ZB Medizin :: med information

New England Jail of Medicine?


Der Begriff "remote access" weist heutzutage darauf hin, dass Dienstleistungen wie z.B. Zeitschriftenvolltexte ausserhalb der Bibliothek - remote - zugänglich sind. Wenn allerdings das Beispiel des New England Journal of Medicine (NEJM) Schule machen würde, könnte remote access bald bedeuten, dass man seinen Arbeitsplatz verlassen muß, um auf Zeitschriften zugreifen zu können. Diese wären dann nur noch remote zugänglich – in der fernen Bibliothek. NEJM hat eine Entwicklung fortgesetzt, die von der American Association for the Advancement of Science begonnen wurde: Aus Angst vor einem Einbruch der Subskriptionszahlen hat die AAAS die campusweite Zurverfügungstellung ihrer Zeitschrift Science durch überhöhte Preise quasi unmöglich gemacht. Ebenso wie Nature kostet ein uniweites Online-Abo von Science mehrere zigtausend Dollar.

Die Massachusetts Medical Society hat sich offensichtlich vorgenommen, diesen wissenschaftsfeindlichen Mißbrauch eines de-facto-Monopols noch zu übertreffen: Mit Wirkung vom 1. Oktober wurde die campusweite Zugänglichkeit von NEJM komplett eingestellt. Es gibt noch nicht einmal ein Angebot für eine Campuslizenz - die Nutzung von NEJM in der Universität wird damit faktisch verhindert. Stattdessen darf die Bibliothek für jedes Print-Abo 5 (!) Rechner freischalten. Wollte man – wie bei anderen eJournals üblich – die gesamte Uni freischalten, wären dazu tausende Abos nötig – jede Woche ein LKW voll.

Vom Standpunkt der Massachusetts Medical Society ist dieser einsame Schritt verständlich, denn sie finanziert sich aus den achtstelligen NEJM-Einnahmen*, vom Standpunkt der Autoren ist dies jedoch ein Schlag gegen die wissenschaftliche Information und Kommunikation. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die ehrenwerte Society die Autoren bzw. deren Artikel in eine Art Geiselhaft nimmt, um ihren Dukatenesel NEJM nicht zu verlieren. Dieser Schuß könnte allerdings nach hinten losgehen, denn wie unsere Studien zeigen, werden Zeitschriften, die nur noch gedruckt vorliegen, weniger gelesen und damit weniger zitiert. Sinkende Impact Faktoren und weltweit protestierende Wissenschaftler werden NEJM über kurz oder lang zum Einlenken bewegen.

Trotzdem werden Wissenschaftler auch in Zukunft noch des öfteren dem Trugschluß unterliegen, dass Forschungsergebnisse durch Publikation in einer angesehenen Fachzeitschrift einer möglichst breiten wissenschaftlichen Öffentlichkeit mitgeteilt werden könnten...

* J.Eldredge: "Characteristics of Peer Reviewed Clinical Medicine Journals" Med Ref Serv Quart 18(2):13-26 (1999)


Sie können Ihre Meinung zu der Verlagspolitik von NEJM bei folgenden Personen äußern: Kent R. Anderson, Publishing Director NEJM, kanderson@nejm.org und Francis X. Rockett, M.D., President, Massachusetts Medical Society, president@massmed.org.


 


Dieser Aufsatz ist erschienen in der Zeitschrift  med information.


 Diese Seite:  Seite drucken  Seite empfehlen  Seite kommentieren  © 2003-2004 ZB Medizin der ULB Münster :: Online-Redaktion 

 aktualisiert: 2004-09-16