inforum 2/1998 - Verdoppelte Realität - virtuelle Wahrheit?

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Verdoppelte Realität - virtuelle Wahrheit?

Philosophische Erwägungen zu den «Neuen Medien»

von K. Müller

Was ist «Virtuelle Realität» in philosophischer Sicht? Wir wagen den Versuch, einen Originalartikel von Prof. Dr. Klaus Müller (Seminar für philosophische Grundlagen der Theologie im Fachbereich Katholische Theologie der WWU) ohne die sonst üblichen Fußnoten widerzugeben, und verweisen statt dessen auf eine kleine Literaturauswahl zum Thema am Ende des Artikels.

Daß sich Informatiker, Politologen und Ökonomen mit den sogenannten Neuen Medien befassen, versteht sich von selbst. Warum auch die Philosophie? Der Philosoph ist nicht der Experte, sondern der Stuntman des Experten: sein Double fürs Gefährliche, beschrieb einmal Odo Marquard die Zunft. Und, fügte er hinzu, Ein Stuntman, der nicht halsbrecherisch agiert, ist nichts wert. Auch da gebe ich ihm (ausnahmsweise) recht. Entsprechend fällt meine leitende These aus. Sie lautet: Die Neuen Medien eröffnen nicht eine völlig neue mediale Dimension; eher wird man praktisch-technisch viele Züge aus der Gutenberg-Galaxis und den alten elektronischen Medien wiederfinden - nur technisch elaborierter, funktional komplexer und vor allem beschleunigt. Dennoch beginnen jetzt bereits die Neuen Medien die Selbst- und Weltbeschreibung ihrer Nutzer - der user und indirekt auch der Nicht-Nutzer, der looser - zu verändern, und das verdient die Aufmerksamkeit der Philosophie.

Verblüffen muß, in welchem Umfang das bereits geschehen ist. Als besonders aufschlußreicher Indikator dafür kann gelten, wie heute im seriösen publizistischen Bereich von Realität und Virtualität gesprochen wird: Der Chefredakteur der Zeit votiert auf der Titelseite einer Ausgabe seines Blattes dafür, eine dreistellige Millionensumme aus der bisher dröge verlaufenden Vorbereitung der Expo 2000 in Hannover für eine elektronische Weltausstellung im Internet umzuschichten und so einen Beweis für die Zukunftsträchtigkeit des Standorts Deutschland zu liefern. Er wettet sogar, die elektronische Expo werde besser besucht sein als die reale. Und: Anders als die Hannoveraner Expo müßte sie [die elektronische; K.M.] nicht Ende Oktober ihre Tore schließen. Manchmal ist das Virtuelle beständiger. Die Süddeutsche Zeitung titelt in ihrer Beilage Bildung und Beruf zu einer Wochenendausgabe (Druckauflage knapp 700 000): Das Spiel mit der Wirklichkeit. In virtuellen Realitäten kann die Arbeitslosigkeit bereits heute halbiert werden. Ein paar Tage später berichtet die gleiche Zeitung unter dem Titel Potemkin umgekehrt, daß der niederbayerische Kurort Bad Birnbach - wie andere unter schwindenden Besucherzahlen leidend - das Titelbild seines neuesten Werbeprospekts mit einem Foto schmückt, auf dem aus der ländlich-romantischen Silhouette des Dorfes ein paar unschöne Hotel-Betonbauten einfach herausgeklickt sind (und der Bürgermeister verteidigte diese kreative Bearbeitung damit, daß nur so der Ort samt der schönen Kuranlage in den Blickpunkt des unbefangenen Betrachters zu rücken sei). Fazit: Das Echte muß nicht unbedingt schöner sein oder: In Bayern ist die Wirklichkeit ganz anders als die Realität - wobei letztere Ortsangabe getrost durch beliebig andere ersetzt werden kann: Selbst das Organ des eher konservativen Deutschen Hochschulverbands Forschung&Lehre macht Virtuelle Universitäten zum Leitthema einer Monatsausgabe.

Doch ungeachtet dieser scheinbaren Selbstverständlichkeiten: Wenn im Kontext der Neuen Medien von Virtualität die Rede ist - was meint das genau? Das Wort ist leicht erklärt: Es kommt vom mittellateinischen virtualis und heißt übersetzt was nach Anlage oder Vermögen der Möglichkeit nach vorhanden ist; also: mögliche Wirklichkeit. Aber: Ist eine mögliche Wirklichkeit wirklich? Oder ist sie nur möglich? Und gibt es sie überhaupt? Schwer zu sagen. Außer Zweifel steht, daß man sich mittels PC und entsprechender Zusatzausstattung buchstäblich in anderen Welten bewegen kann, ohne - und das ist gleich eine weitere Pointe - den eigenen Schreibtischstuhl verlassen zu müssen; kleine Bewegungen der Hände auf der Tastatur bzw. am Joy-Stick, ergänzt durch kurze Augenbewegungen in Korrelation mit dem Terminal oder - technisch avancierter - innerhalb des Datenhelms, genügen. Cyber-Freaks berichten übereinstimmend, daß sie die medial besuchten Welten notorisch binnen kurzem realer empfinden als die Welt, aus der sie dorthin gestartet sind, d. h. der Virtualitätsindex verschiebt sich von der einen zur anderen. Was aber heißt dann virtuell überhaupt noch? Das ist alles andere als eine neue Frage. Die wurde vielmehr bereits in der Konstitutionsphase der okzidentalen Philosophie gestellt, näherhin und mit aller Vehemenz von Parmenides [1]. Es ist die Frage nach Sein und Schein. Was ist, ist - und ist eins, vollkommen und unvergänglich. Was diese Bedingungen nicht erfüllt, aber Anspruch auf Sein macht, ist Schein - und der ist schlichtweg nichts, war Parmenides überzeugt. Diese sozusagen gefrorene Ontologie des Parmenides verfiel schon bei Aristoteles der Kritik. Im IX. Buch der Metaphysik [2] erläutert er, daß und warum, etwas, das ist, nicht notwendig, und etwas, das nicht ist, nicht unmöglich sein muß. Seiendes kann auch kontingent, Nichtseiendes möglich sein. Die heutige Virtualitätsthematik treibt das Problem sozusagen um eine Drehung weiter: Sie behauptet ontologisch gesehen Nichtseiendes als existent und gibt das Prädikat sein für ontologisch Existentes auf.

Die Rede von virtueller Realität ist darum zutiefst aporetisch: Von virtueller Realität reden kann nämlich nur, wer mehr als eine Realität annimmt, also - und jetzt bahnt sich die Aporie bereits sprachlich an -, wer von einer realen Realität ausgeht, der eine virtuelle an die Seite tritt. Nur - und damit bricht die Aporie auf -: Ist dieser Unterschied gemacht, läßt sich nicht mehr klären, welche der (mindestens zwei) Realitäten nun die reale und welche die virtuelle ist. An die Stelle der gefrorenen Ontologie des Parmenides und der modalen Ontologie des Aristoteles etabliert sich eine fluktuierende Ontologie. Es handelt sich bei ihr um so etwas wie eine ontologia negativa: Sie beschränkt sich darauf zu sagen, was Wirklichkeit nicht ist, ohne ein Wort darüber zu sagen, was es denn bedeutet, von etwas zu sagen, daß es ist. Im Horizont der Neuen Medien gilt die Annahme einer eigentlichen Wirklichkeit so falsch wie die Gegenthese, daß es überhaupt nur noch Schein gebe und Realität als solche ausgelöscht sei - eine Position, die übrigens von einem der prominentesten Repräsentanten der sogenannten Postmoderne vertreten wird: von Jean Baudrillard [3]. Auf den Nenner gebracht heißt das (ich zitiere einen der vielen jungen Autorinnen und Autoren, die sich philosophisch mittlerweile der Sache der Neuen Medien annehmen):

Es gibt keine virtuelle Realität, weil es die eigentliche Wirklichkeit nicht gibt, gegen die jene sich abgrenzen müßte. Das eben bedeutet nichts anderes, als daß sich das Virtuelle zumindest nicht auf dem Weg einer kategorischen Abgrenzung gegen das Reale verstehen läßt. Damit aber führt die Beschäftigung mit dem ontologischen Status des Cyberspace dazu, bereits die Frage nach seinem Sein oder Nicht-Sein anders zu verstehen - nicht als die Suche nach einer abschließenden Antwort, sondern als Aufforderung, sie als Frage anzunehmen. Die Pointe ist die Betonung... Die Frage nach dem Sein oder Nicht-Sein anzunehmen heißt, die Spannung, die in ihr steckt, auszuhalten. Dies von ihren Besuchern zu verlangen, ist das vielleicht entscheidende Potential, durch welches die virtuelle Realität ... zu einer ontologischen Herausforderung werden kann. Der Weg, der sich an dieser Stelle öffnet, ist gekennzeichnet durch eine gewisse Unentschiedenheit - mehr noch, durch eine entschiedene Verteidigung der Unentscheidbarkeit solch vertrackter Probleme wie Sein oder Wahrheit oder Wirklichkeit usw.

Damit ist aus cyber-philosophischer Sicht auch gleich ein zweiter Themenkomplex abgehakt: Auch Wahrheit wird für ein unentscheidbares Problem erklärt und diese Diagnose ausdrücklich als philosophischer Fortschritt verteidigt. Nun hat es in der Tat seine liebe Not mit dem scheinbar so evidenten Begriff der Wahrheit; Wahrheitstheorien rennen sich eine nach der anderen an ihm sozusagen den Schädel ein.

Angesichts der vorhin zitierten forschen Unentscheidbarkeitserklärung stellt sich aber selbst vor diesem Hintergrund die Wahrheitsfrage von neuem. Und vor allem: Sie stellt sich nicht spekulativ-theoretisch, sondern schlichtweg empirisch: Zu den Neuen Medien gehört konstitutiv eine elaborierte Technik der Bildbearbeitung. Anders gesagt: Bilder jedweder Art - also auch Fotos - sind in perfekter Weise manipulierbar (siehe das oben erwähnte Beispiel Birnbach). Versuche dazu gibt es schon lange: Oft und oft hat man vor allem offizielle oder offiziöse Aufnahmen später retuschiert, um z. B. eine in Ungnade gefallene Person aus Bilddokumenten zu tilgen, an deren weiterer Verbreitung den jeweiligen Machthabern gelegen war. Die heute zur Verfügung stehende Technik der Bildbearbeitung macht freilich schlichtweg alles möglich: Personen, die sich aus Gründen divergierender Echtzeit in Wirklichkeit niemals haben treffen können, werden in digitale Begegnungen gebracht. Papst Johannes XXIII. läßt sich unschwer in eine Diskussion mit Guido Westerwelle bringen. Ebenso läßt sich Helmut Kohl mit Lady Diana unter eine Bettdecke stecken (wobei das Auftauchen eines solchen Videos Abertausende in der Überzeugung bestärken würde, daß die Todesnachrichten samt der Beerdigungsfeier im September 97 aus irgendwelchen verschwörerischen Absichten hergestellte Fiktionen waren). Die Möglichkeit glaubhafter Verbreitung solcher Fiktionen selbst in einem Massenkommunikationsmedium hat das Magazin der Süddeutsche(n) Zeitung Nr. 28 vom 11.7.97 demonstriert. Das aber bedeutet: Nicht einmal Fotos haben Beweiswert, sobald einmal ein prinzipieller Zweifel an ihrer lange Zeit unterstellten Authentizität öffentlich geworden ist. Genau das ist mittlerweile eingetreten. In der Tat ist damit zumindest in einer ihrer elementaren Formen, nämlich der optischen Wahrnehmung Wahrheit im Sinn von Echtheit unentscheidbar geworden.

Die eben angestellte Erwägung setzt noch einen hochbrisanten Folgegedanken frei: Wenn - vorsichtig gesagt - ontologische Intuitionen nicht unabhängig sind von der Struktur des Daten-Input des Erkennenden, Daten aber immer eine Emissionsquelle haben, dann folgt daraus, daß Ontologie im Sinn von Annahmen über das, was wirklich ist, unmittelbar unter gesellschaftlichen und damit auch politischen Bedingungen steht. Was durch die Neuen Medien als Wirklichkeit auftreten kann, hängt auf direkte Weise auch und nicht zuletzt davon ab, wer aus welchem Grund welche Daten im Netz generiert und mit welchen Mittel für eine mögliche Rezeption attraktiv macht. Ontologie ist politisch. Das bedeutet: Die ethische und sozialphilosophische Auseinandersetzung mit den Neuen Medien reicht weitaus tiefer, als die Stichworte (Kinderpornographie etc.) insinuieren, unter denen sie bislang geführt wird.

Literatur

[1]
Die vorsokratischen Philosophen. Einführung, Texte und Kommentare v. Geoffrey S. Kirk, John E. Raven, Malcolm Schofield. Ins Deutsche übers. v. Karlheinz Hülser. Stuttgart; Weimar 1994. 263-289.

[2]
Aristoteles: Metaphysik IX, 1046b 29 - 1047a 17. Ed. Seidl. Hamburg 1980. (PhB; 308). 106-111.

[3]
Baudrillard, Jean: Illusion, Desillusion, Ästhetik. In: Iglhaut, S. - Rötzer, F., Schweeger, E.: Illusion und Simulation. Begegnung mit der Realität. Ostfildern 1995. 90-101. - Ders.: Das perfekte Verbrechen. München 1996.

[4]
Münker, Stefan: Was heißt eigentlich: Virtuelle Realität? Ein philosophischer Kommentar zum neuesten Versuch der Verdopplung der Welt. In: Münker, Stefan - Roesler, Alexander (Hg.): Mythos Internet. Frankfurt a.M. 1997. (es 2010). 108-127.

[5]
Baur, Stephan: Cyberspace - Neue Wirklichkeiten in der Philosophie. der blaue Reiter. Journal für Philosophie 2/1995. 48-54.

[6]
Brauner, Josef - Bickmann, Roland: Cyber Society. Das Realszenario der Informationsgesellschaft: Die Kommunikationsgesellschaft. Düsseldorf - München 1996.

[7]
Buchstein, Hubertus: Bittere Bytes: Cyberbürger und Demokratietheorie. Deutsche Zeitschrift für Philosophie 44 (1996). 583-607.

[8]
Chomsky, Noam - Dieterich, Heinz: Globalisierung im Cyberspace. Globale Gesellschaft. Märkte, Demokratie, Erziehung. Aus d. Span. V. Bruni Höfer u.a. Unkel - Bad Honnef 1996.

[9]
Dery, Mark: Cyber. Die Kultur der Zukunft. Berlin 1996.

[10]
Doelker, Christian: Ein Bild ist mehr als ein Bild. Visuelle Kompetenz in der Multimedia-Gesellschaft. Stuttgart 1997.

[11]
Ellrich, Lutz: Sein und Schein. Wie postmodern ist das systemtheoretische Konzept der elektronischen Medien? Deutsche Zeitschrift für Philosophie 44 (1996). 559-582

[12]
Freyermuth, Gundolf S.: Cyberland. Eine Führung durch den High-Tech-Underground. Berlin 1996.

[13]
Frühwald, Wolfgang: Zeit der Wissenschaft. Forschungskultur an der Schwelle zum 21. Jahrhundert. Köln 1997.

[14]
Giesecke, Michael: Sinnenwandel - Sprachwandel - Kulturwandel. Studien zur Vorgeschichte der Informationsgesellschaft. 2., durchges. Aufl. Frankfurt a.M. 1998. (stw 997).

[15]
Gabriel, Norbert: Kulturwissenschaften und neue Medien. Wissensvermittlung im digitalen Zeitalter. Darmstadt 1997.

[16]
Guggenberger, Bernd: Das digitale Nirwana. Hamburg 1997.

[17]
Hartmann, Frank: Cyber. Philosophy. Medientheoretische Auslotungen. Wien 1996.

[18]
Luhmann, Niklas: Die Realität der Massenmedien. 2., erw. Aufl. Opladen 1996.

[19]
Pörksen, Uwe: Weltmarkt der Bilder. Eine Philosophie der Visiotype. Stuttgart 1997.

[20]
Rheingold, Howard: Virtuelle Gemeinschaft. Soziale Beziehungen im Zeitalter des Computers. Bonn 1994.

[21]
Tiedemann, Paul: - Internet für Philosophen. Eine praxisorientierte Einführung. Darmstadt 1997.

[22]
Turkle, Sherry: Life on the Screen. Identity in the Age of the Internet. New York u.a. 1995.

[23]
Wiener, Oswald: Schriften zur Erkenntnistheorie. Wien; New York 1996. (Computerkultur; Bd. X).

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