ZB Medizin :: med information

Klein aber fein - Zweigbibliothek Medizin ist eine 'Universitätsbibliothek im Kleinen'


Dr. Beate Tröger, Ltd. Bibliotheksdirektorin
der Universitäts- und Landesbibliothek Münster

Die Westfälische Wilhelms-Universität Münster hat eine außerordentlich vielfältige Bibliothekslandschaft mit einem komplexen System vieler kleiner Institutsbibliotheken und einer großen Universitätsbibliothek. Durch die Zusammenlegung von Institutsbibliotheken zu zentralen Fachbereichsbibliotheken konnten Effizienz, Wirtschaftlichkeit und Benutzerfreundlichkeit dieses Systems weiter gesteigert werden. Solche Bündelung von Sach- und Personal-Ressourcen war gerade in der Medizin jahrzehntelang ein großes Desiderat; entsprechend Planungen reichen zurück bis in die siebziger Jahre. 1993 wurde die Zweigbibliothek Medizin ins Leben gerufen (nach den Zweigbibliotheken Sozialwissenschaften und Chemie war es die dritte Institutionalisierung dieser Art; später folgten das Haus der Niederlande und die ZB Physik) – mit dieser Gründung der ZB Med konnte so ein großer Schritt zu einer optimalen Informationsversorgung der Medizinischen Fakultät getan werden.
Die ZB Med ist eine 'Universitätsbibliothek im Kleinen': Sie besitzt eigene Abteilungen für Erwerbung, Katalogisierung, Beschaffung, Buchbearbeitung, Buchhaltung, Haus- und Medientechnik. Sie betreut 30 Instituts- und Klinikbibliotheken, schult im Jahr 1.000 Personen und gibt 20.000 Auskünfte. Die von ihr angebotenen Dienstleistungen sind sehr vielfältig: Medizinische Literaturrecherchen, Ermittlung von Impact-Faktoren, Ausleihe von Büchern, AV-Materialien und CD-ROMs, Online-Zeitschriften und Bücher, Quellen zur Evidenz-basierten Medizin, Beschaffung von nicht am Ort vorhandener Literatur, subito-Expresslieferung von Aufsätzen, Bereitstellung von Internet-Arbeitsplätzen und Gruppenarbeitsräumen, Doktoranden-Sprechstunden für Literatursuche, Beratung, Recherchen, Auskünfte, Schulungen, PDA-Unterstützung und das Angebot eines Online-Zugangs via Wireless LAN.
Das Internet hat es der Bibliothek ermöglicht, die Serviceleistungen und hier insbesondere die elektronischen Zeitschriften zum Schreibtisch der Nutzerinnen und Nutzer zu bringen und dadurch die Vermittlung von Inhalten und Information weiter zu verbessern. Durch hartnäckige Verhandlungen und eine geschickte Einkaufspolitik hat die ZB Med das vollständigste Angebot an digitalen Zeitschriften in Nordrhein-Westfalen, das Angebot an digitalen Büchern ist gar das größte in Deutschland.

Zeitschriftenkrise

Die e-Journals brachten aber leider nicht nur Vorteile mit sich, sondern waren für viele Verleger ein willkommener Anlass zu erheblichen Preissteigerungen mit großen Auswirkungen auf die Literaturversorgung: Zeitschriften spielen in der Medizin eine überragende Rolle in Forschung und Krankenversorgung - über 80% des ZB Med-Etats werden alleine für dieses Medium ausgegeben. Durch jährliche Evaluationen und Umfragen bei der Fakultät kann die ZB Med schnell und flexibel auf einen veränderten Zeitschriftenbedarf reagieren. Wird der Etat aber nicht an die Preissteigerung angepasst, ist die Bibliothek gezwungen, jedes Jahr weitere Titel abzubestellen – zusätzliche Abonnements für Berufungen oder neue Forschungsgebiete sind dann nicht möglich. In vielen Fällen können die Forscher noch nicht einmal auf die Artikel zugreifen, die an ihrer eigenen Fakultät publiziert wurden. Die paradoxe Situation, dass die Erkenntnis, die an den Universitäten produziert wird, später in denselben Universitäten hochpreisig wieder eingekauft werden muss, hat zu dem Erstarken der Open Access-Zeitschriften geführt. Diese sind frei zugänglich, da die Publikationskosten von den Autoren bzw. deren Institutionen getragen werden. Erste Studien zeigen, dass diese Titel aufgrund ihrer freien Zugänglichkeit häufiger gelesen und zitiert werden. Kommerzielle Verlage spüren langsam den kommerziellen Druck, den die 'Open Access Initiative' auch an der Börse ausgelöst hat und reagieren mit veränderten Copyright-Bestimmungen. Elsevier z.B. hat kürzlich seinen Autoren erlaubt, ihre Publikationen selber ins Internet zu stellen oder auf Hochschulschriftenservern zu archivieren.
Die Universitätsbibliothek stellt mit dem digitalen Universitätsarchiv MIAMI die dafür notwendige Infrastruktur bereits seit längerem zur Verfügung (http://miami.uni-muenster.de). Ein digitaler Universitätsverlag soll dies weiter ausbauen.

Die kürzlich erworbene Mitgliedschaft im Open Access Konsortium Biomed Central erlaubt es Autorinnen und Autoren der Münsteraner Medizinischen Fakultät, kostenfrei in BMC-Zeitschriften zu publizieren – ein weiterer Fortschritt für Open Access und gegen überteuerte Zeitschriften. Leider kann die Bibliothek durch Open Access mittelfristig keinen einzigen Cent einsparen. Im Gegenteil - die kommerziellen Zeitschriften erscheinen weiter und müssen abonniert werden. Irgendwann kehren sich die bislang sehr positiven Auswirkungen der durch die Gründung der ZB Med erreichten Ressourcenbündelung um: Das Einfrieren des Etats der Zweigbibliothek Medizin führt unter Umständen dazu, dass Institute und Kliniken wieder vermehrt Zeitschriften und Bücher anschaffen, weil der Zweigbibliothek die nötigen Mittel fehlen. Werden sich Forscher und Ärzte demnächst bei ihrer Literatursuche wieder auf den langwierigen Weg von Instituts- zu Institutsbibliothek machen müssen?

Bringbibliothek

Die Universitätsbibliothek hat das Ziel, sich kontinuierlich von einer traditionellen 'Holbibliothek' zu einer modernen 'Bringbibliothek' weiterzuentwickeln. Die Bündelung der verschiedenen Datenbanken und Kataloge in einem gemeinsamen Portal und die Verfeinerung der elektronischen Dienste in enger Kooperation mit dem Zentrum für Informationsverarbeitung und der Universitätsverwaltung ist dabei besonders wichtig – gepaart mit der Individualisierung der bibliothekarischen Dienstleistungen durch die elektronischen Medien, um noch genauer auf die Bedürfnisse einzelner und der unterschiedlichen Nutzergruppen reagieren zu können.
In der Medizin ist der elektronische Umbruch bereits weiter fortgeschritten als in anderen Fachgebieten. Die ZB Med bietet 93% aller Zeitschriften über das Universitätsnetz an; Online-Bücher und Personal Digital Assistants bringen die Informationen noch näher zum Kunden; subito ermöglicht die Expresslieferung von Zeitschriftenartikeln und Buchkapiteln.
Diese erfolgreiche Arbeit wurde durch zwei Hochschulrankings in 2003 und 2004 bestätigt: Bei einer 2003 vom 'Stern' und dem Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) durchgeführten Umfrage unter Studierenden erzielte die Zweigbibliothek Medizin die Bestnote in Deutschland. Damit konnte sie sich gegen 36 Hochschulen aus dem gesamten Bundesgebiet durchsetzen. Bei einer bundesweiten Befragung von 5.000 Humanmedizin-Absolventen, die sich gerade approbiert hatten, belegte die Bibliothek im Juni 2004 den zweiten Platz hinter der Deutschen Zentralbibliothek für Medizin in Köln.

Im Bibliothekssystem der Uni

Die ZB Med ist integraler Bestandteil des Bibliothekssystems der Hochschule und profitiert entsprechend von allen Serviceangeboten der Universitätsbibliothek wie etwa dem OPAC, LOTSE, MIAMI, der Fernleihdienste oder der gesamten EDV-Struktur. Die von der Universitätsverwaltung zur Verfügung gestellten Lehrbuchmittel in Höhe von 40.000 Euro werden von der Universitätsbibliothek an die ZB Med weiterverteilt und ermöglichen den Aufbau einer angemessenen Lehrbuchsammlung. Nicht zuletzt werden aus Unibibliotheksmitteln fachübergreifende Datenbanken und Volltextmaterial bezahlt, die auch dem Fachbereich Medizin zugutekommen. •

Biographie

Frau Dr. Beate Tröger studierte Pädagogik, Philosophie, Germanistik und Kunstgeschichte. Sie schloss ihr Studium mit dem Staatsexamen 1990 ab. 1993 promovierte sie mit einer Dissertation zum Thema "Ich kenne einen Menschen, der mehr wollte: Untersuchungen zur Autobiographie Johann Heinrich Pestalozzis."

1993 bis 1995 absolvierte sie das Referendariat für das Wissenschaftliche Bibliothekswesen. Danach war sie an den Universitätsbibliotheken Dortmund und Essen tätig, bevor sie im Jahr 2000 als Stellvertretende Direktorin und Leiterin des Informationszentrums Bildung an das Deutsche Institut für Internationale Pädagogische Forschung (größtes Pädagogik-Fachinformationszentrum im deutschsprachigen Bereich mit vielfältigen Datenbankproduktionen und zwei wissenschaftlichen Spezialbibliotheken) in Frankfurt ging.

Frau Dr. Tröger hat im Mai 2004 die Nachfolge von Frau Dr. Roswitha Poll angetreten, die Ende Februar nach 17-jähriger Amtszeit in den Ruhestand getreten war.


 


Dieser Aufsatz ist erschienen in der Zeitschrift  med information.


 Diese Seite:  Seite drucken  Seite empfehlen  Seite kommentieren  © 2003-2004 ZB Medizin der ULB Münster :: Online-Redaktion 

 aktualisiert: 2004-09-16