| Kommentar |
Dies klassische Thema steht in Zeiten naturalistischen und nachmetaphysischen Denkens gewiss nicht im Zentrum philosophischer Diskussionen. Zweifellos verbirgt sich aber in ihm ein zentrales menschliches Anliegen, das einer rationalen Reflexion würdig und bedürftig ist: Gibt es nach dem biologischen Tod des organischen Körpers für das Individuum noch ein Weiterleben in einer anderen Daseinsform? Plato lässt in einem Dialog seinen Lehrer Sokrates kurz vor dem Sterben Argumente für eine Existenz nach dem Tode entwickeln, die sogleich von seinen Schülern im Dialog in Frage gestellt werden. Der Aufklärungsphilosoph Moses Mendelssohn versucht rationale, intersubjektiv diskutierbare Argumente für ein individuelles Weiterexistieren nach dem biologischen Tod vorzutragen. Ihm antwortet Immanuel Kant mit einer epochalen Kritik des tradierten Seelenbegriffes und seiner Begründung, man könne ein „Leben“ nach dem Tod theoretisch weder beweisen noch widerlegen, die praktische Vernunft könne/solle es aber postulieren. Die Philosophie des 20. Jahrhunderts folgt dem Mainstream der Gehirnwissenschaften darin, Bewusstsein, Psyche und Geist als Funktionen eines lebenden Organismus aufzufassen und die „Seele“ auf biologische Evolution zurückzuführen. - Die prinzipielle Alternative, ob Seele, Geist, Bewusstsein, Personalität als naturhafte Phänomene erklärt werden können oder für eine über die organische vergängliche Funktion hinausgehende Dimension stehen, bleibt also kontrovers diskutierbar (auch in der Nah-Tod-Forschung) - mit all ihren Konsequenzen für das Menschenbild und die Auffassung vom Leben. Philosophische Argumente für die Infragestellung wie auch für die Plausibilität eines postmortalen Weiterexistierens sollen ohne religiöse Vorannahmen oder materialistische Vorurteile abgewogen werden. |