Themenfeld Staat – Nation – Zivilgesellschaft:



Im Mittelpunkt dieses Forschungsbereichs stehen Fragen nach dem gegenseitigen Verhältnis zwischen nationaler politischer Kultur, gesellschaftlichen Konfliktsituationen und Zivilgesellschaft in Vergangenheit und Gegenwart.

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In der napoleonischen Ära und in den Anfangsjahren der Restauration wurden in den Niederlanden und Deutschland die Grundlagen einer zivilgesellschaftlichen Entwicklung gelegt. Die auf Herkunft, Geburt und Ehre beruhende ständische Ordnung wich zunehmend einer durch Leistung und Marktchancen definierten Klassengesellschaft. Personen, die sich nicht mehr zur alten Ständeordnung zugehörig fühlten beziehungsweise von der Auflösung des Zunftwesens betroffen waren, empfanden sich zunehmend als ‚Leistungsträger’. In den Niederlanden und Deutschland entwickelte sich so der neue Sozialtyp des ‚Bürgers’. Diese neue Bürgerlichkeit und ihre Selbstzuschreibungen artikulierten sich vor allem in der rapide zunehmenden Gründung von Vereinen, Clubs und anderen Formen freiwilliger Zusammenschlüsse, die durchaus über eine gesellschaftliche Ausstrahlung verfügten. Dabei vollzog sich der rasche Aufschwung des Vereinswesens in Deutschland und den Niederlanden unter unterschiedlichen Vorzeichen. Ihre Zielsetzungen waren aber vergleichbar: sie vermittelten persönliche und soziale Stabilität.

In den Niederlanden war eine Zurücknahme staatlicher Interventionsfelder für die Zunahme zivilgesellschaftlicher Vereinigungen verantwortlich. Paradigmatisch kam dies in der Gründung der Maatschappij tot Nut van´t Algemeen Ende des 18. Jahrhunderts zum Ausdruck, einer Gesellschaft, die sich jenseits von Kirche, Staat und Markt um das Gemeinwohl kümmerte. Im weiteren Verlauf des 19. Jahrhunderts, insbesondere nach der Verabschiedung des Grundgesetzes von 1848, erfolgte die Expansion des Vereinswesens unter dem Vorzeichen klerikaler Segmentierung und Institutionalisierung. Dieser Prozess mündete schließlich seit den 1870er Jahren in der ‚Versäulung’: die nach religiösen und weltanschaulichen Kriterien integrierte, vertikal segmentierte Gesellschaft.

In Deutschland bildeten sich Vereine, Clubs und auf freiwilliger Mitgliedschaft beruhende Organisationen in der Auseinandersetzung mit dem spätabsolutistisch-bürokratischen Staat, dem das Modell einer selbstgesteuerten Zivilgesellschaft gegenüber gestellt wurde. Bis in die dreißiger Jahre des 19. Jahrhunderts blieben diese „bürgerlichen Gesellschaften“ jedoch weitgehend auf eine schmale adlig-bürgerliche Elite männlichen Geschlechts begrenzt. Vergleichbar der Entwicklung in den Niederlanden, erfolgte eine Erweiterung zivilgesellschaftlicher Verständigungsprozesse um mittel- und kleinbürgerliche Schichten, die ländliche Bevölkerung und klerikale und weltanschauliche Milieus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Während somit andere gesellschaftliche Akteure – katholische Milieus und sozialistische Arbeiterschaft – das Spektrum zivilgesellschaftlicher Verständigungsprozesse erweiterten, vollzog sich im deutschen Bürgertum – anders als in den Niederlanden – eine Hinwendung zum Konservatismus und zur Akzeptanz einer autoritären politischen Kultur.

Aus dieser historischen Perspektive lässt sich die Hypothese ableiten, dass die Entwicklung zivilgesellschaftlicher Strukturen zwar die Produktion von „sozialem Kapital“ bedingt, aber nicht unbedingt zur Etablierung demokratischer Strukturen führt. Damit ergibt sich die Notwendigkeit, den von der historischen und politikwissenschaftlichen Forschung häufig postulierten Zusammenhang von zivilgesellschaftlicher Entwicklung und einer in Richtung Demokratie strebenden politischen Kultur kritisch zu hinterfragen. Dies gilt etwa für die Beziehung von Religion und Zivilgesellschaft, von staatlicher Steuerung und Zivilgesellschaft, und von Nation und Zivilgesellschaft.


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