Quellen zur frühen Geschichte der Sing-Akademie zu Berlin

Probenbücher - Briefe - Dokumente

Innerhalb des Dokumentenbestandes, dem sich dieses DFG-Projekt widmet, nehmen die Quellen zur Liedertafel, wie die Bestandsaufnahme ergab, einen dominierenden Raum ein, weshalb sich das Projekt vor allem diesem bislang am wenigsten ausgeleuchteten Teil der Sing-Akademischen Geschichte zuwenden wird. Diese Quellenlage darf als historischer Glücksfall bezeichnet werden. Dem traditionswahrenden Geist der Sing-Akademie verdanken wir den Erhalt lückenloser Protokolle der Liedertafel bis 1945, deren fortschreitende Erschließung ein komplexes Gewebe aus bildungsbürgerlichem Vergemeinschaftungsritual, dichterisch-kompositorischem Wettstreit und wirkungsmächtigem Vorbild des Männergesangswesens offenbart. Doch gerade der letztgenannte Aspekt hat einer Rekonstruktion der elitären Intentionen der Zelterschen Tafel seltsam im Wege gestanden.

Dass sich die Musikwissenschaft bis heute weitgehend darauf beschränkt hat, in der Stiftung der Zelterschen Liedertafel durch ihren Namenspatron im Jahre 1809 den Ausgangspunkt des gesamten Männergesangswesens zu definieren, den Formen dieser musikalischen Institutionsbildung aber kaum nachgespürt hat, mag mit der problematischen Verwandlung zu erklären sein, der das Männerchorwesen im Zuge seiner massenhaften Ausbreitung unterlag. Nicht selten wurden seine im frühen 20. Jahrhundert bedenklich ins vaterländische absinkenden Züge auf die vermeintliche Ursprungsinstitution projiziert, deren Geist sich längst verloren hatte. Seine Rekonstruktion soll in diesem Projekt auf breiter interdisziplinärer Basis unternommen werden.

Die Stiftung der Liedertafel fällt in eine Krisenzeit der preußischen Geschichte. Ein altes System hatte sich unter dem Schlag der Niederlage von 1806 aufgelöst. Die Verwerfungen einer solchen Schwellenphase regten die Suche nach völlig neuen Formen kultivierter Gesellschaft jenseits der untergegangenen Salongeselligkeit und spätaufklärerischer Lesezirkel an. Mit der Liedertafel begegnet man geradezu dem Muster einer solchen Neubildung. Erst das Wissen um die höchst differenzierten Denkformen und den exklusiven Kunstanspruch dieser Institution wird verständlich machen, wie und warum sie im Herzen der Sing-Akademie wachsen konnte.


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