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Große Offenheit und Neugier - Auswertung der Thieme-Umfrage


In einem gemeinsamen Projekt mit dem Georg Thieme Verlag hat die Zweigbibliothek Medizin vom 1.1. bis 31.7.2003 exklusiv 24 Thieme-Publikationen angeboten, darunter z.B. Thieme Collect, Thiemes Innere Medizin, Duale Reihe Pädiatrie, EKG-Trainer und zahlreiche Checklisten.

Fragebogen
Da dies der erste große Test von elektronischen Büchern in Deutschland darstellte, wurde zu Beginn des Projekts die Meinung und Informationsbedürfnisse der Benutzer anhand eines Fragebogens untersucht. Neben allgemeinen Fragen zur Benutzung des Internets und der Zweigbibliothek Medizin wurde gezielt nach dem Lern- und Ausleihverhalten gefragt. Besonders bedeutsam war die Frage nach den gewünschten Fähigkeiten eines Online-Lehrbuchs. Mit einem zweiten Fragebogen wird zum Ende des Projekts die Zufriedenheit mit dem Angebot sowie die Art und Weise der Nutzung evaluiert. Aber zunächst zu den Ergebnissen des ersten:

"Ich erhoffe mir neben dem Lernen aus einem Online-Buch, kurz und vor allem im richtigen Kontext eine präzise Antwort zu finden"

Resultat
92 Antworten konnten ausgewertet werden. Hauptsächlich Medizinstudenten (61%) und Wissenschaftler des Fachbereichs Medizin (30%) haben den Fragebogen ausgefüllt, aber auch Studenten und Wissenschaftler nicht medizinischer Fachbereiche und Nichthochschulangehörige (9%). Das Alter der Befragten betrug durchschnittlich 29 Jahre (der jüngste war 19, der älteste 60 Jahre alt). Die Interneterfahrungen waren sehr heterogen: Sie reichten von 1 bis zu 20 Jahren (im Durchschnitt 6 Jahre).

Nutzung der Bibliothek
Es wurde zuerst nach der Nutzungsintensität der Medizinbibliothek vor Ort sowie der Bibliothekshomepage gefragt. Bei den Antworten fiel auf, dass die elektronische Bibliothek intensiver genutzt wird als die Bibliothek vor Ort: Nur 4% der Befragten kamen jeden Tag in die Bibliothek, dagegen riefen 15% tagtäglich die Bibliothekshomepage auf. Wie erwartet waren hier große Unterschiede zwischen den Nutzergruppen zu finden: Während nur 5% der Studierenden täglich die Homepage aufsuchten und 32% mehrmals die Woche oder öfter, waren die Wissenschaftler mit 36% resp. 82% wesentlich "Internet-aktiver."
Studierende sind umgekehrt "Bibliothek-aktiver": 7% besuchten täglich die Bibliothek vor Ort und 40% mehrmals die Woche oder öfter (von den Wissenschaftlern waren dies nur 7%). Immerhin 60% der Wissenschaftler gingen höchstens einmal im Monat zur Bibliothek und 21% überhaupt nicht. Dies entspricht tendenziell den Ergebnissen der INFAS-Studie 2001. Innerhalb der 1½ Jahre, die seitdem vergangen sind, hat sich jedoch eins geändert: Die Nutzung der Bibliotheksressourcen über das Internet hat sich sowohl bei den Studierenden als auch bei den Wissenschaftlern deutlich verstärkt. Hatte früher jeder neunte Wissenschaftler die Bibliothekshomepage nur einmal im Monat genutzt oder seltener, so nutzten nun alle dieses Portal mindestens mehrmals im Monat. Bei den Studierenden war die Entwicklung noch drastischer: Die 46%, die früher die Online-Dienstleistungen der Bibliothek selten oder gar nicht benutzt hatten, waren dahingeschmolzen wie Schnee in der Frühlingssonne: In dieser Umfrage gab nur noch jeder 25. an, die Bibliothekshomepage so selten zu nutzen.

Nutzungsgründe
Medizinstudenten nutzten die Bibliothek mit Abstand am häufigsten für Lehrbücher (Abb. 1). Fast zwei Drittel (64%) ihrer Tätigkeit in der Bibliothek war der Ausleihe und Rückgabe von Büchern gewidmet. Mit großem Abstand folgte das Arbeiten und Lernen (22%), die Literatursuche (14%), die Nutzung der Bibliotheksrechner für Internetrecherchen oder E-Mails, die Aufgabe von Fernleihbestellungen (9%), sowie die Erstellung von Kopien (8%). Vier Studenten gaben an, die Bibliothek auch zum Zeitschriftenstudium zu nutzen, je einer für die Thieme-Onlinebücher / Salerno sowie für Beratungszwecke.

Lernstoff
Die übergroße Mehrheit (87%) lernte traditionell, sie erarbeitete sich den Lernstoff durch ein gedrucktes Lehrbuch. Hierbei gab es keine Unterschiede zwischen Studenten, Wissenschaftlern und Sonstigen. Von diesen 87% benutzten drei Viertel noch weitere Quellen, lediglich ein Viertel vertraute sich ganz allein dem Buch an.

Quellen für Lehrbücher
Die wichtigste Quelle für Lehrbücher war für Studenten die Bibliothek (39%), gefolgt vom Neukauf (35%). 12% der Lehrbücher wurden gebraucht gekauft und weitere 7% von Freunden ausgeliehen (Abb. 2). Damit hielt sich die vorübergehende Inbesitznahme durch Leihen (46%) mit dem Kauf (47%) genau die Waage. Lehrbücher als Geschenk (8%) oder aus sonstigen Quellen (3%) schienen nicht der Hit gewesen zu sein, vielleicht weil Prüfungen selten bis Weihnachten warteten. Drei nannten Institutsbliotheken als Quelle.


Wissenschaftler haben in der Regel genug finanzielle Mittel, um sich selber die Bücher zu kaufen (66%), doch immerhin jeder Fünfte entlieh Lehrbücher in der Zweigbibliothek Medizin. Die übrigen Nutzungsfälle machten zusammen nur 15% aus.

Zufriedenheit mit Lehrbüchern
Am zufriedensten waren Studenten und Wissenschaftler mit der Einfachheit der Ausleihe (1,4 bzw. 1,6), gefolgt von ihrer Dauer (2,0 bzw. 2,1). Mit der Qualität, dem Zustand und der Sauberkeit (2,5 bzw. 2,0) sowie der Verfügbarkeit der Bücher (2,4 bzw. 2,0) waren Wissenschaftler zufriedener als die Studenten, die vielleicht öfters auch auf Altauflagen zugreifen müssen.

Online-Lehrbücher
Die Neugier bzw. Offenheit für e-Books ist überwältigend: 92% der Befragten würden gerne ein Online-Lehrbuch benutzen, nur 8% würden darauf verzichten. Auf die Frage „Würden Sie auch die online-Version eines Buches, das Ihnen bereits zur Verfügung steht, ergänzend mitbenutzen?“ antworteten immerhin 82% mit „Ja“. Die spannende Frage lautet nun: Was finden Lernende in Online-Büchern, was ihnen gedruckte Bücher nicht geben können? Die Nachschlage- und Suchfunktion? Die Möglichkeit des Ausdrucks, Downloads und der Weiterverarbeitung (zu mikroskopisch kleinen Spickzetteln)? Keine Rückgabefrist im Nacken zu haben (obwohl die Zufriedenheit mit der Ausleihdauer stolze 1,96 betrug)?

Notwendige Features
Sowohl Wissenschaftlern wie Studenten war es wichtig, welche Fähigkeiten ein Online-Buch haben sollte. Sie unterschieden sich interessanterweise nicht im Muster ihrer Wünsche, sondern lediglich in der Intensität: Wissenschaftler war es durchschnittlich um eine fünftel Note wichtiger, welche Merkmale ein Online-Buch aufweisen sollte (Abb. 3).


Erstaunlicherweise waren Layout und die Angabe von Internetquellen den Antwortenden am unwichtigsten. Der Link zum Volltext von Referenzen, große, eventuell farbige Grafiken und Tabellen sowie der Wegfall von Mahngebühren waren etwas wichtiger, wurden aber ebenfalls als nicht so notwendig angesehen wie die übrigen Funktionen. Die intensive Verlinkung / Nachschlage- und Wörterbuchfunktion, die ständige Aktualisierung, die Vollständigkeit des Angebots (unter dem Motto: ein Online-Lehrbuch alleine reicht nicht aus), die Volltextsuche und ständige Verfügbarkeit rund um die Uhr wurden mit je 1,5-1,6 als sehr wichtig angesehen. Die beiden am dringendsten desiderierten Funktionen waren jedoch mit 1,2-1,3 die Schnelligkeit des Zugriffs und die Übersichtlichkeit des Angebots / gute Navigation.

Kommentare
Auf die Frage, „Was für Erwartungen haben Sie an eine Online-Bibliothek?“, machten sich 90 der 92 Antwortenden die Mühe teils ausführliche Kommentare abzugeben. Dies zeigt das übergroße Interesse der Antwortenden an diesem neuen Medium.
35-mal wurde die Vollständigkeit der Online-Library angemahnt, 26-mal ihre Aktualität, 23-mal die Verfügbarkeit rund um die Uhr und dies auch von Nicht-Bibliotheksrechnern. 13-mal wurde Schnelligkeit desideriert, 12-mal Einfachheit und gute Strukturierung, 11-mal eine Suchfunktion und 9-mal die Möglichkeit, Seiten herunterladen oder ausdrucken zukönnen.

Benutzung
Innerhalb weniger Tage nach Projektbeginn wurde auf die Online-Bücher bereits sehr gut zugegriffen. Die Zahl der Aufrufe der einzelnen Buchseiten wurde durch die Seitenzahl des kompletten Werks geteilt, um die Nutzungsfrequenz mit der Printnutzung (=Ausleihe) vergleichen zu können. Bei den sieben herausgegriffenen Titeln stellte die Printnutzung eine lineare Abhängigkeit der Exemplarzahl dar. Je mehr Exemplare eines Lehrbuches vorhanden waren, desto häufiger wurde dieses ausgeliehen (Abb. 4).

Die Checkliste Chirurgie stand in 16 Kopien zur Verfügung und wurde 141-mal ausgeliehen, während die Checkliste Notfallmedizin mit drei Exemplaren nur 14-mal benutzt wurde. Ganz anders verhält es sich mit den Online-Büchern. Da diese sozusagen in unbegrenzter Zahl zur Verfügung standen, war die Nutzung nur noch vom Bedarf abhängig. Es zeigte sich, dass es keine ausgesprochenen Hits oder Nieten gab - die Nutzung verteilte sich vielmehr recht gleichmäßig. Dies galt auch für diejenigen Titel, die gar nicht in Print vorhanden waren.
Im Gegensatz zu anderen Anbietern von Online-Büchern waren die Zugriffsraten der Thieme-Texte um Größenordnungen besser. Während z.B. auf Wiley-, Lippincott oder McGraw Hill-Titel durchschnittlich nur einmal im Monat oder seltener zugegriffen wurde, wurden einzelne Thieme-Titel hundertmal oder öfter benutzt. Es kann wohl vermutet werden, dass die Sprache eine ausschlaggebende Rolle bei der Nutzung spielte. • Ob


 


Dieser Aufsatz ist erschienen in der Zeitschrift  med information.


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 aktualisiert: 2004-09-16