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Haste mal 10 Cent ... für’n Nature-Review?


Evaluierung der e-Journal-Pakete zeigt große Differenzen zwischen den Verlagen

Die Schere zwischen Bibliotheksetat und Zeitschriftenpreisen klafft immer stärker auseinander.

Das letzte Mal ...
... wurde das Budget der ZB Medizin vor drei Jahren erhöht - um 4%. Während in der Folge die Zeitschriftenpreise um 65% stiegen, wurde das Budget eingefroren (s. Abb. oben). Durch eine geschickte Einkaufspolitik hat es die Bibliothek in all den Jahren verstanden, den Zeitschriftenbestand auf einem hohen Niveau zu halten und bedarfsorientiert auszubauen. Das Ende der Fahnenstange kündigte sich im letzten Jahr an, als nur kurzfristige Dekanatsmittel einen deutlichen Zeitschriftenabbau verhindern konnten.
Dies geht in diesem Jahr nicht mehr. Aufgrund der diesjährigen Kürzungen im Etat Forschung und Lehre ist die Fakultät nun gezwungen massiv Zeitschriften aus dem Bibliotheksbestand zu streichen. 200.000 € oder ein Drittel des gesamten Zeitschriftenbestands stehen zur Disposition. Die Bibliothek hat bereits mit der Kündigung von dubletten oder selten benutzten Datenbanken wie Medline, Embase und Amed, von Print-Abos von online vorhandenen Titeln wie Nature und Cell sowie Beschränkungen beim Buchkauf 42.000 € eingespart. Neben gezielten Stornierungen in Absprache mit den Betroffenen müssen nun auch ganze Verlagspakete auf den Prüfstand. Dies ist sehr schmerzhaft, weil mit einem Schlag gleich mehrere hundert Titel wegfallen. Wenn man überhaupt noch Titel zum Abbestellen finden will, ist es jedoch absolut notwendig, da 83% der Zeitschriften durch Paketverträge gebunden sind. Dabei soll die Bibliothek weiterhin der zentrale Literatur- und Informationsversorger der Fakultät bleiben.

200.000 € oder ein Drittel des gesamten Zeitschriftenbestands stehen zur Disposition.

Zeitschriften im Paket

Nichts verkaufen Verlage lieber als ihr gesamtes Sortiment im Paket. Alle Zeitschriften zum Schleuderpreis heißt die Devise und von manchen Verlagen ist gar zu hören: Wenn du nicht alles kaufst, dann bekommst du gar nichts. Verlage haben in der elektronischen Welt mehr Einflussmöglichkeiten auf die Kaufentscheidungen von Bibliotheken und versuchen auf diese Art und Weise auch ihre Ladenhüter loszuwerden. Es gibt Schätzungen, dass von den 1.500 Zeitschriften des Elsevier-Verlags nur die Hälfte einen Gewinn bringt. Die andere Hälfte hätte aus wirtschaftlichen Gründen eigentlich längst eingestellt werden müssen. Da dies jedoch nicht geschieht, können die Bibliotheken kein Geld einsparen.

Bei Paketverträgen gibt es im Wesentlichen zwei Modelle:
E-Lizenz: Die gedruckte Zeitschrift wird weiter abonniert und darf nicht abbestellt werden, weil sie als Basisgröße für die Berechnung der zusätzlichen Lizenzgebühr in Höhe von 10-35% dient (Blackwell, Elsevier, HHS, Karger, Kluwer, Springer, Wiley).
E-Only: Es wird nur die elektronische Version der Zeitschrift lizenziert, die gedruckte kann abbestellt werden (AP, LWW).

Insgesamt benutzen viele Verlage e-Journalpakete dazu, um Bibliotheken noch weiter in die Abhängigkeit zu treiben. Zum ersten Mal in der Geschichte werden Bibliotheken dafür bestraft, dass sie Zeitschriften abbestellen: Der Zugang zu allen Jahrgängen - auch zu den lizenzierten! - wird gesperrt und weitere Preiserhöhungen drohen.

Geldwert
Um die Informationsbedürfnisse unserer Benutzer optimal befriedigen zu können, muss die Bibliothek zu jedem Zeitpunkt, zu jeder Minute eine ökonomisch optimale Zeitschriftenkollektion vorhalten - insbesondere in Sparzeiten will jeder Euro möglichst effizient ausgegeben werden. Neben der zentralen Frage „Welche Zeitschriften benötigt die Medizinische Fakultät?“ drängt sich immer mehr die Frage in den Vordergrund: „Welche Zeitschrift ist ihr Geld wert und welche nicht?“ Die Beantwortung der ersten Frage geschieht durch jährliche Umfragen bei den geschäftsführenden Direktoren. Die Beantwortung der zweiten durch das Verhältnis von Preis und Nutzung einer Zeitschrift, d.h. wieviel jeder Artikel-Download aus dieser Zeitschrift kostet. Keine solide Statistik - keine solide Kaufentscheidung. Deshalb faßt die Bibliothek jede Zeitschrift, zu der es keine Nutzungsstatistik gibt, mittlerweile nur noch mit Glacehandschuhen an. Leider trifft dies momentan noch auf über 200 Titel zu.

Manche zählen doppelt, manche nur halb

Verlagsstatistik
Früher war es äußerst aufwändig und mühsam, die Benutzung der Bibliothekszeitschriften zu messen. Es wurden z.B. Zeitschriftenhefte akkurat und rechtsbündig in ihren Fächern angeordnet und jede Abweichung von dieser Ordnung als Nutzungsfall gezählt. Beliebt - weil unauffällig - war auch das Anbringen von Tesafilmlaschen in den Auslagefächern. Bei einer Benutzung des Heftes wurden die Laschen umgeknickt. Schnee von gestern denkt man angesichts der Logfiles von Verlagsservern, die jeden Download und jede IP-Adresse penibel aufzeichnen. Leider ist es nicht ganz so einfach: Manche Verlage zählen nur jeden zweiten Download und manche zählen alles doppelt: Versehentliche Doppel- und Dreifachklicks auf den Volltextbutton werden jeweils als vollständiger Download gewertet. Andere Verlage sind puritanischer und verwerfen Downloads, die zu kurz hintereinander erfolgen. Wobei „zu kurz“ eine Zeitspanne von bis zu 20 Minuten bedeuten kann...
Bei den Verlagen gibt es nicht nur diesen, sondern zahlreiche weitere Unterschiede - um nicht zu sagen Meßfehler -, was die Qualität der erhobenen Statistiken angeht. Die professionelleren Verlage liefern detaillierte Zahlen nicht nur für den Download von Volltexten, sondern auch für die Nutzung von Abstracts und Inhaltsverzeichnissen und unterscheiden eine Vielzahl von weiteren Publikationsformen. Die besten Statistiken werden von HighWire geliefert und enthalten Dauer und Art der Zugriffs-Sessions, besonders häufig aufgerufene Artikel (Hits), Gesamtzahl der anfragenden IP-Adressen und vieles mehr. Besonders wichtig ist – wie schon oben erwähnt - der Unterschied zwischen „total access“, der jeden versehentlichen Mausklick als Nutzung zählt und den „unique requests“ - echten, beabsichtigten Nutzungen. Letztere machen meist nur 30-50% des total access aus. Dies musste auch der Springer-Verlag schmerzlich erfahren. Innerhalb von nur einem Jahr sank die Nutzung von Springer-Titeln um die Hälfte. Grund war nicht ein geringerer Bedarf, sondern die Änderung der Zählweise und Angleichung an internationalen Standards im Sinne von unique requests vs. total access. Dies ist natürlich auch wirtschaftlich brisant, denn Verlage weisen nicht nur gerne steigende Börsenkurse aus, sondern auch steigende Zugriffsraten ihrer Produkte.

Wenn du nicht alles kaufst, bekommst du gar nichts


Ein großer Vorteil von Konsortien liegt darin, dass man so an Benutzungsstatistiken herankommt. Für eine einzelne Bibliothek machen sich die Verlage nicht die Mühe. 83% aller Online-Zeitschriften erhalten wir über Konsortial- oder Paketverträge, lediglich jeder sechste Titel wird einzeln lizenziert. Ob überhaupt Statistiken an die Bibliothek geliefert werden, ist von Verlag zu Verlag unterschiedlich. So bekommt die Bibliothek nur von der Hälfte der einzeln lizenzierten Zeitschriften Zugriffsstatistiken, während dies bei 10 von 11 Paketverträgen der Fall ist.

The Digital Divide
Der Vergleich zwischen den einzelnen Anbietern zeigt deutliche Unterschiede im Kosten/Nutzenverhältnis. Bei der Kalkulation dieses Effizienzkriteriums fällt auf, dass es offensichtlich drei Gruppen von Verlagen gibt: Zu der ‚preiswertesten’ Gruppe, deren Artikel pro Benutzung durchschnittlich 0,38 bis 1,08 € kosten, zählen insbesondere die Verleger hochwertiger „Marken“ wie Cell Press und Nature Publishing. Hinzu kommen aber auch die stark benutzten, weil deutschsprachigen Titel von Springer und die HighWire-Titel. Letzere fallen allerdings aus der Reihe, weil es sich um einzeln lizenzierte Zeitschriften und keinen Paketvertrag handelt (s. Tabelle unten).

Verlagspaket

Art

Form

Gesamt-Preis

Zahl
der
Titel

Davon zusδtzliche Titel

Preis pro Titel

Artikel-nutzung

Preis pro Artikel

Beispiel-
Zeitschrift

Nature Publ.
Group

GASCO

e-only

11.381 €

15

-

759 €

29.635

0,38 €

Nature

HighWire

Mόnster

e-Lizenz

80.374 €

101

-

796 €

144.891

0,55 €

Journal of Biological Chemistry, PNAS

Cell Press

Mόnster

e-only

5.260 €

6

-

877 €

5.334

0,99 €

Cell, Neuron

Springer

NRW

e-Lizenz

38.061 €

250

205

152 €

35.118

1,08 €

Der Chirurg

Wiley

NRW

e-Lizenz

44.132 €

110

92

401 €

28.359

1,56 €

Cancer

Harcourt Health Sciences

Mόnster

e-Lizenz

3.886 €

63

45

62 €

6.030

0,64 €

European Heart Journal

Karger

FAK

e-Lizenz

16.067 €

78

61

206 €

9.292

1,73 €

Nephron

Elsevier

Mόnster

e-Lizenz

74.526 €

131

63

569 €

31.367

2,37 €

BBA, Brain Research

Academic
Press

Mόnster

e-only

58.932 €

95

76

620 €

16.692

3,53 €

Journal of Molecular Biology

Blackwell

FAK

e-Lizenz

44.379 €

245

203

181 €

10.373

4,28 €

Kidney international

Lippincott
W & W

FAK

e-only

44.805 €

101

63

444 €

8.234

5,44 €

Circulation

Kluwer

NRW

e-Lizenz

1.962 €

169

166

12 €

n.d.

n.d.

Journal of neuro-oncology

Sonstige

Mόnster

e-Lizenz

115.234 €

731

-

158 €

n.d.

n.d.

BMJ, DMW, Oncogene

FAK: Friedrich-Althoff-Konsortium Berlin, GASCO: Germany Austria Switzerland Consortium, Münster: Kein Konsortium, eigener Vertrag, NRW: Konsortium Nordrhein-Westfalen

Paketverträge, die sich durch eine günstige e-Lizenzgebühr bei durchschnittlicher Benutzung auszeichnen (Elsevier, HHS, Karger, Wiley), bilden die zweite Gruppe mit Nutzungskosten von 1,56 bis 2,37 €.
Die Zeitschriften der dritten Gruppe wurden entweder weniger stark benutzt oder waren unverhältnismäßig teuer oder beides. Sie kosteten pro Benutzung 3,53 bis 5,44 €. Sie sind damit durchschnittlich 5,7-mal teurer als die Titel der ersten Gruppe. Academic Press, Blackwell und Lippincott wären damit die ersten Abbestellkandidaten.

Hits: Die untenstehende Tabelle zeigt diejenigen Zeitschriften, die am wenigsten pro Benutzungsfall kosten. Diese Titel wurden auch schon in der Print-Form überaus stark benutzt und zählen zu den häufigsten Desideraten der Medizinischen Fakultät.

 

HIT-Titel

Preis

Benutzte Artikel

Preis pro Artikel

Paket

   1. 

Journal of biological chemistry

1.996 €

22071

0,09 €

Highwire

   2. 

Circulation

1.010 €

11158

0,09 €

Highwire

   3. 

BioTechniques

125 €

1252

0,10 €

-

   4. 

Der Onkologe

235 €

2069

0,11 €

Springer

   5. 

Der Anδsthesist

359 €

3115

0,11 €

Springer

  6. 

Der Internist

370 €

3000

0,12 €

Springer

   7. 

Blood

1.288 €

10191

0,12 €

Highwire

   8. 

Nature

2.016 €

14159

0,14 €

GASCO

   9. 

Stroke

538 €

3284

0,16 €

Highwire

10. 

PNAS

1.906 €

11246

0,16 €

Highwire

11. 

JAMA

533 €

3011

0,17 €

Highwire

12.

Der Chirurg

358 €

1490

0,24 €

Springer

 

Nieten: Im Gegensatz zu den Hits werden die Titel in der untenstehenden Tabelle viel zu selten benutzt, als dass sich ein Abonnement lohnen würde. Diese Titel können sehr viel kostengünstiger über Dokumentlieferdienste wie z.B. subito bereitgestellt werden.

NIETEN-Titel

Preis

Benutzte Artikel

Preis pro Artikel

Paket

Computerized medical imaging and graphics

1.664 €

1

1664 €

Elsevier

Rheologica acta

1.540 €

1

1540 €

Springer

Journal of human evolution

1.299 €

2

649 €

AP

Environmental toxicology and pharmacology

1.053 €

2

526 €

Elsevier

Computer Vision and Image Understanding

1.445 €

4

361 €

AP

Tuberculosis

688 €

2

344 €

HHS

Archives of oral biology

3.041 €

9

337 €

Elsevier

Journal of neuro-ophthalmology

655 €

2,4

273 €

-

Journal of phonetics

540 €

2

270 €

AP

International ophthalmology clinics

609 €

2,4

254 €

-

International journal of oral and maxillofacial surgery

1.315 €

6

219 €

-

Diabetes care

832 €

4

208 €

Highwire

Wirtschaftlichkeit vs. Bedarf
Benutzungsstatistiken liefern wichtige Daten für Kaufentscheidungen. Durch Abbestellungen von Einzeltiteln - wie in den vergangenen Jahren - lassen sich jedoch kaum noch Einsparungen erzielen. Die allermeisten Titel sind durch Paketverträge gebunden, d.h. sie können nicht so einfach abbestellt werden. Zunächst müssen die Verträge gekündigt werden, dann kann man abbestellen. Ein Neuabschluß ist danach jedoch nur mit schlechteren Konditionen zu erreichen - wenn der Verlag aufgrund der vielen Abbestellungen überhaupt noch einen Vertrag gewährt...
Angesichts der extrem schwierigen finanziellen Situation dieses Jahr erscheint es fast schon aberwitzig, dass Zeitschriften gewünscht und dann auch brav abonniert werden, die so wenig Nutzung finden und so hohe Kosten verursachen wie die in der obigen Tabelle. Die absolute Notwendigkeit, immer wieder die Wirtschaftlichkeit der eingekauften Zeitschriften zu evaluieren, wird dadurch eindrucksvoll bestätigt. Letztendlich muss sich die Bibliothek vorbehalten diese Titel zu kündigen, auch wenn sie weiterhin noch von Instituten oder Kliniken gewünscht werden sollten.

Wird subito verboten?

Ausblick
Die Preisnot bzw. der Kampf zwischen Verlagsmulits und Bibliotheken wird sich weiter verschärfen. Darauf deutet nicht nur die wachsende Kluft zwischen Preisen und Etat hin, sondern auch die Versuche kommerzieller Verleger, kooperative Nothilfemassnahmen wie subito oder die Fernleihe deutscher Bibliotheken auszuschalten, um ihr Monopol weiter auszubauen. Durch Klagen sollen Bibliotheken dazu gezwungen werden, Lizenzverträge für die Lieferung von Artikelkopien per E-Mail abzuschließen. Die Verträge sehen Lizenzgebühren von 30 € und mehr vor – der Tod jeder Fernleihe und jedes vernünftigen Zugangs zu Information. Der größte Lieferdienst der Welt, das British Library Document Supply Center, mußte bereits auf diese Forderungen eingehen. Werden deutsche Bibliotheken auch in die Knie gezwungen? Einige Verlage haben bereits mit einer Klage gegen subito gedroht.

 


 


Dieser Aufsatz ist erschienen in der Zeitschrift  med information.


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 aktualisiert: 2004-09-16