ZB Medizin :: med information

Effizient und erfolgreich Literatur suchen. Teil 1


In diesem und den nachfolgenden Artikeln wird beschrieben, in welchen Schritten eine Literatursuche abläuft, welche Datenbanken, Kataloge und sonstigen Informationsquellen dabei benutzt werden sollen, und wie schlußendlich die Literatur beschafft werden kann. Alle Ressourcen und Abkürzungen finden Sie im Glossar auf den nächsten Seiten; Links zu den Ressourcen finden Sie auf unserer Homepage und in der Internetversion dieses Artikels. Eine Recherche der neuesten Literatur zu einem (Forschungs) Thema sollte folgende Stufen beschreiten, um effizient und erfolgreich zu sein (das natürliche Spannungsfeld zwischen Effizienz und Vollständigkeit wird in einer der nächsten Ausgaben behandelt):

 

  1. Fragestellung definieren.
  2. Suchbegriffe und Synonyme aufstellen. Ein- und Abgrenzung des Themas mit Hilfe von Lexika, Handbüchern und bereits bekannten Arbeiten.
  3. Alle Suchbegriffe ins Englische übersetzen (Sprachwörterbücher)
  4. Bestimmung relevanter Recherchedatenbanken (z.B. mit der DIMDI-Datenbankliste) a. Recherche in spezifischen Buchkatalogen oder Buchhandelsverzeichnissen (OPAC, KVK) b. Recherche in einer themenrelevanten Artikeldatenbank (zunächst meist MEDLINE)
  5. Ermittlung der relevanten Schlagwörter (MeSH, NLM-Klassifikation, SWD)
  6. Schlagwörter logisch verknüpfen. AND und OR nicht verwechseln!
  7. Sichtung der gefundenen oder empfohlenen Literatur
  8. Weitere Recherchen aufbauend auf den ermittelten relevanten Treffern oder wegen keiner gefundenen a. Recherche in weiteren Buch-, Dissertations- und Kongresskatalogen und Buchhandelsverzeichnissen (z.B. Amazon) b. Recherchen in weiteren Artikeldatenbanken (EMBASE, BIOSIS, PYSNDEX, Web of Science, Cochrane Library, AMED, OLDMEDLINE) c. Komplexe oder kostenpflichtige Recherchen (z.B. in ISTP) von professionellen Information Brokern durchführen lassen.
  9. Literaturbeschaffung a. Zeitschriftenartikel i. Artikel online im Volltext (Verlagsbutton in PubMed) ii. Artikel in der Bibliothek (Volltextangebot im Internet, Print-Titel vor Ort) iii. Nicht in Münster vorhandene Artikel über die Fernleihe bestellen (subito) b. Bücher i. In der Bibliothek (OPAC Münster) ii. ii. Nicht in Münster vorhandene Bücher über die Fernleihe bestellen (roter Leihschein)
  10. Eventuell weitere Sichtung der gefundenen oder empfohlenen Literatur (die Punkte 7-9 können mehrfach durchlaufen werden)
  11. Literaturauswertung

1. Fragestellung definieren

Das Thema für eine Beispielsuche sei: „Computertomographie und Kernspintomographie als Diagnoseverfahren beim Bandscheibenvorfall.“ Es sollen insbesondere solche Arbeiten gefunden werden, die beide Verfahren miteinander vergleichen.

2. Suchbegriffe aufstellen

Gesucht werden soll einerseits nach Arbeiten über radiologische Diagnosemethoden „Computertomographie“ sowie „Kernspintomographie“, andererseits nach Arbeiten über die „Diagnose des Bandscheibenvorfalls“.

3. Suchbegriffe ins Englische übersetzen

In der 4. Aufl. des Roche-Lexikon findet man unter Bandscheibenvorfall den Verweis auf Bandscheibenprolaps und die Übersetzungen „herniated or slipped disk“ und „herniated nucleus pulposus“. Unter Computertomographie finden wir die Abkürzung CT und die Übersetzung „computed tomography“. Für Kernspintomographie finden wir die Synonyme Kernspinresonanztomographie, NMR -Tomographie oder MRT und die englische Entsprechung „(N)MR tomography“ und „nuclear magnetic resonance imaging (NMRI)“.

A. Suche nach Büchern

4. Relevante Recherchedatenbanken bestimmen

Zunächst ist eine Suche im Bestand der Universität Münster angeraten, denn an deren Bücher kommt man sofort heran. Erst wenn man dort nichts findet, weitet man die Suche auf überregionale, nationale oder internationale Bibliothekskataloge oder Buchhandelsverzeichnisse aus. Dabei geht man folgendermaßen vor:

5. Relevante Schlagwörter ermitteln

Suchbegriff A: Im lokalen OPAC der Uni findet man unter Computertomographie 149 Titel. Das Schlagwort lautet Computertomographie, so dass man sicher sein kann, alle relevanten Titel nach 1990 gefunden zu haben. Trotzdem findet die Suche nach „CT“ noch etliche nicht-verschlagwortete Titel aus Zeitschriften oder vor 1990. Auch die Suche nach dem englischen Begriff „computed tomography“ liefert noch 12 weitere Titel. Suchbegriff B: Kernspintomographie liefert nur 28 Treffer, aber das ‚richtige’ Schlagwort NMR-Tomographie bereits 118. Suchbegriff C: Zu Bandscheibenvorfall (Schlagwort ebenfalls Bandscheibenvorfall) und -prolaps gibt es nur 23 Bücher. In der Zweigbibliothek Medizin werden alle Bücher zusätzlich zur Verschlagwortung auch noch nach Fachgebieten klassifiziert und aufgestellt. Das hat zur Folge, dass sachlich benachbarte Bücher auch im Regal nebeneinander stehen. Die dafür benutzte NLM-Klassifikation besteht aus zwei Buchstaben und einer Zahlengruppe. Jetzt wird auch verständlich, warum die Signatur der meisten Computertomographie-Bücher mit WN und die der Bücher über Bandscheibenvorfall mit WE 740 anfängt. WN bezeichnet das Fachgebiet Radiologie, Diagnostic Imaging und WE 740 ist die Stelle „Intervertebral Disks“ innerhalb des Skelettmuskelsystems. Alle Bücher über den Bandscheibenvorfall also in der Bibliothek unter WE 740 zu finden, egal ob es sich um ein Lehrbuch, ein Lesesaalbuch oder ein anderes Buch handelt.

6. Schlagwörter logisch verknüpfen

Da man Arbeiten sucht, in denen Computertomographie mit Kernspintomographie bei Bandscheibenvorfall verglichen wird, müssen alle drei Begriffe dort vorkommen. In logischer Schreibweise also: Suchbegriff A und B und C (s. Abb.). Für den OPAC umgesetzt lautet die Abfrage also im Expertenmodus: Computertomographie & Kernspintomographie & Bandscheibenvorfall, im normalen Modus schreibt man einfach die Suchbegriffe A, B und C nebeneinander in das Titel-Feld. Die Treffermengen von Synonymen müssen hingegen zuerst vereint werden, deshalb gilt: Computertomographie oder CT oder computed tomography, oder in der Sprache unseres OPACs: Computertomographie/CT/computed tomography (Expertenmodus).

7. Sichtung der gefundenen Literatur

Trotz der vielen Bücher zu jedem einzelnen Suchbegriff ist die Schnittmenge Null, d.h. es gibt vermutlich kein Buch im OPAC Münster zur obigen Fragestellung. Um zu entscheiden, ob ein Buch überhaupt an der Uni Münster vorhanden ist, muß man zusätzlich den Onlinekatalog der Institute (OKI) durchsuchen. Im OKI sind die Bestände von über 10 medizinischen Instituten nachgewiesen, so dass insbesondere vor einer Fernleihe eine Recherche angebracht ist.

8. Ausweitung der Recherche

Nun sollte man die Suche auf umfassendere Kataloge ausweiten. Die Deutsche Zentralbibliothek für Medizin (DZM) in Köln bietet einen Katalog ihrer über 1 Mio. Bücher an, der es z.B. erlaubt, gezielt nach Dissertationen oder Habilitationen seit 1977 zu suchen. Die Deutsche Bibliothek (DDB) in Frankfurt und Leipzig weist alle deutschen Dissertationen seit 1945 in ihrem Katalog ILTIS nach. Der LOCATORplus genannte Buchkatalog der größten Medizinbibliothek der Welt - der NLM - ist für englischsprachige Titel die erste Wahl. Doch am einfachsten kann die Recherche über den Karlsruher Virtuellen Katalog (KVK) ausgeweitet werden, denn diese Metasuchmaschine für Bibliothekskataloge durchsucht nicht nur DZM und DDB gleichzeitig, sondern neben hunderten weiteren Bibliothekskatalogen auch Buchhandelsverzeichnisse von lieferbaren (oder sogar vergriffenen) Büchern wie z.B. Amazon oder das VlB. Im KVK lassen sich einige Titel finden, wie z.B. „Computertomographie, Myelographie und Kernspintomographie im Vergleich in der Diagnostik lumbaler Bandscheibenvorfälle“ oder „Bandscheibenvorfall: ein Vergleich von CTD mit Computertomographie (CT), Kernspintomographie“ oder „Vergleich der diagnostischen Wertigkeit von Computertomographie, Kernspintomographie und Myelographie bei Bandscheibenpathologie“. Wie beim letzten Titel zu erkennen, lohnt es sich, die Suchbegriffe zu trunkieren, d.h. nur die Wortstamm „Bandscheibe*“ zu suchen und das Wortende durch einen Stern beliebig zu lassen. Sollte man auch im KVK unter den verschiedensten deutschen und englischen Synonymen nichts finden, so wird - wenn man keinen Eingabe- oder Denkfehler begangen hat - die Fragestellung wahrscheinlich zu speziell für einen Buchtitel gewesen sein. Nun gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder sucht man nach einem Buch zu einem übergeordneten Thema wie in diesem Fall z.B. „Diagnose mit dem CT“ oder „Diagnosen von Bandscheibenvorfällen“ und hofft, dass es ein Kapitel oder Referenzen zu dem gesuchten Thema enthält oder man setzt die Suche in einer fachspezifischen Zeitschriftenartikeldatenbank wie z.B. MEDLINE fort. Ob

Fortsetzung: Teil 2

Zum GLOSSAR


 


Dieser Aufsatz ist erschienen in der Zeitschrift  med information.


 Diese Seite:  Seite drucken  Seite empfehlen  Seite kommentieren  © 2003-2004 ZB Medizin der ULB Münster :: Online-Redaktion 

 aktualisiert: 2004-09-16