Französische Gebärdensprache - eine Sprache, die einer Lautsprache in Nichts nachsteht

Matthias Ogiermann, Geographie und Mathe, 1. Semester Bachelor
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Nach meinem Abitur im Jahr 2016 hatte ich von August 2016 bis Juli 2017 die fantastische Gelegenheit, für elf Monate im Rahmen des weltwärts-Programmes des BMZ als Freiwilliger an der Gehörlosenschule Cersom (Centre d´Education et de Rehabilitation des Sourds et des Malentendants) in Bafoussam, Kamerun, zu arbeiten. Das Cersom vereint einen Kindergarten, eine Grundschule, eine Realschule und ein Internat. Momentan besuchen ungefähr hundert Kinder und Jugendliche die Einrichtung, die vom selbst gehörlosen Schulleiter Innocent Djonthé in ausdauernder und selbstinitiativer Arbeit aufgebaut wurde.

Die Freiwilligen -letztes Jahr waren wir zu dritt- haben die Aufgabe, an der weiterführenden Schule („Collège“) eigenständig die Fächer Englisch, Informatik, Sport und Deutsch zu unterrichten. Ich übernahm die Fächer Englisch und Sport. Der Unterricht war zunächst, für mich, aber vermutlich noch mehr für die Schüler*Innen eine mühselige Angelegenheit, denn obwohl wir Freiwilligen einen einwöchigen Crashkurs in Französischer Gebärdensprache besuchen konnten, war das sprachliche Ausdrucksvermögen am Anfang limitiert: Ich vermute, dass meine meistgenutzten Gebärden im Unterricht in den ersten Wochen -wiederhole-, -aber-, -langsam- waren, meist auch in dieser Reihenfolge. Doch allmählich wurde die Kommunikation leichter und ungezwungener und, obwohl ich als grüner Abiturient ohne didaktisches Geschick wohl auch viel herumstümperte, die Arbeit mit den engagierten und rücksichtsvollen jungen Kameruner*Innen begann, großen Spaß zu machen. Zu besonderen Highlights entwickelten sich die Dienstagnachmittage, denn dann kam die von mir gegründete Fußball-AG zusammen und verwandelte für zwei Stunden einen Bolzplatz, nahe des Internates, in ein großes Stadion.

Die Tätigkeit am Cersom war überaus bereichernd: Zunächst hatte ich die Möglichkeit, mit der Französischen Gebärdensprache eine grandiose Sprache zu erlernen, die in ihrem Ausdruck, ihren Variationsmöglichkeiten und ihrer Ästhetik einer Lautsprache in nichts nachsteht und etwas banaler, aber ebenso überzeugend, entspannte Kommunikation auch in der lautesten Diskothek ermöglicht. Zudem war der Kontakt mit der schillernden Welt der Gehörlosen eine tiefgreifende Erfahrung. Auch durfte ich in Kamerun einen völlig anderen Kulturkreis näher entdecken und Bekanntschaften machen, die mir hoffentlich noch lange erhalten bleiben.

Zuletzt sei noch angemerkt, dass man sich bei dieser Form des „Sozialen Engagements“ im globalen Süden immer bewusst sein muss, dass man selbst als Freiwilliger vielleicht mehr profitiert als man helfen und beitragen kann, sei es wegen kultureller Barrieren oder aufgrund fehlender Ausbildung als junger Abiturient. Selbstverständlich sehe ich den Freiwilligendienst also nicht etwa als „altruistische Entwicklungshilfe“ an, sondern als gewinnbringendes Geben und Nehmen und als Möglichkeit zum kulturellen Austausch auf intensivster Ebene.

Nun studiere hier in Münster Mathe und Geographie. Das ProTalent-Stipendium schenkt mir die nötige Zeit, um einerseits meiner Leidenschaft Gebärdensprache Platz einzuräumen, beispielsweise besuche ich momentan einen Blockkurs der Deutschen Gebärdensprache am Sprachenzentrum, und andererseits mich weiter in entwicklungspolitischer Hinsicht einzusetzen. Als ersten Schritt nehme ich derzeit an einem Workshop des Eine-Welt-Netz-NRW zur Organisation eines entwicklungsbezogenen Straßentheaters teil. Weitere Talente