Dirk Hartwig, M.A.

Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Islamische Theologie

Bergstrasse 29a

E-Mail: dirk.hartwig@uni-muenster.de

Sprechzeiten
Nach Vereinbarung

Kurzvita
Dirk Hartwig studierte Judaistik, Arabistik und Iranistik in Berlin, Jerusalem, Kairo und New York. Studienrelevante Auslandsaufenthalte verbrachte er u.a. in Istanbul, Damaskus, Beirut und St. Andrews. Dirk Hartwig ist seit dem WS 2016/17 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Islamische Theologie und gleichzeitig Wissenschaftlicher Mitarbeiter am "Corpus Coranicum" der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften - zudem unterrichtet er regelmäßig Bachelor- und Masterstudenten am Al-Maktoum College of Higher Education, Dundee (Schottland) und an der Theologischen Fakultät der Universität Leipzig.

  • Forschungsschwerpunkte

    • Koran, traditionelle Koranwissenschaft (ʿulūm al-qurʾānīyah), moderne Koranwissenschaft (dirāsāt al-qurʾānīyah)
    • Narrative Traditionen im Islam (qiṣaṣ al-anbīyāʾ)
    • Wechselwirkung jüdischer, christlicher und islamischer exegetischer Traditionen
    • Geschichte der Juden in arabischen Ländern (zwischen Mythos und Wirklichkeit)
    • Wechselwirkungen zwischen jüdischer und islamischer Philosophie
    • Jüdische und islamische Mystik (bis zum frühen 15. Jahrhundert)
    • Wissenschaftsgeschichte
  • Vita

    Akademische Ausbildung

    -
    Marie Curie Fellowship [M4HUMAN Programm] der Gerda Henkel Stiftung; Projekttitel: "'Passionate Love of God' and the Spiritual Revolution of 'Jewish Sufism': The Maimonidean Network in Medieval Cairo", Department of Arabic and Persian, University of St. Andrews (Schottland)
    -
    Drittmittel-Projekt der Deutschen Forschungsgemeinschaft; Projekttitel "Die Wissenschaft des Judentums und die Anfänge der historisch-kritischen Koran- und Frühislamforschung: Ein Beitrag zu deutsch-jüdischen Wissenschaftsgeschichte;" Seminar für Semitistik und Arabistik, Freie Universität Berlin
    -
    Promotionsprogramm am Skirball Center for Hebrew and Judaic Studies, The New York University (USA) [Henry Mittchell MacCracken Fellowship]
    -
    Studium der Judaistik, Arabistik und Iranistik an der Freien Universität Berlin
    -
    Studium der Judaistik, Arabistik und Iranistik an der Hebräischen Universität Jerusalem (Israel) [Programm des DAAD]
    -
    Studium der Judaistik, Arabistik und Iranistik an der Freien Universität Berlin

    Beruflicher Werdegang

    seit
    Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Langzeitvorhaben "Corpus Coranicum - Textdokumentation und historisch-kritischer Kommentar zum Koran" der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (zugeordnet Modul 2: Datenbank "Texte aus der Umwelt des Koran")
    seit
    Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Islamische Theologie, WWU Münster (zugeordnet dem Projekt "Historisch-kritischer Korankommentar unter Berücksichtigung von Aneignungs-, Transformations- und Abgrenzungsprozessen zwischen Islam und der jüdisch-christlichen Tradition")
    -
    Planung und Durchführung des Projekts "Religionspädagogische Prävention gegen Salafismus und Dschihadismus. Ein Gesprächsangebot für Jugendliche in Schulen, stationären Unterkünften, Jugendfreizeitheimen und anderen Jugend-Einrichtungen" (finanziert und gefördert durch die Landeskommission Berlin gegen Gewalt)
    -
    Planung und Durchführung des Projekts "'Religiöse Selbstermächtigung und Mündigkeit' - Prävention salafistischer und islamistischer Tendenzen in der Flüchtlingspopulation: Neue Herausforderungen an die Kinder- und Jugendhilfe" (gefördert durch 'Das besondere Plus!' der Werner-Coenen-Stiftung)
    -
    Angestellter bei FSD FAMOS gGmbH. Freier Jugendhilfeträger (Berlin)
    -
    Teaching Fellow, Department of Arabic and Persian, University of St. Andrews (Schottland)
    -
    Angestellter bei Zephir gGbmH - Kinder, Jugend und Familie - (Berlin); hier leitende Position in der Aufnahme und Betreuung von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen (UMF)
  • Publikationen

    • Hartwig Dirk. . „Die westliche Koranforschung – Ein Überblick.“ In Gottes Offenbarung in Menschenwort. Der Koran im Licht der Barmherzigkeit, herausgegeben von Khorchide Mouhanad, 14-75. Freiburg im Breisgau: Herder.
    • Hartwig Dirk, Schwaegermann Maria M. . „Wer in Blut schreibt, der will auswendig gelernt werden: Das Schreiben 'in' und 'mit' Blut in den performativen Künsten.“ Parole 3: 29-41.
    • Hartwig Dirk, Schwaegermann Maria M. . ‘'Infinite Record: Archive, Memory, Performance' - Archive Work and Artistic Research: A Plea for Ambiguity.’ In Infinite Record: Archive, Memory, Performance: The Emergence of a Project, edited by Schwaegermann Maria, Ely Karmenlara, 16-27. New York: Brooklyn Arts Press.
    • Hartwig Dirk. . ‘The Qur'anic Revelation and Its Judaeo-Christian Milieu of Origin.’ Islam Today: Reflections on Contemporary Issues 28: 18-21.
    • Hartwig Dirk. . „Die 'Wissenschaft des Judentums' als Gründerdisziplin der kritischen Koranforschung: Abraham Geiger und die erste Generation jüdischer Koranforscher.“ In Jüdische Existenz in der Moderne. Abraham Geiger und die Wissenschaft des Judentums, herausgegeben von Wiese Christian, Homolka Walter, Brechenmacher Thomas, 297-319. Berlin, New York: Walter de Gruyter.
    • Hartwig Dirk. . „Die Wissenschaft des Judentums und die Anfänge der kritischen Koranforschung: Perspektiven einer modernen Koranhermeneutik.“ Zeitschrift für Religions- und Geistesgeschichte 61: 234-256.
    • Hartwig Dirk. . „Der Urvertrag (Q 7:172) - ein rabbinischer Diskurs im Koran.“ In "In vollem Licht der Geschichte" - Die Wissenschaft des Judentums und die Anfänge der kritischen Koranforschung, herausgegeben von Hartwig Dirk, Homolka Walter, Marx Michael J., Neuwirth Angelika, 191-202. Würzburg: Ergon.
    • Hartwig Dirk, Homolka Walter, Marx Michael J., Neuwirth Angelika (Hrsg.): . "In vollem Licht der Geschichte" - Die Wissenschaft des Judentums und die Anfänge der kritischen Koranforschung. Würzburg: Ergon.
    • Hartwig Dirk. . ‘Bibliography of the Writings of Renate Jacobi.’ In Reflections on Reflections. Near Eastern Writers Reading Literature, edited by Islebe Andreas Chr., Neuwirth Angelika, XV-XXII. Wiesbaden: Reichert.

Dissertationsvorhaben

"Maimonides' Leidenschaftliche Gottesliebe und der jüdische Sufismus: Radikale Gedanken zwischen Gesetz, Philosophie und Mystik" (Arbeitstitel)

Betreuer: Prof. Dr. Mouhanad Khorchide

Die Geschicke von Judentum und Islam sind seit der frühesten koranischen Verkündigung aufeinander bezogen. So erhob sich die koranische Verkündigung in einem plurikulturellen Milieu, welches sich großteils aus Diskursen jüdischer, christlicher und synkretistischer Gruppierungen und deren theologischen Verhandlungen speiste. In der klassischen Zeit entwickelte der Islam seinerseits ein Profil, das einen Denkraum eröffnete, in dem Juden und Christen weitestgehend gleichberechtigt partizipierten, indem Auseinandersetzungen der rechtstheoretischen Überlegungen der Normenlehre (fiqh), der spekulativen Theologie (kalām) und der Philosophie (falsafah) nun ihrerseits den religiös-intellektuellen Diskurs bestimmten. Besonders das Judentum verdankt dem Islam in gewisser Weise sein Forstbestehen, da es sich in die vorfindlichen Diskurse lebhaft einschaltete und in Form einer Symbiose an ihnen Anteil hatte und nicht selten neue Diskurse anstieß, die wiederum sehr dankbar aufgenommen wurden. Neben den genannten klassischen Disziplinen islamischer Gelehrsamkeit (taṣauwuf) ist es aber auch die islamische Mystik, die einen bleibenden Eindruck auf das Judentum hinterlassen sollte. So entstand etwa in ausgehenden 12. Jahrhundert eine Strömung innerhalb jüdischer Erfahrungswelt, die mit gebotener Vorsicht als „jüdischer Sufismus“ bezeichnet werden kann – Vorgänger dieser Begegnung reichen bis in das 8./9. Jahrhundert zurück. Diese Form jüdischer Erfahrungswelt ist neben der späteren Dönmeh-Bewegung wohl die weitreichendste Zusammenführung jüdischer und islamischer Glaubenslehre. Der „jüdische Sufismus“ entsteht quasi organisch aus dem religionsphilosophischen Rationalismus des Moses Maimonides (1135/38-1204) – ein Zeitgenosse des Ibn Rushd (Averroes, 1126-1198) –, der von der jüdischen Tradition als größter Denker der klassischen Zeit bezeichnet wird und auch in das christliche Mittelalter hinein einen beträchtlichen Einfluss ausübte. In seinem philosophischen magnum opus, dem „Führer der Unschlüssigen“ (Dalālat al-ḥāʾirīn, Hebr. Moreh ha-Nevukhim), das sich der Sprache der arabisch-islamischen Philosophie bedient und in der es sich auch ganz ausdrücklich positioniert, findet sich ein Kapitel über die Perfektion des menschlichen Wesens (Dalālat al-ḥāʾirīn III:54). Diese Perfektion, nämlich der Seelenaufstieg, wird durch die strikte Befolgung des jüdischen Gesetzes (al-sharīʿah al-ḥaqqah, Hebr. Ha-torah ha-amittit) gewährleistet, die dazu angelegt ist, herausragenden und überaus noblen Charakter herauszubilden. Maimonides’ Nachfahren nahmen die Schriften ihres Ahnherrn erst und entwickelten seine philosophischen (proto-mystischen) Erkenntnisse in vielerlei Hinsicht weiter und ergänzten sie um eine spirituell-mystische Dimension. Besonderes Aufmerksamkeit - und vielleicht liegt hier die eigentliche Herausforderung - ist die intime Verbindung zum Sufism, die man bereits bei Maimonides’ Sohn, Abraham Maimonides (1186-1237) belegt findet. In seinem mystischen Manual „Das, was den Gläubigen genügt“ (Kifāyat al-ʿābidin, Hebr. ha-maspiq le-ʿovdey ha-Shem) beschreibt er im Detail, wie der Suchende/Reisende (sālik) den Weg zu Wissen (ʿilm) und Erkenntnis (maʿrifah) beschreiten kann: Es expliziert die verschiedenen Stationen (maqāmāt) und Zustände (aḥwāl) auf dem Weg (ṭarīqah) zur Vervollkommnung, die letztlich in der Vereinigung mit Gott liegt. Auf Abraham Maimonides folgten ganze Generationen jüdischer Sufis nach, die uns mystische Werke hinterlassen haben: Die Abhandlung vom Wasserbecken (al-Maqālah al-ḥauḍīyah) des ʿObadyah Maimnides (1228-1265) und Der Führer zur Zweitlosigkeit und Anleitung zur Nichtkörperlichkeit (der Seele) (al-Murshid ilā l-tafarrud wa-l-murfid ilā l-tadjarrud) des David ben Joshua Maimonides (1135-1415). Die Spur des jüdischen Sufismus verliert sich erst zu Beginn des 15. Jahrhunderts mit dem letztgenannten Nachfahren des Moses Maimonides, der Kairo verlassen und sich in Damaskus einer islamsichen Sufibruderschaft angeschlossen haben soll. Obgleich die drei charakteristischen Werke des „jüdischen Sufismus“ schon längst in Editionen und Übersetzungen (ins Englische, Französische und Hebräische) vorliegen, so ist die spirituelle Erfahrungswelt, die in ihnen zum Ausdruck gebracht wird, in der Forschung bisher weitestgehend unbeachtet geblieben. Es ist daher ein dringliches Desiderat der Forschung die Geschichte des „jüdischen Sufismus“ und der damit verbundenen Erfahrungswelt zu schreiben und die intime Beziehung zwischen jüdischer und islamischer Erfahrung jenseits des bloßen Gesetzes nachzuzeichnen. Die hier vorgeschlagene Dissertation ist nicht nur für die Geschichtsschreibung der jüdischen Mystik bedeutsam, sondern vervollständigt auch das Bild vom islamischen Sufismus.