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Dem PDA aus dem Wege gehen? - Irgendwann kriegen Sie dich doch!


Michael Schuyler, EDV-Systembibliothekar für das
Kitsap Regional Library System in Bremerton,
Washington, michael@schuyler.com

Frühanwender bereuen oft ihre voreilige Kauflust. Da ist z.B. meine Erfahrung mit dem Rocket eBook, das jetzt im Schrank vor sich hingammelt. Es zeigte sich, dass es tatsächlich mit seinen tönend angepriesenen Vorzügen keine Gemeinsamkeit besaß, und verschwand alsbald in der Versenkung. Folglich hatte ich keine besonders hohe Meinung von PDAs (Personal Digital Assistants), und ich weigerte mich, irgend etwas damit zu tun zu haben. Die Modelle, die ich mir angeschaut hatte, waren mit ihrem grau-auf-grau LCD-artigen Bildschirm nur schwer lesbar, und ich hatte einfach keine Lust, mich auf eine längerfristige Beziehung einzulassen.
Dann, an einem schönen Sommertag, geschah es, dass ich bei einem EBSCO-Stand bei der ALA (American Library Association) meine Visitenkarte in einen Verlosungskorb warf. Als wir gerade das Gebäude verlassen wollten, hielt mich jemand in der Halle an, um mir mitzuteilen, dass ich soeben einen PDA gewonnen hatte. Da ich sonst nie etwas gewinne, fiel es mir schwer, dran zu glauben, aber ein paar Wochen später traf das Gerät tatsächlich per Post ein: ein Palm IIIc. Sein größter Vorzug war der Farbbildschirm, auf dem tatsächlich etwas zu sehen war, und ich war von seiner Lesbarkeit sogar ziemlich beeindruckt. Es gab auch ein ganz nettes Patiencespiel, nur war das ganze Gerät noch ein bißchen zu sperrig, so dass ich es nie bei mir trug. Ich musste immerhin schon ständig ein Handy mitführen, und ohne einen Werkzeuggurt wäre es einfach zu viel der Geräte geworden. Auf einer Werft wäre so ein Gurt vielleicht noch angegangen, aber in einer Bibliothek war es ausgesprochen uncool.
Wieder einmal hatte es bei mir nicht angeschlagen. Dann aber, vor etwa anderthalb Jahren, wurde unsere Tochter Linnea vom Defense Language Institute in Monterey, California zu einem Fortbilddungskurs in Kommunikationswesen nach Texas versetzt. Damit war auch mein örtlicher, vorteilhafter AT&T Handy­-­Vertrag hinfällig. Da ich nun nicht mehr umsonst mir ihr telefonieren konnte, suchte ich nach einer neuen Möglichkeit.
Ich stieß auf ein Programm, das alle Bundesstaaten umfasste; die Mobiltelefonfirma Cingular vertrieb ein neuartiges Handy namens „Handspring Treo“. Das Auffälligste war daran, dass es auch die Funktion eines PalmPilot ausüben konnte, und dieselben Programme benutzte wie das IIIc. Jetzt gab es also ein Gerät mit zwei Funktionen, und damit war ich nun endlich zur Strecke gebracht. Wahrscheinlich trug noch zusätzlich dazu bei, dass mein Rolodex schon längst von Lotus Organizer verschluckt worden war, so dass ich es relativ leicht hatte, alle Kontakte und den Kalender auf das Treo rüberzuladen.
Rivkah Saas, eine Freundin aus Multnomah County, (Portland, Oregon), sagt über ihren PDA: „Diese Erfahrung hat mein Leben verändert.“ Heute könnte ich nicht mehr ohne dieses Ding leben. Es hat ein paar Jahre gebraucht, bis in meinem Leben diese kritische Masse erreicht war, wo einfach alles geschnackelt hat, und Ihnen wird es auch nicht anders gehen. Auch wenn Sie heute noch den Kopf schütteln, Sie werden sich mit der Zeit eins anschaffen, das noch mehr kann als das Meine. Es wird über noch mehr Funktionen verfügen, und Sie werden gar nicht mehr ohne es auskommen. Sie haben sich schließlich auch einen Mikrowellenherd angeschafft: die Möglichkeit, eine Kartoffel in sieben Minuten gar kochen zu können, lässt sich einfach nicht von der Hand weisen. Sie werden sich auch dem PDA nicht entziehen können, aber schaffen sie sich unbedingt einen Farbmonitor an.

Was kann ein PDA für Sie tun?

Jetzt schon kann er E-Mails empfangen und versenden, er kann im Internet surfen, SMS senden und empfangen, den Wetterbericht ausstellen, als GPS (Globales Positions System) funktionieren, das nächstgelegene mexikanische Restaurant herausfinden, mit ihrem OPAC in Verbindung treten, Sie anklingeln, wenn Ihre Börsenkurse in den Keller fallen, Ihre Flugreservierungen bestätigen, die Straßenmaut entrichten, Photos machen und als E-Mails verschicken, und all Ihre Bankgeschäfte abwickeln. Das alles kann er schon heute, das ist alles schon erfunden worden, funktionsfähig und auf dem Markt erhältlich.
Zukünftig wird Ihr PDA noch mehr können: er wir auch bei einem Raubüberfall die Polizei rufen können, und bei einem Polizeiüberfall Ihren Anwalt. Er wird Ihre gesamte Krankengeschichte speichern und Diagnosen Ihrer Wehwehchen abgeben können; er wird sich erst nach Identifikation durch Daumenabdruck einschalten lassen, er wird Ihre Rede (einschließlich Ihrer Telefonate) in alle gängigen Sprachen übersetzen, alles Gesprochene (oder auch Straßenschilder) ins Englische oder jede beliebig von Ihnen gewählte Sprache übersetzen, und er wird in allen Belangen, womit die Umwelt an Sie herantritt, zur Strategie der ersten Wahl avancieren.
Man wird sich dann nicht mehr mit Graffitischrift oder mit dem Schreiben auf einem winzigen Textfeld abgeben müssen. Man spricht einfach mit dem Ding, und er antwortet einem darauf. Man kann sich eine Persönlichkeit nach Wahl einrichten, man kann wählen, wieviel Humor oder Sarkasmus man verträgt (zumindest bis er seine Wahl selber getroffen hat), und man wird das Haus gar nicht mehr verlassen wollen, ohne ihn bei sich zu haben. Das wird auch kein Problem sein, weil er wie ein Hörgerät im Ohr, oder wie eine Armbanduhr am Arm getragen wird. Und das ist nur die erste Version des Geräts, in der zweiten nämlich wird er von einem Piercing nicht mehr zu unterscheiden sein.
Ja, ich weiß, Sie schütteln jetzt den Kopf und denken sich, dieser Typ hat sie wohl nicht mehr alle. Darauf antworte ich Ihnen, das stimmt, aber nur noch ungefähr für die nächsten zwei Jahre. Zur Hälfte gibt es dieses Teil nämlich schon, obwohl noch nicht ganz in spruchreifer Form, und zur Hälfte befindet sich dieses futuristische Programm noch auf dem Reißbrett. Bis Weihnachten 2004 können Sie das sicher alles schon bei amazon.com mit einer 1-Click-Bestellung anschaffen, womöglich mit Ausnahme der Persönlichkeitswahl. Schauen Sie mal wieder vorbei; wenn es mich bis dahin noch geben sollte, werden Sie’s schon erleben. Und wenn Sie vorher mal einen Blick drauf werfen wollen, schauen Sie sich http://www.pdabuzz.com an.

Der Alptraum der Planung

Bei Ihnen geht es wahrscheinlich auch nicht anders zu als hier bei uns – dauernd finden irgendwelche Meetings statt. Regelmäßig müssen sich alle möglichen Teams und Gruppen treffen, oft genug um zu besprechen, was andere Teams bereits besprochen haben. Es gibt so viele Meetings, dass wir schon zwei weitere Konferenzzimmer angebaut haben, und die sind immer besetzt. Für den Belegungsplan haben wir folgende Übereinkunft getroffen: Ein Eintrag mit Tinte gilt, aber ein Bleistifteintrag hat nichts zu sagen! Und sollte da etwa ein Fragezeichen stehen, na ja, das ist nur Spielerei.
So, und was geschieht am Ende jeder Konferenz in der letzten halben Stunde? Alle Teilnehmer ziehen ihren Terminkalender aus der Tasche und bemühen sich, einen Tag für das nächste Meeting zu vereinbaren. Dann muss man noch warten, bis die, die leider ihren Terminkalender auf ihrem Schreibtisch haben liegenlassen, diesen holen gegangen sind, und dann kommt das Unvermeidliche: „An dem und dem Tag kann ich nicht, weil..“, oder „Was wäre mit jenem Tag? ...ach, nein, das geht bei mir leider auch nicht, aber..“, bis sich schließlich alle irgendwie geeinigt haben. Aber selbst, wenn man die ganze Planerei per E-Mail veranstaltet, passiert dasselbe Schlamassel, ein zig-faches Hin und Her. Meistens warte ich einfach ab, bis es sich ausgependelt hat, ohne etwas zu dem Durcheinander beizutragen, denn sobald ich etwas hinschreibe, hat es sich auch schon wieder geändert, und dann habe ich plötzlich zwei Daten im Kopf, und Verwirrung setzt bei mir ein. Außerdem habe ich gar keinen Terminkalender, alles befindet sich in meinem Computer im Lotus Organizer. Mein technologisch höchst fortschrittliches Terminplanungssystem wird von Post-it Notes unterstützt. Ich bemühe mich einfach, meine Termine an die aller anderen Teilnehmer anzupassen. Außerdem bin ich den ganzen Januar über nicht da, ohne E-Mail Erreichbarkeit, ich empfehle mich.
Ok, dann kam also ein Vorschlag, „Wieso versuchen wir nicht bei der Terminvereinbarung PDAs einzusetzen?“ Natürlich müssen Sie dabei bedenken, dass es nicht die Hardware ist, die Termine für Sie ausmacht, sondern dass es dafür eine Software gibt, die alle ungefüllten „Löcher“ für Sie findet, und in diesen Stunden ein Meeting einrichtet, ob Ihnen dies gerade passt oder nicht. Aber der PDA ist schließlich nur ein ganz kleines Geschöpf, einem Terminkalender nicht unähnlich. Auf jedem Fall kaufte ich mit meiner inzwischen erworbenen PDA-Kenntnis ein Dutzend Palms m505 ein, ganz im Vertrauen auf meine Theorie, dass ein Farbmonitor es einem ermöglicht auch etwas darauf zu erkennen, und außerdem kaufte ich ein Dutzend Mal das Programm Organizer und bat dann um Freiwillige.
Die PDAs gingen innerhalb eines Tages weg wie warme Semmeln. Dann wurden alle verkabelt, wir verpassten ihnen per E-Mail sehr elementare Kenntnisse und die Hausaufgabe, das Palm-Alphabet zu üben. Dies unterscheidet sich nämlich ein wenig vom Alltagsenglisch, indem z.B. das „A“ keinen Querbalken und das „X“ eine sehr merkwürdige Form hat. Aber man gewöhnt sich ziemlich schnell daran, und ich ziehe diese Graffiti-Schrift der Alternative bei weitem vor: Einer winzigen Tastatur, wie sie bei einigen Ausgaben von Treo vorkommt.
Was dann passierte, war sehr interessant. Ungefähr die Hälfte aller Teilnehmer gewöhnte sich an Palm, die andere Hälfte tat es nicht. Es gab kein Mittelding. Entweder sagten sie: „Schafft mir sofort dieses scheußliche Zeug vom Bildschirm!“ oder sie warfen einen verklärten Blick zum Himmel und riefen: „Dieses Erlebnis wird mein ganzes Leben verändern!“
Den größten Erfolg hatte das PDA bei Leif, unserem Leiter des Wartungsteams, der nun seine gesamten Adressen und all seine Termine auf dem Palm speichert. Er löchert mich, dass ich ihm auch E-Mail auf seinem Palm installiere, und er hat es sogar geschafft, sich Tabellen und Word Dokumente darauf zu laden. Wenn ich gefragt werde, wie man eine bestimmte Aufgabe mit Hilfe eines Palms löst, schicke ich ihn einfach zu Leif. Er ist der echte Spezialist geworden.
Es gibt bei uns etwa drei Abteilungsleiter, die diese PDAs über alles loben. Unser Direktor und Carol bemühen sich weiterhin unverdrossen darum. Unser armer Fernando: Wir gaben ihn seiner Assistentin Linda in die Hand, die ihn mit schadenfrohem Grinsen an sich nahm. Aber er wird schon noch darauf zurückkommen, es ist nur eine Frage der Zeit. Vielleicht funktioniert bei ihm ja auch der Trick mit dem Handy, der mich schließlich auch rumgekriegt hat.
Bei unseren Meetings spalten sich die Teilnehmer nun in zwei Lager: diejenigen, die ihre PDAs dabei haben, und die, die abtrünnig geworden sind. Letztere tauchen dann mit ihren Terminkalendern auf und brüsten sich, wie schnell und zuverlässig sie damit umgehen können. Ich habe dafür vollstes Verständnis, denn früher in der Schule habe ich genau dasselbe getan, als alle in meiner Klasse einen Taschenrechner benutzten, nur ich nicht. Aber ich glaube, die Anhänger des Terminkalenders wollen sich nur selber Mut machen. Es zeichnet sich schon ganz deutlich ab, wie die Zukunft aussehen wird. Deshalb, wenn Robin wieder mal davon anfängt, wie zweckdienlich ihr Terminkalender doch ist, erkläre ich ihr schlechterdings, dass ich auch ganz gut im laut-Vorrechnen bin, und dass sie mit ihrer Angeberei doch bitte aufhören soll. Wir brauchen noch immer eine halbe Stunde, um unsere Terminplanerei zu bewerkstelligen, aber es macht jetzt viel mehr Spaß...

[Mit freundlicher Genehmigung aus Computers in Libraries 23(3):32 (2003) “The View from the Top Left Corner: PDA Avoidance: They’ll Get You Eventually!”]


 


Dieser Aufsatz ist erschienen in der Zeitschrift  med information.


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 aktualisiert: 2004-09-16