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Münster (upm/ch)

"So viel Aufmerksamkeit gibt es selten“

Dr. Johannes Kamp zu den Auswirkungen einer Studie über den Zusammenbruch der Weidenammer-Population
Eine Weidenammer, beringt für ein Forschungsprojekt münsterscher Landschaftsökologen.© Arend Heim
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Die Weidenammer galt als einer der häufigsten Vögel Nordeuropas und Asiens. 2015 sorgte eine im Fachmagazin „Conservation Biology“ veröffentlichte Studie für Schlagzeilen: Darin dokumentierte Dr. Johannes Kamp vom Institut für Landschaftsökologie der WWU gemeinsam mit weiteren Forschern den Rückgang der Bestände durch die illegale Vogeljagd in China. Kürzlich hat die Weltnaturschutzunion (IUCN) die Weidenammer auf der weltweiten Roten Liste gefährdeter Arten auf den Status „Critically  Endangered“ („vom Aussterben bedroht“) hochgestuft – das kommt bei so weit verbreiteten Arten sehr selten vor. Über diese und weitere Auswirkungen der Studie sprach Johannes Kamp mit Christina Heimken.

Was bedeutet die neue Einstufung für die Weidenammer?

Das ist natürlich zunächst keine gute Nachricht. Für die Menschen, die versuchen, die Weidenammer zu retten, ist sie jedoch eine Arbeitsgrundlage. Denn sobald eine Art als gefährdet eingestuft ist, steigt das Interesse. Es steht beispielsweise mehr Geld für die Forschung und für Schutzmaßnahmen zur Verfügung.

Welche Rolle spielte dabei Ihre Studie?

Wir haben vorhandene Daten zusammengefasst und erstmals quantifiziert, wie häufig die Art war und ist. Eine Besonderheit war, dass die Daten nicht nur aus einer kleinen Region stammten, sondern aus dem gesamten Verbreitungsgebiet, also von den Brutgebieten – von Finnland bis zur russischen Pazifikküste – über China, das auf der Zugroute liegt, bis hin nach Südostasien, wo die Tiere überwintern. Aus diesem großen Raum Daten zusammenzufassen ist schwierig, allein schon wegen der Sprachbarrieren. Ohne die Studie hätte es keine Grundlage für die neue Evaluierung des Gefährdungsstatus gegeben.

Macht Sie das auch ein wenig stolz?

Stolz ist das falsche Wort. Ich würde eher sagen, dass es mich zufrieden macht. Ich finde es gut, dass unsere Forschung diese Auswirkungen im angewandten Bereich hat.

Ein Rückblick: Ihre Studie wurde im Juni 2015 veröffentlicht, flankiert von Pressemeldungen der beteiligten Einrichtungen und einer internationalen Medienberichterstattung. Wie haben Sie die Tage danach erlebt?

Mit unseren wissenschaftlichen Veröffentlichungen erreichen wir nur selten eine solch große mediale Aufmerksamkeit. Sehr viele Medien, von der „Bild“-Zeitung bis zur Fachzeitschrift „Nature“, haben über uns berichtet. Ich hatte in den Tagen nach der Publikation viele Anfragen von Medienvertretern und Bloggern, aber auch von interessierten Laien und Wissenschaftlern. Die internationale Aufmerksamkeit hat mich besonders gefreut – es wurde in etwa 15 Sprachen berichtet. Noch heute bekomme ich immer wieder E-Mails, beispielsweise von Naturschützern, die gerne etwas für die Weidenammer tun möchten – vor allem aus Russland und China.

Hat auch die Politik in China reagiert?

Die Weidenammer darf man bereits seit dem Jahr 2000 in China nicht bejagen. Seit 2017 ist die Art nun in das „National Wildlife Protection Law“ Chinas aufgenommen. Das ist etwas Besonderes, weil sie damit auf nationaler Ebene als einer der wenigen Vögel so geschützt ist, dass Jagd, Verzehr und Besitz Straftaten sind. Das heißt, dass diese Vergehen nun stärker gewichtet werden. Sie können hohe Geldstrafen oder sogar Freiheitsstrafen mit sich bringen.

Nicht nur in China werden Vögel illegal gejagt …

Der internationale Naturschutz-Dachverband „BirdLife International“ hat eine Reihe von Studien durchgeführt, um abzuschätzen, wo und wie viele Vögel illegal gejagt werden. Dabei hat sich bestätigt, dass die bekannten „Mittelmeer-Hotspots“ wie Italien, Frankreich und Malta immer noch bestehen. Aber auch im Kaukasus werden extrem viele Vögel gejagt, ebenso auf der arabischen Halbinsel. Unter den gejagten Vögeln sind auch Zugvögel, bei denen wir in Deutschland Bestandseinbrüche sehen, beispielsweise Turteltaube und Ortolan. Leider gibt es kaum belastbare quantitative Daten dazu, welchen Einfluss die Jagd in diesen Fällen hat.

Wie geht es weiter?

Wir versuchen unter anderem, die Verbreitung und den Aufenthalt der Weidenammer zu dokumentieren und diese Daten mit Fernerkundungsdaten der Erdoberfläche in Beziehung zu setzen. Welchen Einfluss haben etwa die Veränderungen in der Landnutzung und das schnelle Wachstum der Städte in Ostasien? Neben der Weidenammer schauen wir uns andere Arten im selben Verbreitungsgebiet an. Über den Zugweg östlich des Urals, den wie die Weidenammer viele Vogelarten auf ihrem Weg von Russland nach Südostasien nutzen, ist fast nichts bekannt.


Dieser Beitrag stammt aus der Universitätszeitung "wissen|leben" Nr. 1, Januar/Februar 2018.


Zugrouten erforschen

Die münsterschen Landschaftsökologen aus der Arbeitsgruppe „Biodiversität und Ökosystemforschung“ nutzen neben eigenen Geländedaten auch solche, die Naturschützer über Internetplattformen öffentlich machen. Doktorand Wieland Heim stattet Weidenammern in Brutgebieten in Russland mit sogenannten Geolokatoren aus. Diese kleinen, sehr leichten Datenspeicher werden auf dem Rücken der Vögel befestigt. Sie messen Uhrzeit und Lichtintensität, woraus sich die täglichen Aufenthaltsorte berechnen und Zugrouten nachvollziehen lassen.

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