnitz und Mainz-Germersheim nach Münster kam. Die Assistentenstelle war von 2002 bis 2009 mit Anna-Sophia Buck, dann für zwei Jahre von 2009 bis 2011 mit Pia Claudia Doering besetzt. Nach Prills frühem Tod im Jahr 2010 wurde zum WS 2011/12 Cerstin Bauer-Funke von der Universität Duisburg-Essen zu seiner Nachfolgerin ernannt, die bereits in den 1990er Jahren in Münster gewirkt hatte.
Nach der Emeritierung von Manfred Lentzen (2006) wurde im Jahre 2007 Tobias Leuker von der Universität Augsburg als Professor für italienische und spanische Literaturwissenschaft berufen. 2019 wurde Christian von Tschilschke, zuvor Professor an der Universität Siegen, zum Nachfolger von Christoph Strosetzki als Professor für Romanische Literaturwissenschaft (mit Schwerpunkt Hispanistik) ernannt.
Seit dem WS 2018/19 gibt es mit Corinna Koch erstmals eine Professur für Romanische Fachdidaktik am Romanischen Seminar. Yseult Roch ist zudem seit Februar 2019 mit einer zweiten Dauerstelle als Studienrätin im Hochschuldienst in der Romanischen Fachdidaktik tätig.
Unsere aktuellen Lektorinnen und Lektoren sind im Bereich Französisch Marianne Vézinaud (seit 2008), Dr. Timothée Pirard (seit 2012), Dr. Virginie Pektaş (seit 2015), im Bereich Spanisch Dr. Javier García Albero (seit 2010), Dr. Liliana Ramos Cruz (seit 2019), David Escribano del Moral (seit 2020), im Bereich Italienisch Dr. Luca Tonin (seit 2025), Livia Novi (seit 2019), Dott.ssa Monica Zefferi (2019-2024), Dott.ssa Francesca Guzzi (seit 2025).
Ich schließe mit der Feststellung, dass die Entwicklung der Studierendenzahlen in den letzten Jahren kein erfreuliches Licht auf die Lage des Seminars im Augenblick dieser 150-Jahr-Feier wirft. Ich weiß nicht, wie die heutigen Studierenden sich am Romanischen Seminar fühlen und wie sie ihr Studium gestalten. In meinen aktiven Zeiten – so erinnere ich mich gern – gab es einen großen Zusammenhalt unter Dozenten, Assistenten, Hilfskräften und Studierenden, der sich in den Weihnachtsfeiern der einzelnen Abteilungen, den Semesterabschlussfeiern des Instituts, in Exkursionen und privaten Einladungen der Seminarteilnehmer/innen am Ende eines Semesters ausdrückte. Als eine gute Fortsetzung dieser Aktivitäten habe ich nach meiner aktiven Zeit die großartigen Veranstaltungen der „Lyrik im Treppenhaus“ empfunden, die von Lehrenden und Studierenden dargeboten wurden und zu einem Gemeinschaftserlebnis wurden. Positiv sehe ich auch die vielen wissenschaftlichen Tagungen, die am Seminar stattfinden.
Beim Blick auf die Geschichte dieses Romanischen Seminars kann ich also doch feststellen, dass es insgesamt, im Laufe seiner Geschichte, mit seinem Beitrag zur deutschen Romanistik und seiner Fruchtbarkeit und Heranbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses zu den bedeutenden Romanischen Seminaren in Deutschland gehört. Ich will zum Schluss nur eine Auswahl aus der langen Liste der zum Teil schon erwähnten Assistentinnen und Assistenten nennen, die später Professuren an anderen Universitäten erhielten: Harald Thun in Mainz, dann in Kiel; Margarete Zimmermann an der FU Berlin, Wolfgang Asholt und Andrea Grewe in Osnabrück; Bruno Staib in Duisburg-Essen, dann in Mainz; Thomas Stehl in Bremen, dann in Potsdam; Ulrich Hoinkes und Elmar Eggert in Kiel; Joachim Leeker in Chemnitz-Zwickau, dann an der TU Dresden, Gesine Müller in Köln; Sebastian Thies in Tübingen. Cerstin Bauer-Funke in Duisburg-Essen, dann wieder in Münster; Barbara Kuhn in Konstanz; Susanne Hartwig in Passau; Silke Jansen in Erlangen; Haralambos Symeonidis an der University of Kentucky in den USA, Karl Philipp Ellerbrock in Würzburg. Seien wir also trotz allem stolz auf dieses Institut, mit seinem wiederkehrenden Auf und Ab im Laufe der vergangenen 150 Jahre! Wir haben allen Grund zu feiern!
Wolf Dietrich (in Zusammenarbeit mit Tobias Leuker)
Juli 2026
