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Kaffeemaschine: Die JavaStation von Sun

von B. Süselbeck

Was ein PC ist, weiß jeder. Aber wissen Sie auch, was ein NC ist, oder was ein intelligentes Terminal mit einer Kaffeemaschine zu tun hat?

Bekanntlich ist ein PC ein personal computer. Allerdings ist die geläufige deutsche Übersetzung „Personalcomputer“ nicht korrekt, sie müßte vielmehr „persönlicher Computer“ lauten. Alles das, was einen persönlichen Computer so attraktiv macht, nämlich die im Prinzip uneingeschränkte Herrschaft über das System, ist bei Arbeitsplätzen für das Personal in einem Betrieb eher kontraproduktiv. So ist die zentrale Wartbarkeit von Rechnern, die in ihrer Konzeption nicht dafür ausgelegt sind, ein großes Problem, das trotz vieler Ansätze nicht vollständig gelöst ist und daher hohe Kosten verursacht.

Abhilfe schaffen sollen hier neue Ideen, die in gewisser Weise alte Terminalkonzepte reanimieren, allerdings mit lokaler Intelligenz und direktem Anschluß an das Intra- bzw. Internet. Auch von Seiten der Software gibt es Neuerungen wie die Programmiersprache Java von Sun, die direkt für die Ausführung von Programmen aus dem Internet konzipiert ist. Während sich die meisten Programmiersprachen über Compiler an die Architektur der Hardware anpassen, basiert Java auf einer abstrakten, sogenannten virtuellen Maschine. Hier kann man also auch den umgekehrten Weg gehen und zu einer Programmiersprache die passende Hardware bauen. Diesen Weg beschreitet zur Zeit die Firma Sun mit der sogenannten JavaStation, die die Ausführung von Java Applets in Form eines Netzcomputers direkt unterstützt.

Kaffeegeschäft

Seit November 1996 taucht die JavaStation in den Preislisten von Sun auf. Sie wird mit unterschiedlicher Speicherbestückung zwischen 8 und 64 MB angeboten. Zusätzlich sind ein 14''- oder ein 17''-Monitor im Angebot, aber auch ein handelsüblicher PC-Monitor soll anschließbar sein. Wer den Speicherhunger mancher Netzapplikationen kennt, wird sich schon auf Verdacht für die maximale Speicherausstattung entscheiden. Das URZ hat also für Testzwecke ein Modell mit 64 MB Hauptspeicher und einen 17''-Farbmonitor bestellt. Die nötige Betriebssystemsoftware sollte ab Mitte Dezember im Internet abrufbar sein.

Einen Tag vor Weihnachten kommt die übliche Auftragsbestätigung, allerdings mit dem Lieferdatum 26. Kalenderwoche 1997! Nach den Weihnachtsferien wird dies korrigiert, aber nur für den Bildschirm, der dann tatsächlich eines Tages einsam im Hause steht. Mehrere Nachfragen bei Sun führen leider nicht zu definitiven Aussagen über die Lieferbarkeit der JavaStation. Auch ein ernstes Gespräch mit dem Vertrieb und der Ankündigung einer Stornierung führt nicht weiter. Doch plötzlich - Anfang Februar - wird die Maschine geliefert.

Erst weitere Anfragen bei Sun ergeben, daß es sich bei der vorliegenden JavaStation um ein sogenanntes Serie-1-System handelt, das als Developer's Release noch nicht flächendeckend angeboten wird und ohne zusätzliche Maßnahmen des Vertriebs erst gar nicht beim Kunden erscheint. Es steht nur in begrenzter Stückzahl für bestimmte Anwender zur Verfügung. Für ein Produkt, das offiziell in der Preisliste steht, ist das schon recht seltsam.

Kaffeedurst

Wer ein (kleineres) Hausgerät wie eine Kaffemaschine erwirbt, der möchte sich nicht lange mit umständlichen Gebrauchsanweisungen herumschlagen, sondern das Gerät möglichst schnell in Betrieb nehmen.

Beim Auspacken der JavaStation (Abb. 1) erscheint nicht die immer wieder abgebildete „echte“ Kaffeemaschine, sondern nur ein dunkelgraues Kästchen im typischen Sun-Design (Haifischkiemen als Lüftungsschlitze), auf dem neben dem Sun-Logo auch die dampfende Kaffeetasse von Java unzweifelhaft auf Herkunft und Einsatzgebiet schließen läßt. Merkwürdig ist allerdings ein klapperndes Geräusch.

Das Gehäuse der JavaStation (footprint box), in der z. B. auch externe Platten angeboten werden, ist mit Abmessungen von 19 x 31 x 7 cm in der Tat ein recht handliches Kästchen (Abb. 2).

Das oben beschriebene Klappern macht natürlich neugierig, auch einen Blick ins Innere zu werfen. Auf der Platine identifizierbar sind ein MicroSparc-Prozessor und vier Steckplätze für die Memory-Simms, die hier alle belegt sind. Hinten ist das Netzteil mit Lüfter quer eingebaut. Der interne Lautsprecher hat sich aus seiner Halterung an der Seitenwand gelöst, läßt sich aber problemlos wieder einklinken. Somit ist auch das Störgeräusch behoben. Als echter Netzrechner enthält das System keine Festplatte.

Während das Gehäuse noch sehr stark an die Herkunft aus dem Hause Sun erinnert, so sind die übrigen Komponenten eher untypisch. Mitgeliefert werden eine normale PS/2-Tastatur und eine mechanische Maus mit zwei Tasten, die über ein eigenes Kabel angeschlossen wird. Hierdurch wird noch einmal deutlich, daß Sun mit der JavaStation sicherlich nicht auf den Workstationmarkt zielt. Ein kleiner Gag ist die beiliegende Mausunterlage, natürlich auch im Java-Design. An der Rückwand der JavaStation finden sich neben dem Anschluß für Tastatur und Maus die zum Betrieb unbedingt benötigten Buchsen für die Stromversorgung, Netzanschluß (10 MBit/sec twisted pair, 10/100 MBit/sec angekündigt) und VGA-Bildschirm (ein alter Monitor vom Typ Eizo 9070 läßt sich übrigens problemlos betreiben). Zusätzlich gibt es noch eine serielle Schnittstelle und die Möglichkeit zum Anschluß eines externen Lautsprechers. Alle Komponenten lassen sich in kurzer Zeit zusammenstecken, wobei notfalls ein kleines Faltblatt mit einfachen Grafiken hilfreich zur Seite steht. Dort findet sich auch eine Warnung, das Gerät erst einzuschalten, wenn man die Ethernet-Adresse notiert hat und telefonisch weitere Maßnahmen ergriffen hat, was immer das heißen mag. Schaltet man die JavaStation trotzdem ein, erscheint neben der Ethernet-Adresse und der Anzeige des installierten Speichers nur der Hinweis, daß die Maschine nicht richtig ans Netz angeschlossen sei.

Die JavaStation läßt sich also wirklich ähnlich schnell wie eine Kaffeemaschine anschließen, aber was nützt sie ohne Wasser und Kaffee?

Kaffeelieferant

Einziger Hinweis auf die weitere Vorgehensweise in den mitgelieferten Unterlagen (Java Station Early Access Support) ist die Telefonnummer der Hotline von Sun. Dort erhält man eine WWW-Adresse, von der sich die benötigte Serversoftware herunterladen läßt:

http://www.sun.com/javastation/jcdev/software/install

Zum Betrieb einer oder mehrerer JavaStations wird ein Server unter Solaris 2.5 benötigt, auf dem das JavaStation Environment 1.0 for Developers (JSE 1.0) installiert wird. Diese Software ist im Paket SUNWjdse gebündelt und hängt noch von weiteren Paketen ab, die zuvor bereit stehen müssen:

SUNWfnsFederated Naming System
SUNWdhcsu, SUNWdhcsrBOOTP/DHCP Server Services (user, root)

Der Namensdienst ist schon Teil von Solaris 2.5.1. Die beiden letzten Pakete enthalten das Dynamic Host Configuration Protocol, das zum Booten der JavaStation über das Netz benötigt wird. Sie sind bereits jetzt im Solaris 2.5.1 Internet Server Supplement enthalten und werden Bestandteil von Solaris 2.6 sein. Alle Pakete lassen sich ohne Probleme in kurzer Zeit aus dem Netz laden und mit Hilfe des üblichen Paket-Mechanismus (pkgadd) installieren. Das Betriebssystem der JavaStation (JavaOS) landet bei der Installation im Verzeichnis

/export/root/JavaDesktop
in einer Datei mit Namen kona (ca. 5 MB), in der zusätzlich auch ein Browser und alle benötigten Hilfsdateien enthalten ist. JavaOS ist übrigens kein starkes Gebräu, sondern eher koffeinfrei. Es enthält neben einigen Kernfunktionen natürlich die Implementierung der virtuellen Maschine für Java sowie die benötigten Treiber. Im Gegensatz zu anderen Betriebssystemen müssen kein Dateisystem und auch keine konkurrierenden Benutzer berücksichtigt werden.

Zur Konfiguration des Servers wird anschließend der Hostmanager aufgerufen mit dem Kommando

/opt/SUNWjdse/bin/jdhostmgr

Es erscheint ein Menü, in dem einige Angaben wie Name der Domain und Adresse des Name-Servers einzutragen sind. Damit ist der Server prinzipiell zur Unterstützung einer beliebigen Zahl von Klienten vorbereitet. Der Arbeitsaufwand für die Installation der gesamtem Serversoftware liegt bei ca. einer Stunde.

Der Hostmanager verfügt über ein weiteres Menü zur Konfiguration der zu unterstützenden JavaStations. Hier muß für jeden Klienten lediglich der Name und Ethernet- bzw. Internet-Adresse eingetragen werden (Abb. 3). Auf einer JavaStation selbst sind keine lokalen Arbeiten nötig und auch nicht möglich!

Damit ist sicherlich ein Argument für den Einsatz von Netzrechnern stichhaltig. Der Server läßt sich für eine „beliebige“ Anzahl Klienten schnell konfigurieren und ist jederzeit zentral wartbar, z. B. bei neuer Version der Software. Die Zeit zur Installation eines Klienten ist vernachlässigbar. Damit ist die von Sun versprochene zero administration Realität. Es lassen sich also durch dieses Konzept Personalkosten sparen.

Kaffee kochen

Nachdem die JavaStation gewissermaßen mit Kaffee versorgt ist, läßt sie sich nun sinnvollerweise einschalten. Sie meldet sich dann auch passenderweise mit einer Grafik und dem Text „JavaStation now brewing“ (Abb. 4).

Hinter dieser weiteren Metapher aus dem Reich des Kaffees verbirgt sich folgendes: Durch einen Broadcast fragt die JavaStation im Netz nach einem Server, der sich für sie zuständig fühlt. Wenn der Kontakt aufgenommen ist, wird das Betriebssystem heruntergeladen und gestartet (in zukünftigen Versionen kann das Betriebssystem auch im flash memory liegen). Dieser Vorgang dauert ca. 2 Minuten. Danach erscheint ein Login-Bildschirm mit zwei Optionen: Anmeldung eines Benutzers oder guest login. Die Anmeldung des Benutzers erfolgt über die Benutzerkennung und das Paßwort, die auch auf dem Server gültig sind. Dabei werden die entsprechenden Informationen in NIS-Tabellen nachgeschaut. Neben dem Login wird auch versucht, das Home-Verzeichnis des Benutzers zu montieren. Dabei muß sich jedoch ein entsprechender Eintrag in der Datei auto.home befinden. Werden die Home-Verzeichnisse nicht über diesen Mechanismus angeboten, dann schlägt der Zugriff fehl. In diesem Fall hat der Benutzer dann keine Möglichkeit Daten abzuspeichern, unterscheidet sich also nicht von einem Gast. Hier sollte im Zusammenspiel mit dem Server sicher noch mehr Flexibilität vorhanden sein. Anfragen bei Sun zeigen zur Zeit noch keine andere Lösung auf. Die Benutzung von Druckern scheidet aus dem gleichen Grund ebenfalls aus. Nach Beendigung der Arbeit meldet sich der Benutzer ab, und die Maschine steht für den nächsten Anwender bereit.

Der Ladevorgang für das Betriebssystem ist nur einmalig beim Einschalten der Maschine erforderlich.

Kaffeegenuß?

Nachdem der Kaffee zubereitet ist, soll er natürlich auch genossen werden. Wie schmeckt er also bzw. wie gestaltet sich die Benutzung der JavaStation?

Nach erfolgreichem Login erscheint auf dem Bildschirm ein Willkommensfenster (diesmal heißer Kaffee!) mit einem Start-Knopf, der dann Suns HotJava-Browser startet. Die JavaStation kann - nomem est omen - nur Applikationen ausführen, die vollständig in Java geschrieben sind. Dies trifft für HotJava zu, aber nicht für Netscape Navigator. Für den Workstation oder PC-geübten Anwender ist es sicherlich ungewöhnlich, nur einen Browser zur Verfügung zu haben und sonst nichts. Aber nach Sun-Philosophie ist die Java-Station als „dünner“ Klient in erster Linie für Informationskonsumenten und nicht für Informationsproduzenten gedacht. Da aber auch sie vielleicht etwas mehr als nur einen Browser benötigen, wird Sun in Zukunft das Produkt JavaViews anbieten, das mehr in Richtung allgemeiner Benutzeroberfläche tendiert.

HotJava ist im Vergleich zu Netscape Navigator deutlich einfacher gehalten und verfügt über ein anderes look and feel, aber es ist kein Problem, im Internet beliebig zu surfen und Applets auszuführen. Das Laden von umfangreichen Applikationen erfolgt nicht langsamer als auf einer Sun-Workstation. Getestet wurde beispielsweise eine selbstentwickelte Applikation mit animierter Grafik. Das dort erforderliche Scrolling erfolgt allerdings sehr langsam und ruckhaft, was sicherlich der mangelnden Grafikleistung der JavaStation zugeschrieben werden muß. Dieser Punkt ist unbedingt in Zukunft zu verbessern. Ein auf den noch nicht standardisierten, aber häufig benutzten Frames basierendes Hilfesystem zeigte zwar nach Laden die Frames richtig an, stellt aber nach entsprechender Auswahl die Informationen nicht im richtigen Rahmen dar. Auch in diesem Zusammenhang wird sich jeder Browser letztendlich mit Netscape Navigator messen müssen.

Als „echte“ Anwendung stand nur Corel-Office für Java zur Verfügung. Hier handelt es sich jedoch um eine sehr ineffiziente und instabile pre-beta-Version, die auch Netscape Navigator zum Absturz bringt. Immerhin läßt sich die Anwendung laden und auch bedienen, ist aber für reale Arbeiten einfach noch viel zu langsam. Außerdem zwingt sie auch die JavaStation nach einiger Zeit in die Knie, so daß ein Aus- und Einschalten nötig wurde. Die meisten Applets des in der Java-Welt bekannten Servers Gamelan lassen sich problemlos ausführen. Bestimmte Animationen laufen sogar schneller als unter Navigator. Probleme gibt es mit Anwendungen, die mit dem JDK 1.1 (Java Developer's Kit) übersetzt wurden, der zur Zeit noch keine Unterstützung findet.

Ironischerweise wird die Home-Page von Sun (www.sun.de) vom Februar 1997 nicht korrekt dargestellt. Zwischen einzelnen Teilen des Bildes bleiben Streifen, die z. B. bei Netscape Navigator nicht auftauchen. Auch wird der fähnchenschwingende Duke (das Maskottchen von Java) als gif-animierter Bannerträger für die CeBit wegen der oben angespochenen Grafikschwäche zum recht müden Gesellen. Gleiche Aussagen gelten übrigens auch für die Home-Page von März bzw. April.

Kaffeesatz

Nach reichlich Kaffeekonsum bleibt auch genug Kaffeesatz, um darin zu lesen. Mit der JavaStation in der vorliegenden Version hat Sun sicherlich nachgewiesen, daß sich Netzrechner leicht installieren und administrieren lassen, auch wenn bei der Anbindung an den Server noch nicht alle Wünsche erfüllt sind. Viel entscheidender für einen Markterfolg sind jedoch andere Punkte. Der Anwender verlangt einfach den Komfort, den er von anderen Plattformen gewohnt ist. Insbesondere die Grafikleistung der Javastation ist hier stark verbesserungswürdig. Schon trivial mutet die Aussage an, daß letztendlich alles von der Verfügbarkeit und Performance der Anwendungssoftware abhängt, wobei die Zielgruppe der Anwender natürlich beachtet werden muß. Im Moment ist die JavaStation zum freien Surfen im Netz sicherlich gut geeignet.

Weitere Informationen zur JavaStation finden sich im Internet unter der Adresse

http://www.sun.com/javastation

Es bleibt zu hoffen, daß Sun die anstehenden Probleme bis zur flächendeckenden Einführung der JavaStation, die Mitte des Jahres erfolgen soll, wird lösen können. Dann wird sich zeigen, ob der Kaffee wirklich so heiß getrunken wird, wie er im Moment gekocht wird, oder ob alles als kalter Kaffee endet.


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